echt Leben

Was die Musik macht

Musik bewegt. Musik berührt. Der Kontakt mit Tönen, Klängen, Melodien verändert.

Vier Beispiele, was Musik mit Menschen macht – und Menschen mit ihr.

 

Der Cello-Umarmer
Christoph ist 21 und taubblind
Was hört Christoph? Vielleicht nichts. Eines Tages kamen Musiker an die Taubblinden-Schule im Oberlinhaus, einer diakonischen Einrichtung in Potsdam. Es waren Berliner Philharmoniker, sie brachten ihre Instrumente mit. Einer der Musiker gab ein Konzert für Christoph. Der Junge, der nichts sieht und nichts hört, setzte sein Kinn auf den Bund, schmiegte die Brust an das Holz, legte den Arm auf die weiche Rundung des Instruments. Und dann begann der Cellist zu spielen – seine Finger tanzten über die Saiten, Melodien tanzten durch den Raum. Und ein Wunder geschah. Irgendwie hat die Musik es geschafft, Christoph zu erreichen.

Was bedeutet dir Musik, Christoph? „Eine solche Frage geht an einem Taubblinden vorbei“, sagt Torsten Burkhardt, der Leiter der Schule. Zwar wäre es möglich, Christoph die Frage zu stellen. Eine Lehrerin könnte die Worte in Gebärdensprache übersetzen. Sie kennt ihn seit Jahren. Sie hat ihm geholfen, die Flut von Eindrücken, die jeden Tag auf ihn einwirkt, zu sortieren und zu verstehen. Sie hat mit ihm geübt, sich im Alltag zurechtzufinden und sich mit anderen über wesentliche Dinge zu verständigen. Christoph liest ihre Gebärden mit seinen Händen von ihren Händen ab.

Vielleicht würde er antworten und die Lehrerin würde seine Antwort für uns übersetzen. „Musik macht mir Spaß“, würde er dann sagen, oder: „Ich finde sie sehr schön.“ Aber dann würde er wieder zurücksinken in seine Welt, in der Worte – unsere Art, uns mit anderen über Sachen und Gefühle auszutauschen – kaum eine Rolle spielen.

„Wir wissen nie, was ein gehörloser Mensch tatsächlich hört“, sagt Torsten Burkhardt. „Aber wir erleben immer wieder, wie Rhythmen und auch Melodien die Kinder erreichen. Und jedesmal wird dann ihre Welt ein wenig größer.“

Cornelia Gerlach

Abgeschottet
Jakob Tauber, 20 Jahre, hat den MP3-Player ausgestöpselt.
Jakob TauberIch hatte immer einen Stöpsel im Ohr. Bin mit dem umhergezogen, in der Stadt, überall, immer mit dem MP3-Player, außer in der Schule. Eigentlich war das eine Abschottung. Vielleicht auch deswegen, weil ich nach dem Tod meiner Mutter nie wirklich alleine war. Ich hab mich zurückgezogen in die Musik, das hat einfach nur gut getan.

Ich höre alles von Gothrock oder Gothmetal, Paradise Lost oder HIM bis ins Klassische hinein, auch Mozart und Bach, am liebsten was Melancholisches und hintergründig Zweideutiges. Musik berührt mich und das ist das Wichtigste, was Musik tun sollte. Wenn sie nicht berührt, dann ist sie sinnlos. Das mit dem Stöpsel hat sich dann verändert. Ich war mit meinem Onkel in einem sehr speziellen Konzert mit einem Trommler, man lag da auf dem Boden und hat dem Klang gelauscht, da hab ich die Musik ganz stark gefühlt und gesehen. Das war sehr sonderbar und teils erschreckend, weil ich gemerkt hab, dass meine Wahrnehmung weiter geht als das, was ich mir bisher vorgestellt hab. Mir machen neue Horizonte immer Angst. Man weiß ja nie, was kommt.

Ich habe jetzt gemerkt, dass ich meinen MP3-Player nicht mehr brauche. Mittlerweile hör ich die Natur sehr gerne, wenn der Wind durch die Bäume pfeift und seine Power zeigt, oder einfach nur das Vogelzwitschern. Das ist schon fast wie Musik. Oder einen Bach rauschen zu hören ist auch wundervoll. Ich wusste gar nicht, was ich früher durch die Stöpsel weggefiltert habe.

Marie Lampert

Auszeit vom Dauerstress
Birgit Dangmann, 43, leidet seit sieben Jahren unter Tinnitus.
Birgit DangmannMorgens rauscht es in meinem Ohr besonders laut, deshalb schalte ich sofort das Radio an. Die Geräusche lenken mich ab, das macht mein Leben sehr viel erträglicher. Besonders, wenn fröhliche oder sanfte Musik läuft, vergesse ich für einen Moment das Brausen in meinem Kopf. In unserem Haus ist ständig irgendwo das Radio an, zum Einschlafen lasse ich sogar den Fernseher laufen. Für meinen Mann und meine Kinder ist das manchmal nervig, aber wir haben alle gelernt, mit meiner Krankheit zu leben.

Am meisten leide ich darunter, dass ich nie wirklich meine Ruhe habe. Dadurch bin ich oft sehr nervös, außerdem bekomme ich immer wieder heftige Drehschwindelanfälle. Dann kann ich nur da sitzen und warten, bis es vorbei ist. Dabei höre ich meist Musik, schöne Balladen mit anspruchsvollen Texten. Seit ich auf dem einen Ohr auch schwerhörig bin, höre ich viel genauer zu und fühle mich vor allem über die Worte in die Musik ein.

Ich bin ein großer Fan von Herbert Grönemeyer und besuche möglichst oft seine Konzerte! Sonst gehe ich nur selten aus. Unter vielen Menschen kann ich schwer einer Unterhaltung folgen und bin schnell müde oder gereizt. Ein Konzert ist dagegen ein echtes Highlight. Ich sage mir vorher: Mein Tinnitus kann mir später wieder das Leben schwer machen, jetzt ist Pause. Und dann gibt es nur noch die Musik und mich – und ein Gefühl von Freiheit.
Pe Jacobi

Mit den Engeln im Himmel tanzen
Gerold Stiegler, 83 Jahre, kam durch seine Frau zum Tanzen – und bleibt dabei.
Gerold StieglerWir waren früher begeisterte Tänzer, meine Frau und ich, im Gesellschaftstanz und auch im Tanzsport. Wir haben Turniertanz gemacht und das ging natürlich mal zu Ende. Da war der Seniorentanz für uns eine Möglichkeit, weiter tanzen zu können.

Wenn Kinder sich freuen, dann müssen sie tanzen, müssen sie sich bewegen. Freude zum Ausdruck bringen, genau darum geht es beim Seniorentanz. Tanz und Bewegung ist für mich immer etwas Fröhliches, wenn auch manchmal in getragener Form. Ich liebe die Ruhe und Eleganz des langsamen Walzers. Und die Freude an der Musik, die steckt sowieso drin, wenn man lange getanzt hat. Jeder tanzt mit jedem, ohne festen Partner, das ist die Idee und das funktioniert auch. Wenn jemand neu dazukommt, ist jeder von uns bereit, ihn an der Hand zu nehmen, damit er in
die richtige Schrittfolge hineinkommt. Ich habe mehrere in der Gruppe erlebt, die ihre Partner verloren haben und durch die Geselligkeit hier wieder ins Leben zurückgefunden haben. Auch für mich war es nach dem Tod meiner Frau vor einem Jahr ein großes Anliegen, dass ich weiter dazugehöre, dass ich mich weiter bewegen kann. Das tut mir gut. Mir gefällt der christliche Gedanke, den Menschen fröhlich aufzunehmen. Mensch, lerne tanzen, sagte schon der Kirchenlehrer Augustinus, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen.

 

Kirchenmusik online

Kirchenmusik online

Freunde der klassischen wie der moderneren Kirchenmusik erfahren unter www.ekhn.de/musik, wann und wo Konzerte in unserem Kirchengebiet stattfinden. Dieses Jahr erwartet Sie mit den Landeskirchenmusiktagen am 10. und 11. Juni in Erbach und Michelstadt im Odenwald ein besonderer musikalischer Höhepunkt.

Wer selbst musizieren möchte, ist in zahlreichen Musikgruppen willkommen, die auch gute Gelegenheiten bieten, neue Kontakte zu knüpfen. Links zu sämtlichen Kinder-, Jugend-, Klassik-, Gospel- und Posaunenchören sowie Orchestern informieren über Gruppen in Ihrer Nähe.


Eva Ludwig
Fotos: Daniel Kilian

 

echt Info

Informationen und Austausch für Tinnituspatienten:
www.tinnitus-cafe.de
www.tinnitus-liga.de

Informationen zum Education-Projekt der Berliner Philharmoniker
www.berliner-philharmoniker.de/de/eduinfo/

Kontakt Oberlinschule

Oberlinschule Taubblindenschulbereich
Bereichsleitung: Torsten Burkhardt
Rudolf-Breitscheid-Str. 24
14482 Potsdam
Tel: (0331) 763 30

Informationen zum Seniorentanz

Tanz und Bewegung im Alter fördern die Gesundheit und das Wohlbefinden und stärken das Selbstbewußtsein. Das Erlernen und Üben der Schritte und Figuren und die rhythmische Bewegung nach Musik sprechen Geist, Körper und Seele an. Seniorentanzgruppen werden u.a. von Kirchen, Volkshochschulen, Wohlfahrtsverbänden, Tanzschulen sowie Sport- und Kneippvereinen angeboten.

Nähere Informationen beim Bundesverband Seniorentanz unter der Rufnummer (0421) 44 11 80 oder im Internet unter www. seniorentanz.de



erschienen in echt, 2. Quartal 2006
Copyright by EKHN, Darmstadt
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