echt Interview

 

echt sprach mit der Schauspielerin Anke Sevenich über Krimis, Kunst und Kinderglauben – und was sonst noch eine Rolle spielt


Frau Sevenich, viele Zuschauer kennen Sie vor allem aus Kriminalfilmen. Ist das ein Zufall ?
Das ist eher ein Fluch (lacht). Ich würde lieber eine größere Bandbreite spielen – aber man wird meistens so besetzt „wie gesehen“. Heute hat ein einzelner Regisseur wenig Einfluss. Früher dagegen machte er den Film, besetzte ihn, hatte ihn womöglich auch geschrieben. Doch heute steht nicht mehr der Wille zur Kunst so über allem. Es sind zu viele beteiligt, die einen Konsens finden müssen. Bei den Besetzungen geht man dann lieber auf Nummer sicher...

Aber Sie wollen doch in Ihren Rollen auch etwas von sich selbst ausdrücken ? 
Ich zeige immer Dinge von mir, das hat aber nichts mit wilden Entäußerungen zu tun. Das denkt man als Anfänger: Wenn man viel schreit, hat man viel von sich gezeigt. Dem ist aber nicht so. Es stimmt auch nicht, dass man besonders viel von sich hergibt, wenn man sich im wahrsten Sinne des Wortes auszieht. Beim Theater macht man das eher um des Skandals willen. Ich möchte aber der Geschichte wegen ins Theater gehen und nicht ansehen, wie absichtlich Schamgrenzen verletzt werden. Wenn natürlich in einer glaubhaften Geschichte zwei Leute miteinander ins Bett gehen, dann haben die keinen Rollkragenpullover an.

Beschäftigen Sie sich auch außerhalb Ihrer Arbeit mit ihren Rollen ?
Ja, ich lebe gerne in meinen Rollen. Manchmal, wenn ich ein Drehbuch lese, frage ich mich: Steht das jetzt im Buch oder hast du das erlebt? Es beschäftigt mich in einer konstruktiven Weise im Alltag.

„Ich versuche wahrhaftig und echt zu bleiben.“

Und wie kommt das in Ihrem Umfeld an – zum Beispiel bei Ihrem Sohn ?
Früher hat er wegen einer Rolle gedacht, ich sei Ärztin. Es geniert ihn nicht, momentan ist er durchaus angetan, wenn Klassenkameraden mich im Fernsehen sehen. Er würde mich am liebsten zu jedem Dreh begleiten.

Passiert es auch, dass Sie aus Rollen nicht mehr herauskommen ?
Nein. Ich bin professionelle Schauspielerin und bezahle diesen Beruf nicht mit Wahnsinn.

Manche sagen, kindliche Neugierde ist wichtig, um als Schauspielerin zu bestehen...
Es ist eher die Frage, wie man es schafft, in diesem Beruf in Würde älter zu werden. Man steht ja immer selbst zur Disposition. Beim Maler ist es das Gemälde, bei uns heißt das: „Du, du, du“. Die Leute sagen irgendwann: „Die ist aber alt geworden.“

Zuschauerinnen identifizieren sich ja mit den Frauen, die Sie verkörpern. Was bedeutet das für Sie ?
Loyal zu sein und die Rolle nicht zu denunzieren. Ich versuche wahrhaftig und echt zu bleiben. Was ich mir wünsche, ist, dass die Zuschauer sagen: „Die ist so“. Mein erstes Ziel ist Glaubwürdigkeit.

Kann man mit einer Rolle auch gesellschaftlich etwas verändern ?
Ich bin nicht missionarisch. Als Schauspielerin kann ich Menschen berühren, ihnen aber keine Lösung geben. Ich gucke bei mir selbst, möchte aber nicht die Welt verbessern, sondern meinen kleinen Kreis, zu dem Familie, Freunde, Nachbarn gehören, in Ordnung halten. Das ist schon viel – mich der Verantwortung stellen und mich drum kümmern.

Was bedeutet das konkret ?
Dass ich zum Beispiel meinem Kind beibringe, wie man mit Krisen oder Problemen umgehen kann. Oder wirklich Anteil nehme am Leben anderer. Dazu gehört zunächst, dass ich für mich selbst ethisch Verantwortung übernehme und das ernsthaft betreibe. Mein Sohn ist jetzt neun und ich möchte ihm gerne zumindest als Angebot ein paar von meinen Werten mitgeben. Dazu muss ich natürlich wissen, welche ich habe.

Spielt Religion dabei eine Rolle ?
Ich komme aus keiner sehr religiösen Familie – die war im Glauben eher praktisch orientiert: „Wenn die Not groß ist, kann der liebe Gott mal helfen“ (lacht). Aber ich denke eher, gerade wenn es einem gut geht, ist es an der Zeit, sich Gedanken zu machen. Dann hat man die Ruhe und die Möglichkeiten.

Wie sehen diese Gedanken bei Ihnen aus ?
Ich setze mich in den letzten Jahren in einer anderen Weise mit Religion auseinander, nicht mehr mit so einem Kinderglauben. Es ist umfassender im Hinblick auf Sinn und Gemeinschaft. Mir tut es gut, in die Kirche zu gehen. Das ist wie eine stille Besinnung. Ich muss nicht immer konform mit dem gehen, was der Pfarrer in der Predigt sagt. Aber oft ist was dabei, worüber ich dann noch zwei, drei Tage nachdenke.

Und was verändert das in Ihrem Alltag ?
Im Idealfall gibt es mir Ruhe und eine gelassene Zuversicht. Ich gehe auch von Zeit zu Zeit in einem Benediktinerkloster meditieren. Da schweige ich beispielsweise (lacht). Eine tolle Erfahrung für jemanden, der sein Geld mit Sprechen verdient.

Gab es einen besonderen Anlass, sich dieser neue Erfahrung zu öffnen ?
Vor längerer Zeit starben innerhalb von drei Jahren drei Menschen aus meinem engsten Kreis. Das war zu viel Tod in zu kurzer Zeit. Ich war in seelischer Not und bin dorthin gegangen. Das hat mir sehr, sehr geholfen, ohne dass konkret etwas passiert ist. Außer Schweigen. Und Trauer. Zehn Jahre später hab ich mich erinnert und gedacht, es wäre gut, mal wieder ein wenig aufzuräumen. Es gibt dafür so ein komisches Wort: „Seelische Hygienemaßnahme“.

Und wie stehen Sie zur Kirche ?
Sie ist für mich eine Hoffnung. Gerade in Zeiten, in denen die Ökonomie so prägend und bestimmend ist und Werte verloren gehen, die sich nicht in Gewinnen messen lassen. Miteinander kommunizieren, Sinn und Inhalte finden, die weiter tragen – das kann in der Kirche stattfinden. Ich glaube, das Bedürfnis danach wird wachsen. Das kann man nicht einfach wegrationalisieren im Rahmen der Globalisierung.

„Mir tut es gut, in die Kirche zu gehen.
Das ist wie eine stille Besinnung.“

Wo sollte sich die Kirche denn besonders engagieren ?
Zum Beispiel finde ich die Evangelischen Familienberatungsstellen ganz fantastisch. Es gab da eine Situation mit unserem Sohn, in der ich gerne einen Rat von einem Fachmann wollte. Die Leute, die ich dann in der Beratungsstelle getroffen habe, waren ungemein kompetent und großartig. Ich finde das eine große Leistung der Kirche. Wer kümmert sich denn sonst bei uns um Leute, um die sich sonst niemand kümmert? Ich denke da nur an die Bahnhofsmission.
Wir brauchen wieder mehr dieses Selbstverständnis, dass jeder mithilft.

Kann die Kirche dabei eine treibende Kraft sein?
Unbedingt. Kirche existiert so lange und hat schon so viele Krisen überlebt, da braucht man jetzt nicht gleich schwarz zu sehen. Auch wenn viele Menschen nicht in die Gottesdienste kommen – die Tatsache, dass sie Kirchenmitglied sind, ist nicht zu unterschätzen. Wenn ich frage: „Warum bist du denn noch in der Kirche?“, fangen die Leute an nachzudenken – und dann fallen ihnen plötzlich gute Gründe ein.

Interview: J. Rainer Didszuweit und Jörn Dietze
Fotos: Nadja Klier

Anke Sevenich wurde 1958 in Frankfurt geboren, wo sie heute auch lebt. Bekanntheit erlangte die Schauspielerin, die ihre Ausbildung in Hannover absolvierte, durch zahlreiche Krimi-Reihen, die Serie „Klinikum Berlin-Mitte“ und vor allem als „Schnüsschen“ in Edgar Reitz’ Kinofilm „Die zweite Heimat“. Als Theaterschauspielerin hatte Anke Sevenich ein Festengagement am Staatstheater Hannover. In dieser Zeit spielte sie die großen weiblichen Rollen in vielen klassischen Stücken.

 

 


erschienen in echt, 1. Quartal 2007
Copyright by EKHN, Darmstadt
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