echt Glaube kompakt

Glaube macht eigensinnig

Vor den Toren von Marburg, der kleinen Stadt am Felshang, im sumpfigen Uferbereich der Lahn, gab es keine Häuser. Nur Hütten und Verschläge, notdürftig zusammengebunden aus Hölzern und Binsen, Rinden und Weidenruten. Hier vegetierten jene, die in der sicheren Oberstadt nicht geduldet wurden. Arme, Entkräftete, Leprakranke.

Vor den Toren von Marburg, der kleinen Stadt am Felshang, im sumpfigen Uferbereich der Lahn, gab es keine Häuser. Nur Hütten und Verschläge, notdürftig zusammengebunden aus Hölzern und Binsen, Rinden und Weidenruten. Hier vegetierten jene, die in der sicheren Oberstadt nicht geduldet wurden. Arme, Entkräftete, Leprakranke.

Alltägliches, hoffnungsloses Elend mitten in Hessen vor 800 Jahren. Es war wie ein Besuch aus einer anderen Welt, als sich unter den Ausgestoßenen am Lahnufer eines Tages herumsprach, dass eine vornehme, bleiche Frau gekommen sei. Eine Frau, die unermüdlich die Kranken besuchte, auch vor ausgestoßenen Leprakranken nicht zurückschreckte und alle in ihr neu gegründetes Spital etwas unterhalb der Stadt brachte.

Ein kurzes, erfülltes Leben
Der Name dieser ungewöhnlichen Frau: Elisabeth von Thüringen, Witwe des Landgrafen Ludwig IV.

Als sie nach Marburg kam, hatte sie schon ein kurzes, aber bewegtes Leben hinter sich. 1207 als ungarische Fürstentochter geboren, im Alter von vier Jahren wird sie mit einem Thüringer Landgrafensohn verlobt und nach Eisenach auf die Wartburg gebracht. Sie ist, als ihr Verlobter stirbt, zwölf Jahre und, als sie mit dessen Bruder verheiratet wird, 14.

Die Ehe war glücklich und kurz. Mit 18 Jahren lernte Elisabeth in Eisenach den neuen Mönchsorden der Franziskaner kennen. Der Gründer Franz von Assisi verlangte von den Ordensmitgliedern nach dem Vorbild von Jesus Christus völlige Armut. Ihren Lebensunterhalt mussten sie durch Betteln verdienen. Das faszinierte Elisabeth. Sie verstand den Verzicht auf Besitz als einen Weg, Jesus näher zu kommen, wollte seinem Beispiel folgen und fing selbst an, in Eisenach Kranke und Bedürftige zu besuchen und zu versorgen. Das brachte ihr den Hass des Hofes ein. So etwas tat man nicht im vornehmen Stand auf den Burgen, weit oberhalb des Elends. Ihr Mann unterstützte sie, aber er starb 1227 auf einem Kreuzzug in Italien. Elisabeth war da ganze 20 Jahre alt.

Fürstin als Bettlerin
Man vertrieb sie schleunigst von der Wartburg mit der Begründung, sie verschwende staatliche Gelder für Almosen. Zunächst, sagt die Legende, hauste sie in einem Eisenacher Schweinestall, dann floh sie zu ihrem Beichtvater Konrad nach Marburg, ging betteln wie Franziskus. Sie wollte alles hinter sich lassen, wie Jesus ein neues Leben im Dienst für die Armen führen und dazu auf all ihre fürstlichen Ansprüche verzichten. Mit dem Vermögen, das ihr geblieben war, errichtete sie 1229 in Marburg ein Spital für die Armen und arbeitete dort zwei Jahre lang bis zur Erschöpfung. Als sie starb, war sie 26 Jahre alt.

Einsatz ohne Kompromisse
Link zu www.800-jahre-elisabeth.deZum Anlass des 800. Geburtstags dieser ungewöhnlichen starken Frau wurden die Evangelischen Kirchen in Hessen aktiv: Eine Wanderausstellung über Elisabeth wird 2007 an vielen Orten zu sehen sein. Sie berichtet von ihren Taten in der Nachfolge Jesu. www.800-jahre-elisabeth.de »

Schon bald nach Elisabeths Tod wurde von wunderbaren Heilungen an ihrem Grab berichtet. Wenig später wurde sie von Papst Gregor IX. heilig gesprochen. Hunderte von Kirchen, zahlreiche Krankenhäuser und Einrichtungen der Diakonie tragen bis heute ihren Namen.

Eigensinnig auf dem Weg des Gewissens
Gegen alle Konventionen tat sie, was ihr Glaube und ihr Gewissen verlangten, eigensinnig und kompromisslos. Wenig kümmerte sie, was die anderen dachten. Da folgte sie ihrem großen geistlichen Lehrmeister Franz von Assisi. Sie hatte für sich entschieden, was im Leben wirklich zählt, und handelte danach. So wie Jesus. Von Anfang an war es ein Kern des christlichen Glaubens, dass Gott in Jesus Christus Mensch wurde, damit die Welt menschlicher werde. „Was ihr einem unter den Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“, hatte Jesus gesagt. Und Elisabeth verstand, dass diese Nächsten nicht in ihrer behüteten Umgebung, sondern in den Armenvierteln ihrer Stadt und in den sumpfigen Lahnauen zu finden waren.

Glauben allein genügt nicht
Die Fürstin Elisabeth durchbrach die Grenzen des Anstands ihrer Zeit. Und demonstrierte auch eine neue und revolutionäre Art, christlichen Glauben zu leben. Vorher konnte man einfach der Kirche angehören, durch Besuch von Gottesdienst, Beichte und Abendmahl Jesus begegnen und so ein gottgefälliges Leben führen. Elisabeth verstand, dass das nie und nimmer genug sein konnte. Hätte Jesus die Augen davor verschlossen, dass die einen in Reichtum und Sicherheit lebten und die anderen im Elend zugrunde gingen? Hatte er nicht selber Trauernde getröstet und Kranke geheilt? Und hatte er nicht gesagt, dass man ihm in den Armen und Elenden begegnen würde?

Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau
Dr. Joachim Schmidt; Foto:  Daniel Kilian

Elisabeth, die vornehme Frau, begründete eine christliche Sicht der Welt, die Verantwortung übernimmt. Ungezählte Nachfolgerinnen und Nachfolger im Geiste hat sie gehabt. Der Begründer der evangelischen Kirche, Martin Luther, gehört dazu, aber auch die Ordensgründerin Mutter Theresa oder der amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King, wie die Begründer von evangelischer Diakonie und katholischer Caritas. Sie alle gaben sich nicht damit zufrieden, dass die Welt nun einmal so sei: so kalt, so hart, so erbarmungslos. Sie engagierten sich für eine Veränderung der Welt im Sinne Jesu Christi, der ein Mensch wurde, auch damit die Welt menschlicher werde.

Joachim Schmidt

Advent im Internet

Was bedeutet eigentlich Advent? Welche Traditionen sind mit ihm verbunden? Wo sind in diesem Jahr besondere Aktionen geplant? Antworten und Tipps gibt’s auf der Homepage der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Auch einen Online-Adventskalender sowie Informationen zur Afrika-Kampagne „Weltweit Wichteln“ finden Sie dort: www.ekhn.de/advent »


erschienen in echt, 3. Quartal 2006
Copyright by EKHN, Darmstadt
« Zurück