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Singende Seele Christen in aller Welt gedenken im Jahre 2007 des 400. Geburtstags des großen protestantischen Theologen und Liederdichters Paul Gerhardt. Viele seiner Lieder sind „Klassiker“ geworden. 27 davon stehen heute noch im Evangelischen Gesangbuch, zwölf im katholischen „Gotteslob“. Paul Gerhardt hat seine engere Heimat Kursachsen und Brandenburg nie verlassen. Seine Lieder aber werden heute in aller Welt gesungen.
Das scheinbar harmlose und liebliche Sommerlied stammt aus eben jenem Jahr, als der große Krieg zu Ende geht. Dichter ist der noch unbekannte Berliner Theologe und Hauslehrer Paul Gerhardt, 41 Jahre alt, ohne Examen und mangels einer sicheren Existenz auch immer noch unverheiratet. Bei genauerem Hinsehen ist das Lied keineswegs harmlos. Mit sicherem Gefühl für Sprache und Versmaß entfaltet Paul Gerhardt einen Bilderbogen der verschwenderischen Sommerfülle in der Natur als ein Gleichnis für die Güte Gottes, der seine Menschen nicht verlässt. Und alle Schönheit der Natur ist für ihn nur eine Vorstufe der Herrlichkeit, die den Glaubenden einst im Himmel erwartet. Ein Trostlied in schwerer Zeit, zu singen gegen alle Ängste und Hoffnungslosigkeiten. Bereits ein Jahr vor Kriegsende sind in einem Berliner Gesangbuch die ersten 18 Lieder Gerhardts erschienen. Weitere folgen in kurzem Abstand, insgesamt 139. „Klassiker“ des Kirchenlieds. Auch nach 350 Jahren haben sie ihren bilderreichen, tröstenden Grundton nicht verloren.
Paul Gerhardt weiß aus eigener, schwerer Erfahrung, was er da den Christen zu singen empfiehlt. 1607 in Gräfenhainichen geboren, verliert er früh seine Eltern und ist bereits mit 14 Jahren Vollwaise. Gönner verhelfen ihm zum Besuch der Fürstenschule in Grimma und zum Theologie-Studium in Wittenberg. Einen richtigen Abschluss macht er nie – zu früh muss er wohl als Hauslehrer Geld für den Lebensunterhalt verdienen. 1642 zieht er nach Berlin. Die Schrecken des Dreißig-jährigen Krieges sind noch allgegenwärtig. Schwedische und kaiserliche Truppen haben Brandenburg drangsaliert, die Pest in Berlin hat ein Übriges getan.
Erst 1651 erhält Paul Gerhardt, als Theologe und Liederdichter inzwischen weit bekannt, seine erste Pfarrstelle in Mittenwalde und kann 1655, mit 48 Jahren, endlich heiraten. Aber schon seine erste Tochter stirbt nach einem Jahr. 1657 kehrt er als Pfarrer an die Berliner Nikolaikirche zurück, aber auch dort nehmen die Schicksalsschläge kein Ende. Nur eines seiner fünf Kinder überlebt die ersten Monate. Paul Gerhardt kennt den furchtbaren Schmerz, ein geliebtes Kind zu verlieren. Auch seine Frau stirbt 1667 nach zwölf Jahren Ehe und der 61-jährige Witwer steht mit seinem einzigen, fünfeinhalbjährigen Sohn alleine da – und hat wegen theologischer Streitigkeiten auch noch seine Stelle verloren.
Aus heutiger Sicht ist schwer zu verstehen, welchen Streit Paul Gerhardt als strenger Lutheraner in Berlin führt, der dann seine Amtsenthebung zur Folge hat. Zwei reformatorische Bewegungen, Lutheraner und Calvinisten, bekämpfen sich heftig und beim konfessionellen Abwatschen von der Kanzel ist auch Gerhardt nicht kleinlich. Der brandenburgische Kurfürst findet das zunehmend ärgerlich, denn beim wirtschaftlichen Aufschwung seines Landes helfen besonders Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, die Hugenotten. Und die sind calvinistischen Glaubens. Vergebens verlangt der Kurfürst in mehreren Edikten von den Lutheranern Zurückhaltung. Paul Gerhardt hält es für seine Pflicht, gegen die „Irrlehren“ zu Felde zu ziehen. Was kümmern ihn Politik und Wirtschaft? Aber der Kurfürst setzt sich durch. Gerhardt muss gehen.
Die letzten acht Jahre verlebt Paul Gerhardt als Pfarrer in Lübben im Spreewald. Aber seine Schaffenskraft ist dahin und der Dienst wird ihm zunehmend schwer. Wohl bald nach seinem 69. Geburtstag im März 1676 setzt er sein Testament auf, dankt darin Gott für alles „an Leib und Seele“ empfangene Gute, bittet ihn um „eine fröhliche Abfahrt“ und freut sich „am lieben Jüngsten Tage“ auf die Begegnung mit dem Auferstandenen und allen seinen Lieben. Ein Jahr später stirbt er, nach Zeugenaussagen getröstet mit der eigenen Liedstrophe:
Paul Gerhardt, der Mann, dessen Gottvertrauen Krieg und Leid nicht zerstören konnten, liegt vermutlich in der Nähe des Altars der Lübbener Kirche begraben. Die Kirche trägt seinen Namen. Vor 100 Jahren hat man ihm vor der Kirche ein Standbild errichtet. Aber was ist das schon gegen seine Lieder?
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erschienen
in echt, 1. Quartal 2007
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