Aus der Redaktion
„Man muss sich auch über die kleinen Schritte im Leben freuen!“ – Kennen auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, diesen Spruch? Zugegeben, ich habe meist gegrinst, weil dem der das sagt, klar zu sein scheint, dass man an Nennenswertes eh nicht ran kommt und Großes sowieso nicht bewirken kann. Mir steckten in dieser Feststellung zu viel erbarmenswerte Hilflosigkeit oder trotzige Resignation.
Wir leben in einer Welt, die mit immer weniger Scham auf militärische Macht und Profitmaximierung setzt. Das Vertrauen auf großmundig angekündigte Gegenentwürfe ist ohnehin verspielt. Zeit also, Anstöße wahrzunehmen und wach die eigenen Gestaltungsräume zu überdenken? Das könnte Sinn machen.
Nach der jüngst veröffentlichten 15. Shell-Studie, einer Klassikerin der Jugendforschung, haben „Eigenverantwortung“ und „Familie“ (89 Prozent) sowie „Freundschaft“ (97 Prozent) ein großes Gewicht für die Lebensgestaltung Jugendlicher. Jedoch bekennt sich nur jeder Dritte zu einem persönlichen Gott: „Die Kirche als moralische Instanz wird (jedoch) durchaus positiv bewertet, sie bestimmt aber nicht das persönliche Wertesystem“, so der Leiter der Studie, Prof. Klaus Hurrelmann von der Uni Bielefeld.
Erstere Ergebnisse sind erfreulich, letztere überraschen nicht. Da, wo im Elternhaus nicht überzeugend christlicher Glaube gelebt wird, haben nachfolgende „Sozialisationsinstanzen“ kaum eine Chance. Aber auch etwas anderes ist seit langem klar: Je überschaubarer ein mögliches Engagement ist und je deutlicher der zeitliche Rahmen, desto mehr sind die Menschen bereit, sich zu engagieren. Mehr als zwei Millionen beteiligen sich beispielsweise mittlerweile an der evangelischen Aktion „Sieben Wochen ohne“.
Wo die großen Kirchen einbrechen, füllen andere die Lücke. So hat Deutschlands populärster Trend- und Freizeitforscher Horst W. Opaschowski „Zehn Gebote des 21. Jahrhunderts“ formuliert: „Knüpf dir ein verlässliches soziales Netz, damit dich Freunde und Nachbarn ein Leben lang begleiten können“ oder „Hilf anderen, damit auch dir geholfen wird“, heißt es etwa.
Ob da der Forscher trendig der Kirche den Rang streitig macht?
Herzlich, Ihr
J. Rainer Didszuweit
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