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“... begleitet mich,
weil ich es bin.”

Kristine Huber mit der Labrador-Hündin Vitta

Kristine Huber, 40 Jahre, ist von Geburt an blind und arbeitet als Lehrerin.
Seit gut neun Monaten verlässt sie sich auf ihre Labradorin Vitta.



„Ich war überzeugte Stockgängerin. Weil der Stock nicht frisst, er muss nicht raus und wenn er kaputt ist, schmeißt man ihn weg. Ohne Emotion. Ich fand das besonders als Studentin angenehm, emotional nicht gebunden zu sein, kommen und gehen zu können, wann ich will. So ein wechselnder Rhythmus wäre dem Hund nicht zuträglich gewesen. Hunde brauchen Ruhe und Festigkeit in ihrem Leben. Mit zunehmendem Alter wird es schwieriger für mich, mich zu konzentrieren, der Straßenverkehr wird aggressiver. Nach acht Stunden Arbeit ist es eine große Herausforderung, den Heimweg anzutreten.“

„Ich wünsche mir einen Hund seit meiner Kindheit. Ich hab früher immer gedacht, Überraschung, Überraschung, irgendwann würden meine Eltern ein Körbchen mit einem Hund anbringen. Das haben sie nie gemacht. Weil sie natürlich wussten, welch eine Verantwortung man hat. Ein Blindenhund braucht eine ganz verlässliche Chefin, so wie ich eine ganz verlässliche Hündin brauche. Und das war ich lange Zeit nicht, weil ich dachte, ein Hund ist einfach nur eine schöne Sache. Ein Hund ist aber fast wie ein kleines Kind.“

„Wenn Vitta im Geschirr geht und führt, zeigt sie den Weg auf Basis meines Grundbefehls ‚nach rechts‘, weil ich die Gegend kenne. An einer Baustelle aber zum Beispiel entscheidet Vitta, wie sie geht, und ich greife überhaupt nicht ein. Und auch ich danke es ihr mit Verlässlichkeit. Ich darf nicht ignorieren, wenn sie raus muss und ich eigentlich gerade nicht mag; ich schmuse mit ihr, streichle, füttere und bürste sie. Ich bin auch verantwortlich dafür, dass es ihr gut geht, während ich arbeite. Sie ist ja im Unterricht mit dabei und ist ‚abgemeldet‘. Wenn sie unruhig wird, verzichte ich auf die große Pause und gehe schnell raus mit ihr.“

„Es gibt die Regel, dass der Hund im Geschirr vieles nicht darf. Andererseits habe ich gelernt, Situationen einzuschätzen. Wenn auf der anderen Straßenseite ein Hund kläfft, ‚guck mal‘, dann guckt sie, aber wir gehen auf jeden Fall weiter. Begegnen wir aber direkt einem Hund, würde ich es brutal finden, sie nicht gucken zu lassen, und dann gebe ich ihr ein Kommando, dass sie frei ist, und dann kann sie kurz  an der Leine hingehen, schnuffeln, sich bekannt machen und dann gehen wir mit Führgeschirr weiter. Das tut meiner Vitta gut, der Kontakt zu anderen Hunden und Menschen.“

Kristine Huber mit der Labrador-Hündin Vitta„Manchmal muss ich Müttern sagen, sie sollten sich gut überlegen, ihr Kind einfach auf einen fremden Hund zugehen zu lassen. Ohne den Besitzer zu fragen, ob der Hund gestreichelt werden darf. Manche wollen Vitta sogar füttern. Das ist sehr übergriffig. Vitta ist ein Hilfsmittel und ist im Dienst. Und was sie wann bekommt, entscheide ich ganz allein.“

„Ich kann Dinge tun, die ich mit Langstock nicht angehe – wie Spazieren im Wald, wo du mit dem Stock rumrödelst, alleine über die Waldwege taperst. Vitta hingegen muss raus, will laufen und ist eine ungemeine Motivation. So verlaufe ich mich recht häufig mit Vitta und bin dann aus Versehen in einem Ort, wo noch nicht mal jemand auf der Gasse ist. Das ist anstrengend, aber auch gut, weil wir kleine Abenteuer selbstständig bewältigen. Und ich ohne meinen Freund so oft und lange laufen kann, wie ich will.“

„Eigentlich bin ich eine Spätaufsteherin. Aber Vitta bewegt mich morgens, mittags, abends, nachts. Und ich empfinde das als sehr, sehr vorteilhaft. Ich bin immer begleitet, wo ich früher alleine war. Und sie tut mir auch seelisch gut. Weil sie so nett und tröstlich ist und zugleich individuell. Wenn sie mich nicht will, tritt sie mich mit der Pfote weg. Da ist sie so klar, wie sie sonst anhänglich ist. Sie ist charakterfest.“

„Wir hatten drei Wochen begleitete Eingewöhnung miteinander und Vertrauen wächst allmählich. Sie hat etwas Anziehendes, etwas
ganz Liebenswertes für mich. Mit der Zeit ist Vitta mit mir gegangen und hat mich begleitet, weil ich es bin. Und nicht, weil es irgendjemand ist. Wenn sie lange gearbeitet und geführt hat, kann es sein, dass die Konzentration nachlässt. Da muss ich aber auch bei führenden Menschen aufpassen, die nicht jede Kuhle oder jeden Huckel bemerken. 100 Prozent sicher kann man nicht geführt werden.“

echt info

Vittas Ausbildung: Stiftung Schweizerische Schule für Blindenführhunde: www.blindenhundeschule.ch

aufgezeichnet von J. Rainer Didszuweit

 

erschienen in echt, 2. Quartal 2007
Copyright by EKHN, Darmstadt
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