echt Interview

„Das richtige Signal zur richtigen Zeit ...“

In ihrem Dokumentarfilm LOST CHILDREN porträtieren die Regisseure Ali Samadi Ahadi und Oliver Stoltz vier Kindersoldaten zwischen acht und 14 Jahren, denen die Flucht aus den Lagern der Rebellen in Norduganda gelang. Trotz mehrfacher Auszeichnungen hat der Film bislang noch keine nennenswerte Resonanz in den Kirchengemeinden gefunden. echt sprach mit Oliver Stoltz, 37, über den holprigen Pfad zu einem Engagement und darüber, wie afrikanische Kinder zum Tagesthema werden können.

 

Ihr mit einfachen Mitteln gedrehter Film hat viel angestoßen. Was war Ihre Strategie?
Wir hatten keine. Was wir in Uganda gesehen haben, hat das gesamte Filmteam sehr mitgenommen. Daraus entstand der starke Wunsch, etwas zu bewegen – aber eher in viel kleinerem Rahmen. Die Hoffnung, eine Öffentlichkeit zu bekommen, hat sich erst während der Dreharbeiten entwickelt. Nach der ersten Reise haben wir mit Freunden und Bekannten einen Arzt und Medikamente für den Ort, an dem wir gedreht haben, organisiert. Daraus ist jetzt eine Krankenstation entstanden.

Aber das war ja nur der Anfang... 
Als ein Verleiher sagte, er möchte den Film rausbringen, hat mich das selbst überrascht. Mit afrikanischen Themen stößt man bei uns an Grenzen. Schwarze Menschen treffen als Darsteller nicht auf Freunde, wenn sie nicht gut in einen amerikanischen Film eingebunden sind (lacht). Aber uns war klar, dass wir mit diesem Film nicht unseren Lebensunterhalt bestreiten müssen. Da konnten wir einfach das erzählen, was in Uganda Leben heißt.

Haben Sie ganz bewusst ein politisches Thema eher unpolitisch präsentiert?
Ganz genau. Das macht Dokumentarfilm aus. Wenn Fakten geholfen hätten in 20 Jahren Krieg, wären Leute aufgewacht, denn es gab ja genug Berichterstattung über Kindersoldaten. Also dachten wir: Mehr Emotionen als Informationen. Eine Geschichte erzählen, die nicht in Kitsch und Pathos gerät mit Klavierspieler und weinenden Kindern, wie man das von irgendwelchen Charity-Galas kennt, ist eine Chance.

Aber mittlerweile ist daraus ein ausgesprochen politisches Engagement geworden...
Wir haben schnell gemerkt: Ein wichtiger Schlüssel ist Geld. Die ugandische Regierung hat kein großes Interesse, Friedensgespräche zu führen, weil sie durch Korruption von Entwicklungshilfe profitiert. Also muss man Entwicklungshilfe an Forderungen knüpfen. Das ist der lange Weg, dessen Ziel wir jetzt endlich erreicht haben. In der letzten Bundestagssitzung vor der Sommerpause wurde ein Antrag über Parteigrenzen hinweg angenommen, der von der Bundesregierung fordert, die Regierung in Uganda zu einer Beendigung der Gewalt im Norden des Landes zu drängen. Und das an einem Punkt, wo die Rebellen bereit für Friedensverhandlungen sind, aber die Regie-rung nicht. Das ist hier genau das richtige Signal zur richtigen Zeit.

Die Regierung hin – wir her: Was können wir tun?
Uns ist wichtig, dass möglichst vielen jungen Menschen die Augen geöffnet werden. Dass sie die Möglichkeit haben, den Film zu sehen. Daher würde es uns helfen, wenn wir auch Schulvorführungen in Hessen und Rheinland-Pfalz anbieten könnten. Wer nicht viel Zeit hat, selbst was zu tun, kann zum Beispiel Geld an unterschiedliche Organisationen oder unser Projekt Pajule-Aid spenden (bitte beachten Sie den Info-Kasten und den echt-Service).

Wieso sind Schüler eine besonders wichtige Zielgruppe?
Unsere vier Kinder im Film sind ähnlich alt wie die Schüler hier. Wir können so eine Brücke bauen, denn wenn sie die vier Gleichaltrigen auf der Leinwand sehen, fragen sie sich bestimmt: Was würde ich tun? Wie verhalte ich mich? Wie würden meine Mutter und meine Großmutter mit mir umgehen? Kinder setzen das in ihren Weltkontext ein – unabhängig davon, ob das jetzt Hauptschule oder Gymnasium ist.

Was beschäftigt die Jugendlichen am meisten?
Dass wir zeigen, wie es Kindern geht, nachdem sie Soldaten waren. Was machen sie dann? Denn ob sie nun wollten oder nicht, sind sie zum Mordwerkzeug geworden und haben mit den eigenen Händen jemanden umgebracht. Das bleibt haften.

Und welche Rückmeldungen bekommen Sie?
Seitenlange Gästebuch-Einträge. Schüler geben uns Briefe mit, die wir in Norduganda verteilen, organisieren Vorführungen, sammeln Geld, machen Projekte. Ganz im Gegensatz zu dem, was über sie so erzählt wird: dass alle desinteressiert sind und nur Playstation und Shakira im Kopf haben. Sie bekommen nur einfach nicht die Möglichkeit, sich mit Themen in solch einer Art auseinanderzusetzen. Es ist sehr schwierig, zu der Altersgruppe durchzudringen, weil wir nicht in Multiplex-Kinos drin sind und nicht einfach Vorführungen in Schulen organisieren können.

Sie zeigen keine hilflosen Menschen, Sie zeigen sehr aktive Afrikaner...
In anderen Filmen sind es oft Weiße, die Schwarzen helfen. Wir wollten bewusst zeigen, dass die sehr wohl in der Lage sind, ihre eigenen Probleme zu lösen. Nur: Sie sind ein Spielball der Interessen von überall her. Wenn man nur das Wort „Kindersoldaten“ erwähnt, ist man bei vielen schon in der Schublade des Klischees über Afrika drin und wenn man dann noch „Krieg“ und „Flüchtlingslager“ hört, denken viele: Wir haben hier genug Probleme. Wieso jetzt noch Afrika?

Und doch gibt es überraschte Reaktionen auf den Film...
Ja, weil dieser Film auch zeigt, dass diese Kinder sich freuen können und man als Zuschauer nicht im Kanonenfeuer an der Front sitzt. Sondern steuern kann: Wie viel lasse ich an mich ran? Es sind ja primär Erlebnisse der Kinder, die erzählt werden.

Religion hat im afrikanischen Alltag einen festen Platz – auch im ugandischen Bürgerkrieg?
Mittlerweile sind die evangelische und die katholische Kirche die einzige Opposition im Land. Die Einzigen, die sich vorwagen, Friedensinitiativen starten, mit der Regierung und den Rebellen reden. Auf der anderen Seite gibt es die Rebellen, die sagen, sie wollen einen Staat aufbauen nach den zehn Geboten. Letztlich ist es ein grausamer Kult, der sich christlicher, muslimischer und traditioneller religiöser Elemente bedient, um als Räuberbande Erfolg zu haben. Da gibt es keine politische Idee, die strategisch verfolgt wird. Man nutzt Religion, weil man weiß, welchen Einfluss sie auf das Volk hat und auch auf Kinder insbesondere haben kann.

Veränderte der Film Sie selbst?
Ich lerne zum Beispiel, wie ich das, was mir wichtig ist, nach vorne bringen kann. Der Film hat uns allen die Augen geöffnet, wie die Welt funktioniert und wie die Machtverhältnisse sind. Es gibt kein wirkliches Mitgefühl in politisch-wirtschaftlichen Zusammenhängen. Und bei den Hilfsorganisationen gibt es große Unterschiede, was das Ethos betrifft. Eine interessante Erfahrung ist auch, zu sehen, wie lange politische Prozesse dauern und wie man aufpassen muss, vor welchen Karren man sich spannen lässt. Nicht alles, was auf den ersten Blick richtig erscheint, ist es auch.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Wir hatten schon Kontakt mit Anwälten, um den Internationalen Gerichtshof (IGH) dazu zu bringen, ein Verfahren gegen Uganda einzuleiten. Bevor wir das umsetzen konnten, ist der Präsident selbst auf die Idee gekommen. Dadurch ist Norduganda der erste Fall im internationalen Strafgericht. Doch das hat dem Konflikt letzten Endes nicht gut getan. Wir hätten nie gedacht, dass der IGH kein richtiges Zeugenschutzprogramm hat und Kinder, die dort aussagen, noch mehr zur Zielscheibe der Rebellen werden. Daher bin ich rückwirkend sehr froh, dass nicht wir es waren, die den Prozess angeschoben haben.

Ist diese Komplexität ein Grund dafür, warum so viele Menschen resignieren, wenn es um konkretes Engagement geht?
Oft ist das nur vorgeschoben. Ich bin ja genau die Generation, die nicht in Parteien ist, nicht in Vereinen und nicht mehr in den Kirchen. Die sich nicht gesellschaftlich engagiert. Bloß keine Verantwortung tragen. Ich habe mich immer so verhalten. Und das ist jetzt das erste Mal, dass ich das nicht tue. Und ich kann anderen nur sagen: Es ist sehr motivierend, man kann sehr wohl etwas erreichen und es macht Spaß.

Interview: J. Rainer Didszuweit und Jörn Dietze
Fotos: David Baltzer

echt  Info

Im Norden Ugandas wird seit 20 Jahren in einem Bürgerkrieg systematisch gemordet. Unvorstellbar: Die Mitglieder der fanatisch-religiösen LORDS RESISTANCE ARMY entführen Kinder aus ihren Familien und richten sie zum Töten, auch ihrer Verwandten, ab. Der Film LOST CHILDREN erhielt den UNICEF-Filmpreis, den DEUTSCHEN FILMPREIS „Bester Dokumentarfilm“, wurde im Europaparlament, im Deutschen Bundestag und im Bundespräsidialamt gezeigt.

Gemeinden und kirchliche Einrichtungen können den Film entleihen bei der Ton- und Bildstelle e.V. – Medienzentrale der EKHN, Rechneigrabenstr. 10, 60311 Frankfurt, Tel.: 069/29961100, E-Mail: info@tonbild.de

Weitere Informationen – auch über Schul-, Gemeinde- und Sondervorstellungen unter www.lost-children.de und www.echt-online.de sowie Dreamer Joint Venture, Motzstr. 34, 10777 Berlin, Tel.: 030/26947926 oder die Redaktion echt

 

echt  Service

Eine Serviceliste mit Informationen zu ausgewählten Hilfsprojekten in Afrika sowie dem Projekt „Pajule Aid“ finden Sie hier »


erschienen in echt, 3. Quartal 2006
Copyright by EKHN, Darmstadt
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