echt Glaube

„Und sie waren beide nackt, der Mann
und die Frau, und sie schämten sich nicht.“
(1. Mose 2.25 )

Dresscode Paradies

Mit dem Nacktsein ist das so eine Sache. Einerseits: Man genießt es, zumindest ab und zu. Selbst der sittenstrenge Moralist und die sonst immer prüde Tante wissen es zu schätzen, wenn sie – allein, versteht sich, und nach sorgfältigem Verriegeln der Zimmertür – alle Kleidungsstücke beiseite legen können, um zum Beispiel ein Bad zu nehmen. Welch ein Genuss, wenn das weiche Wasser die Haut umspielt, nicht mehr die kleinste Textilie den Körper berührt! Das fühlt sich ein wenig nach Freiheit an und nach Leichtigkeit oder gar nach purem Leben – wunderbar und ursprünglich. Einerseits.

Andererseits verhüllen wir schamhaft und konsequent bestimmte Teile des Körpers vor anderen. Und schon früh lernen Kinder die Grenzen kennen. Was zu Hause vielleicht noch geht, ist außerhalb unmöglich und die Geschlechtsteile bleiben sowieso verborgen. Warum? Das ist eben so. Nur die Fünfjährigen dürfen noch völlig nackt ins Freibad – und selbst das nicht überall. Diese eigenartige Spannung zwischen Lust am Nacktsein und Scham, die das Nacktsein auslöst, begleitet uns das ganze Leben.

Nackt wie Gott sie schuf
Als die Menschen aufgeschrieben haben, dass Gott Himmel und Erde und alles Leben darauf erschaffen hat, fügten sie gleich noch für ein paar weitere schwierige Fragen Antworten hinzu. Warum die Schlange keine Beine hat zum Beispiel oder warum man sein Leben lang hart arbeiten muss (1. Mose 2–3). Und es wird eben auch beschrieben, woher diese eigenartige Spannung zwischen Scham und Lust kommt.

Die wunderbare Erzählung vom Paradies berichtet, dass Eva und Adam als die ersten Menschen zunächst mal splitterfasernackt waren. Eben so, wie Gott sie schuf. Und es heißt ausdrücklich, dass die beiden sich nicht geschämt haben, obwohl sie völlig nackt gewesen sind. So hätte das, folgt man dem biblischen Text, nach Gottes Willen nun
auch bleiben können und sollen. Doch bekanntlich kam es anders. Als die Menschen Früchte vom „Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen“ gegessen hatten, erwachte in ihnen das Gefühl, dass sie sich nicht vorein-ander und schon gar nicht vor Gott unbekleidet zeigen dürften. Mit den recht großformatigen Feigenblättern wussten sie sich fürs Erste zu verhüllen. Später half Gott selbst, so heißt es, mit Fellröcken aus, die er ihnen anfertigte und überzog, wahrscheinlich einfach aus Mitleid mit den sich schämenden Geschöpfen.

Unverschämte Zuversicht
Seither gibt es auf der Erde Kleiderordnungen. Nicht gottgewollt, sondern von Menschen festgelegt. So unterschiedlich das, was als schicklich gilt, sich in den verschiedenen Kulturen entwickelt hat, Schamgrenzen und entsprechende Dresscodes gibt es überall.

Obwohl sich also die Mehrheit der Menschen seit Jahrtausenden schämt, wenn sie nichts mehr anhat, hat die Ahnung, dass Nacktsein auch wunderschön sein kann, alle Kleidermoden und alle moralischen Grenzen überdauert. Es ist die uralte Erinnerung ans Paradies, den Garten Eden, in den Gott das nackte Menschenpaar gesetzt hatte. Die unverschämte Zuversicht und Sehnsucht auf eine Rückkehr in diesen paradiesischen Zustand ist lebendig geblieben. Und manchmal, etwa in der Liebe eines Paares, bekommt Sehnsucht neue Nahrung, dass wir Leib und Leben als von Gott geschaffenes Ganzes ganz ohne Scham genießen können.

 Helwig Wegner-Nord

Pfarrer Helwig Wegner-Nord leitet das MEDIENHAUS der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Frankfurt.

Foto: Rolf Oeser

Pfarrer Helwig Wegner-Nord

 

 

 


erschienen in echt, 1. Quartal 2007
Copyright by EKHN, Darmstadt
« Zurück