echt Klangvoll

Orgel in der Evangelischen Kirche Dillenburg

Gespräch mit einer Königin

Wenn Karl-Peter Chilla den höchsten und den tiefsten Ton an der Orgel anschlägt, sind erstaunte „Aaahs“ und „Oohs“ zu hören. „Nur die Königin der Instrumente erreicht beide Hörgrenzen des menschlichen Ohrs“, erklärt der freundliche Mann einer staunenden Schar von Kindern. „Und wusstet ihr, dass sie elf Meter tief ins Kirchenschiff ragt und man nur einen kleinen Teil ihrer Pfeifen sieht?“

 

 

Seit 24 Jahren ist Chilla Kantor an der Evangelischen Kirchengemeinde Dillenburg, wo die beliebten Gesprächskonzerte für Kinder mit der „Orgelmaus“ nicht mehr wegzudenken sind. Und dass die Oberlinger-Orgel der Stadtkirche heute in voller Pracht erstrahlt, ist ein beeindruckender Beweis für die Verbundenheit einer Gemeinde mit ihrem Instrument. Denn ohne die großzügigen Spenden zahlreicher Bürgerinnen und Bürger der 25.000-Einwohner-Stadt wäre es nie möglich gewesen, dass Relikte einer 1719 erbauten Barockorgel 161 Jahre später wieder an ihren alten Platz zurückkehrten. Durch die Belagerung von 1760 war das Instrument stark beschädigt und schließlich abgegeben worden. Das nachfolgende Modell jedoch bereitete ständige Probleme.

Dies änderte sich erst in den Jahren 1990, 2002 und 2006 mit der von Grund auf renovierten und immer wieder erweiterten Orgel. Landeskirche, Kirchengemeinde, engagierteGemeindemitglieder, Wirtschaftsunternehmen und ein Service-Club hatten das Projekt großzügig unterstützt. Entscheidenden Anteil hatten auch fantasievolle Projekte wie das des Frauensingkreises mit Magdalena Marburger. Ihre spontane Idee eines Markts mit selbst bemalten Ostereiern brachte an einem einzigen Tag fast 4.500,– DM ein. Als ein „Posaunenengel“, ein Rückpositiv und eine Regis-trieranlage hinzukommen sollten, waren Frauensingkreis und zahlreiche Spender erneut zur Stelle.

„Die Orgel kann ausdrücken, was Menschen persönlich ans Herz geht“, verleiht Marburger ihrer lebenslangen Begeisterung für das Instrument Ausdruck und spart dabei nicht mit Lob für den Kantor: „Sie braucht aber immer auch jemanden, der das herausfühlen kann. “

Fröhlich, feierlich, tröstend
„Königin der Instrumente“ – für Chilla spiegelt die Bezeichnung einen „Enthusiasmus für die Orgel“ wider, der sich über Jahrhunderte gehalten hat. Dabei war sie ursprünglich gar kein Kircheninstrument. In Alexandrien im heutigen Ägypten erfand ein Mann namens Ktesibios 246 vor Christi eine Art Wasserorgel, die heute als Prototyp gilt. Auch die hydraulischen Weiterentwicklungen dienten zunächst nur als weltliche Prunkstücke von Hofpalästen, etwa unter Pippin, dem Kleinen, Karl dem Großen oder Ludwig dem Frommen. Da die Instrumentalmusik von den Kirchenvätern mit Missachtung gestraft wurde, hat sich die Orgel im 14. Jahrhundert als pädagogisches Instrument gewissermaßen durch die Hintertür in die Kirchen eingeschlichen. Wie genau – das ist auch bis heute nicht ganz geklärt.

In der Kirche komme der Orgel eine herausgehobene Bedeutung zu, erklärt Chilla, gerade für Protestanten, die oftmals alles mit Worten erklären wollten: „Ich bin der Überzeugung, dass Glauben nicht rein intellektuell erfahrbar ist. Wir müssen auch die emotionale Seite des Menschen ansprechen.“ Was in einem streng reformierten Gottesdienst zu kurz komme, könne das Instrument wunderbar abdecken. „Denn es kann fröhlich, feierlich oder tröstend klingen.“

Die Orgel begreifen
Für das nötige Tonspektrum sorgen in Dillenburg drei Tastaturen, bei der Orgel Manuale genannt, 46 Register sind für die Klangfarben verantwortlich. Faszinierend sei schon der Bau eines solchen Instrumentes, betont Chilla: „Jede Orgel wird zuerst komplett in der Werkstatt zur Probe aufgebaut, um zu testen, ob alle Teile vorhanden sind. Dann wird sie wieder abgebaut, um sie am eigentlichen Standort in der Kirche endgültig zu montieren.“

Die Kinder dürfen nun in Modelle von Pfeifen hineinblasen. „Insgesamt sind es zirka 2.800, von denen die kleinste acht Millimeter, die größte fünf Meter 50 hoch ist“, erörtert Chilla, der die Orgel im wahrsten Sinne des Wortes „begreifbar“ machen möchte. Schließlich bildet sie das Herzstück einer engagierten kirchenmusikalischen Arbeit, die der Kirchenmusiker in Dillenburg aufgebaut hat: Unter anderem leitet er zehn Chorgruppen. Und beim „Orgelsommer“ treten jedes Jahr Gastorganisten aus der ganzen
Bundesrepublik auf. Die Orgel ist für Chilla nicht zuletzt ein treffendes Symbol für Langlebigkeit und Verlässlichkeit: „Ich kann gewiss sein, dass diese Orgel auch in 100 Jahren noch Menschen berühren wird.“  

Jörn Dietze

 


erschienen in echt, 2. Quartal 2006
Copyright by EKHN, Darmstadt
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