echt Glaube

Zu den versammelten Menschen sagte Jesus: »Mit der neuen Welt Gottes ist es wie mit dem Bauern und seiner Saat: Hat er gesät, so geht er nach Hause, legt sich nachts schlafen, steht morgens wieder auf – und das viele Tage lang. Inzwischen geht die Saat auf und wächst; der Bauer weiß nicht wie. Ganz von selbst lässt der Boden die Pflanzen wachsen und Frucht bringen. Zuerst kommen die Halme, dann bilden sich die Ähren und schließlich füllen sie sich mit Körnern. Sobald das Korn reif ist, schickt der Bauer die Schnitter, denn es ist Zeit zum Ernten.«
Markus-evangelium, Kap. 4

 

 ...und trau des Himmels reichem Segen

Ein Unternehmen, das sich in der modernen Marktwirtschaft behaupten will, ist mit intensivem Controlling gut beraten. Da wird jeder Vorgang in seine Einzelschritte zerlegt, werden Prozesse analysiert, Fehler korrigiert. Ohne solches prozessorientiertes Denken und Handeln ist Qualitätsmanagement nicht denkbar. So weit, so gut.

Es gibt aber auch Zusammenhänge, da läuft es ganz von alleine, geradezu automatisch. Da ist jedes Eingreifen nicht nur überflüssig, sondern schädlich. Das Wachsen von Organismen gehört dazu. Korn zum Beispiel: Das wird in die fruchtbare Erde gesät. Und dann? Dann geht der Bauer wieder heim, legt sich ins Bett und überlässt das Ganze voller Vertrauen der Natur. Dass das einmal gesäte Korn ohne weiteres auf dem Feld heranwächst, beobachten die Menschen seit Jahrtausenden. Es hat sie dankbar gemacht. Es hat sie das geduldige Warten gelehrt. Und es hat in ihnen schließlich das Vertrauen ins Leben gestärkt, sie spüren lassen, dass die Erde nicht nur eine zufällige Umgebung für sie ist, sondern eine wunderbare lebendige Schöpfung.

Der Anfang ist gemacht...
Für Jesus ist die Sache mit dem Korn, das aus dem Boden hervorkeimt und langsam heranreift, ein Beispiel für noch etwas anderes: Auch mit dem Reich Gottes, sagt er, mit Gottes Welt ist es so. Wie das Korn wächst und reift es von alleine. Jesus sagt es im Markus-Evangelium wirklich mit dem griechischen Wort: „automaté“.

Ich höre förmlich den Protest aller fleißigen Controller und aller akribischen Prozessanalytikerinnen. Automatisch? Von alleine? Was wird dabei wohl rauskommen?! Lehrt denn nicht jede Erfahrung, dass alles in Gang gehalten und gepflegt und ständig nachgebessert werden muss? Nicht nur wenn etwas hergestellt werden soll oder wenn Projekte umgesetzt werden, braucht man ein ordentliches Management. Selbst soziale Verhältnisse, sogar die Liebe, weiß man doch, ist davon nicht ausgenommen, sondern muss durch Beziehungsarbeit optimiert werden.

Mit Methoden aus Wirtschaft und Qualitätsmanagement haben längst auch Menschen in der Kirche zu arbeiten gelernt, um das Wachstum der Gemeinde zu fördern. Und nun heißt es, dass Wachsen mehr mit Vertrauen als mit Verfahrensoptimierung zu tun haben soll?

Automatisch, sagt Jesus, automatisch und ganz von selbst wächst das Korn, wenn es erst mal gesät ist. So ist das auch mit Gottes Welt. Wie beim Korn entdeckt ihr die Zusammenhänge des Lebens auch hier: was euch nährt und erhält. Und wie beim Wachsen der Halme lernt ihr auch hier Geduld und Vertrauen. Vielleicht geht es nicht so schnell wie erhofft. Vielleicht gibt es Rückschläge. Aber vertraut nur dem, was da heranwächst. Vertraut darauf, dass der Anfang gemacht ist. Jetzt geht es weiter. Automatisch.

Barmherzige Entlastung
Eine Aufforderung zum Nichtstun also? An den einmal gemachten Anfang zu glauben und dann aufs Wachsen und Reifen zu vertrauen – das ist in der Tat eine barmherzige Entlastung. Nicht alles, was ein Mensch erhofft oder als Ziel anstrebt, muss er selbst hinbekommen.

Aber das, was in seinen Kräften steht, muss ein Mensch tun. Zwischen Gelassenheit und Faulheit besteht ein gewaltiger Unterschied. „Verricht das Deine“, heißt es in einem Gesangbuchlied. Diese „Verrichtungen“ und das Vertrauen in Gottes Segen müssen sich die Waage halten.

 Helwig Wegner-Nord

Pfarrer Helwig Wegner-Nord leitet das MEDIENHAUS der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Frankfurt.

Foto: Rolf Oeser

Pfarrer Helwig Wegner-Nord

Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht
das Deine nur getreu und trau des Himmels
reichem Segen, so wird er bei dir werden neu.

(Evangelisches Gesangbuch 369,7)

 

 


erschienen in echt, 3. Quartal 2006
Copyright by EKHN, Darmstadt
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