echt Trompete

Ludwig GüttlerUnversehrt wie nie ein Wort

Ludwig Güttler ist musikalisch-protestantisches Urgestein,
ein Trompeter von Weltrang, ein Visionär und Fundraiser erster Güte. Ansichten eines Kosmopoliten aus dem Erzgebirge.

Ludwig Güttler betritt den Altarraum, bepackt mit einem Arm voll Trompeten, baut drei zu seinen Füßen auf und legt die vierte auf den Schoß. Stille in der Kirche. Dann schiebt der Maestro die Brille bis auf die Nasenspitze, schaut durch die Gläser auf die Noten, über den Rand zu seinen Kollegen im Halbkreis neben sich, greift das Instrument. Sein tiefes Luftholen ist wie das Heben eines Taktstockes. Jubilierende Trompeten, Posaunen, Hörner und Tuba erfüllen den Raum – es spielt das Blechbläserensemble Ludwig Güttler. Der Klang schenkt der Architektur, schenkt der Marienkirche im sächsischen Dohna eine vierte Dimension.

Rund 120 Konzerte in aller Welt stehen jährlich in Güttlers Kalender, dazu zahllose CD-Einspielungen, sein Wirken als künstlerischer Direktor mehrerer Festivals und als Dirigent, seine Lehrtätigkeit. Schon zu DDR-Zeiten versuchte er, die von den Oberen aufgeschichtete Mauer zwischen Kirchenmusik und „staatlicher“ Kultur zu durchbrechen. Mit partisanenhaften Methoden organisierte er den Einsatz von Kollegen, wenn zu wichtigen Gottesdiensten Orchesterstimmen fehlten.

Gottesdienst im ursprünglichen Sinn
Er ist da missionarisch. Daher muss, wer Musik beschneidet, einengt oder in ihrer Bedeutung verkennt, auf seinen kritischen Kommentar gefasst sein. Nicht nur ein Staat, auch die Kirche. „Die Kirche nimmt trotz aller ermuti-genden Beispiele noch immer zu wenig wahr, dass die aus ihr hervorgegangene Musik eine noch umfassendere missionarische Aufgabe erfüllen könnte. Wer diese Musik erlebt, ob vor dem Altar oder auf einer Wiese, erlebt einen Gottesdienst. Gottesdienst im wörtlichen Sinne. Ich konnte mich davon überzeugen, dass Kirchenmusik unversehrte Glaubwürdigkeit ausstrahlt, selbst ohne jedes Wort.“

Seine Musik spricht ihre eigene, eindeutige Sprache. „Wenn ich kein Verhältnis zur Liturgie einer Messe habe, wenn ich nicht weiß, welche Rolle das ‚Herr erbarme Dich‘ ausfüllt, wenn ich die Stufen, die dorthin führen, nicht zu steigen vermag – dann kann ich das Stück aufführen, aber nicht ausfüllen. Ähnlich ergeht es mir mit Bach. Ich muss seinem Wesen und seinem Glauben nahe sein, um in die Tiefe seiner Musik vorzudringen.“

Ein Missionar gibt nicht auf
Ab 1989 spendete, sammelte, konzertierte und warb Güttler nach Leibeskräften für die Vision, die Dresdner Frauenkirche wieder aufzubauen. Immer wieder begegnete er der „Enge des Blickes, die so leicht zur Enge des Herzens wird“. Eine Erfahrung scheint ihn besonders zu bewegen: „Die Bitte, unter ihrem Dach Benefizkonzerte für den Wiederaufbau der Frauenkirche geben zu dürfen, hat uns ein erschreckend großer Teil der evangelischen Gemeinden abgelehnt. Von den Katholiken kam zu 90 Prozent ein Ja.“ Doch ein Missionar gibt nicht auf. Das Spendenvolumen aus aller Welt belief sich schließlich auf über 100 Millionen Euro. Im Oktober 2005 wurde die Dresdner Frauenkirche wieder geweiht. Musik ist Güttler Gottesdienst und Gottesdienst ist auch das Bauen eines Gotteshauses. „Wenn wir in einem Kirchenraum spielen, dann empfinde ich den als etwas, woran Menschen lange vor uns über sich hinauszuwachsen vermochten. Und auf deren Schultern stehen wir heute und dürfen musizieren.“

Es macht Spaß mit Güttler zu philosophieren. Darüber, dass in der Bibel zwar von Posaunen geschrieben steht, er aber meint, damit könnten nur Trompeten gemeint sein. Darüber, dass Kirchenmusik Menschen in Not wie ein schützender Mantel umhüllen kann. Oder darüber, dass er die Orgel als die „Königin der Instrumente“ akzeptiert und dennoch nicht viel von Hierarchien hält, weil jedes Instrument auf seine Weise privilegiert ist. Auch die Trompete, die verkündende, überhöhende, jubilierende. Doch immer wieder gerät das Gespräch an den Punkt, an dem er sagt: „...das entzieht sich der Beschreibung durch das Wort.“ Man muss ihn spielen hören.

Marlis Heinz



erschienen in echt, 2. Quartal 2006
Copyright by EKHN, Darmstadt
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