echt Gesang

 

 

Zu Gottes Lob und eigner Freud


Wer einmal dazu gefunden hat, will bleiben.
Wie Arne Engler. Und Norbert Hartmann.
Beide singen im Kirchenchor
der Maria-Magdalena-Gemeinde in Frankfurt.

„Hätte nie gedacht, dass ich mal geistliche Lieder singen würde“, erzählt Arne Engler lachend und ist eine halbe Stunde später völlig in „Jesu meine Freude“ vertieft, eine Kantate aus dem 17. Jahrhundert von Dietrich Buxtehude. Erst seit einem Jahr gehört der 39-jährige Personalberater zum Kirchenchor und will trotz knapper Zeit die Probe nicht mehr missen. Zur Freude von Heike Liening, der Kirchenmusikerin der Frankfurter Maria-Magdalena-Gemeinde. Wenn nämlich alle Chormitglieder dienstagabends mit den Noten rascheln, sitzen 30 Sängerinnen vor ihr, aber nur fünf Sänger. Denen geht es wie Engler. Wer einmal zum Chor gefunden hat, bleibt dabei.

Die Musik rückt ganz nah
„Mir macht es einfach Spaß.“ Norbert Hartmann, ein hagerer Mittsechziger ist kein Mann von vielen Worten. Arne Engler überlegt: „Ich finde nur religiöse Begriffe dafür, es ist so was wie Einkehr für mich.“ Beide Männer sind durch Kinder in den „Oster-Chor“ gekommen. Der pensionierte Schreiner Hartmann durch seinen Enkel, den er zum Kinderchor begleitet. „Irgendwann bin ich selbst hängen geblieben.“ Da war er bereits erfahrener Tenor: „Mein Vater war ein guter Sänger und hat mich schon früh zum Gesangverein mitgenommen.“ Stolz schwingt mit, wenn er von komplizierten Stücken und vielen Auftritten spricht, „sogar in Wien“. Arne Engler dagegen konnte nicht einmal Noten lesen, als er sich – durch seine beiden achtjährigen Kinder motiviert – zum Singen entschloss. „Ich fand immer schade, kein Musikinstrument spielen zu können – jetzt nicht mehr, die Stimme ist ja das persönlichste Instrument überhaupt.“

Deren Intensität erlebte er erstmals vor anderthalb Jahren beim Weihnachtsoratorium, das der Erwachsenenchor für die Kinder der Gemeinde sang. So hatte er Bach noch nie gehört, ganz nah rückte die Musik ihm. Und was für eine Freude die Sänger ausstrahlten: „Die ganze Kirche war davon erfüllt.“ Danach wollte er unbedingt dazu gehören.

Zusammen Christsein erleben
Am Chorsingen reizt den Vater von Zwillingen besonders die gemeinsame Leistung. „Erst ist es ein Chaos, dann wird es geformt und am Ende wird was richtig Gutes draus.“ Bei Landeskirchenmusikdirektor Michael Graf Münster, der wöchentlich mit dem Frankfurter Katharinen-Chor am anspruchsvollen Bach-Verspern-Projekt arbeitet, kommt noch das Religiöse dazu:„Zusammen mit anderen mein Christsein erleben, in Liedern und Stücken, die ich mag.“ In der Evangelischen Landeskirche hat die Ausbildung der Berufsmusiker wie der Amateure einen hohen Stellenwert, denn „sie wirken mit großem Einfluss in der Gemeinde und weit über sie hinaus“.

Womöglich sorgen sie sogar für die Gesundheit ihrer Mitglieder. Das legt eine Studie des Musikpädagogischen Instituts der Universität Frankfurt aus dem Jahr 2004 nahe. Mitglieder eines Kirchenchors wurden vor und nach dem Singen des Requiems von Mozart untersucht. Danach war die Leistungsfähigkeit des Immunsystems deutlich höher. Arne Engler hat das Singen schon über Krisen hinweggeholfen. Letztes Jahr hat sich der selbstständige Arbeitsvermittler „manchmal abgezappelt und trotzdem lief es nicht“. Die Familie forderte auch in harten Zeiten den Vater. Und dann noch Chorsingen? Ihm wurde klar, dass er dabei seine Ruhe fand. „Ich bin ein hektischer Typ, aber genau dieses Gegengewicht hat mir gut getan und mir neue Kraft gegeben.“


Sylvia Meise

Foto: Pat Meise

erschienen in echt, 2. Quartal 2006
Copyright by EKHN, Darmstadt
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