echt Glaube

Gewichtsverlagerung

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben
unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren
werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit;
... weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit;
klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit...


 

Fabiana stammt aus Argentinien, lebt aber schon seit Jahren in Frankfurt.
Sie ist unsere Lehrerin. Zusammen mit ihrem Partner Julio führt sie uns charmant und geduldig in die Geheimnisse des Tango Argentino ein. Dieser Tanz hat in den letzten Jahren eine ganz erstaunliche Karriere gemacht. In allen etwas größeren europäischen Städten gibt es inzwischen gut besuchte Tangoclubs.
Die jüngste Teilnehmerin in unserem Kurs ist Anfang zwanzig, der älteste über siebzig. Die meisten kommen als Paare. Was ist so faszinierend an diesem Tanz, der vor 150 Jahren im Hafenviertel von Buenos Aires entstanden ist?

Der Tango, so sagt man, ist ein getanzter, trauriger Gedanke. In ihm steckt die tiefe Sehnsucht nach Glück. Und das ewige Verlangen nach Liebe. Wer auf die Musik des Tango hört und mit den Augen den Bewegungen der Tanzenden folgt, spürt etwas Schwermütiges und zugleich das Verlangen nach dem anderen Geschlecht. Tanz erlaubt ja ohnehin, viel von den eigenen Gefühlen und Regungen auszudrücken. Der Tango Argentino aber ist dazu wohl besonders geeignet. So ist es zu erklären, dass Anfang des 19. Jahrhunderts, als dieser Tanz auch hierzulande Mode wurde, Kaiser Wilhelm seinen Offizieren kurzerhand verbot, in Uniform Tango zu tanzen. So viel Gefühl sollte man bei seinen kernigen Soldaten nicht sehen.

Klage in Reigen verwandeln
In der ersten Kursstunde lernen wir von Fabiana und Julio ein wichtiges Wort: Gewichtsverlagerung. Damit beginnt der Tanz: Mann und Frau stehen einander gegenüber und verlagern im Takt der Musik gleichzeitig ihr Gewicht vom linken auf den rechten Fuß und wieder zurück auf den linken und so weiter. Diese Gewichtsverlagerung ist die Voraussetzung für alle weiteren gemeinsamen Schritte und Bewegungen. Für mich hat dieses Wort im Laufe der Zeit aber noch eine tiefere Bedeutung gewonnen.

„Du hast mir meine Klage in einen Reigen verwandelt“, heißt es im 30. Psalm. Ein Mensch, der sich eben noch am Ende glaubt und verzweifelt klagt, beginnt wie verwandelt zu tanzen. Gott überführt die Klage in einen Tanz. Klagende und niedergedrückte Menschen richten sich auf und tanzen. Als ob ein Gewicht an eine andere Stelle verlagert worden wäre. Und diese Verwandlung findet nicht nur im Inneren statt, sondern ist für alle sichtbar: „Du hast mir die Trauerkleidung ausgezogen und mich mit Freude gegürtet!“

Auffallend viele von denen, die den Tango für sich entdecken, haben gerade eine persönliche Krise durchlebt. Der Tanz hilft ihnen, ein neues Verhältnis zu ihren eigenen Gefühlen zu finden, erlaubt ihnen, die niederdrückenden Lasten zu bewegen und zu verschieben, um so ihrer Sehnsucht wieder Ausdruck verleihen zu können. Gewichtsverlagerung.

Pfarrer Helwig Wegner-Nord leitet das MEDIENHAUS der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Frankfurt.

Foto: Rolf Oeser

Pfarrer Helwig Wegner-Nord

Dass ausgerechnet die Bibel das Tanzen gegen Trauer und Depression empfiehlt, mag manche überraschen. Ich verstehe das als ganz persönliche Einladung zur Gewichtsverlagerung.
Klagen und Weinen dürfen nicht zur Dauerbeschäftigung werden, wie schon das Predigerbuch weiß: „Klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit...“ Wenn wir wollen, verwandelt Gott uns die Klage in einen Reigen. Dann ist es Zeit zu lachen und zu tanzen.

Helwig Wegner-Nord

 

 


erschienen in echt, 2. Quartal 2006
Copyright by EKHN, Darmstadt
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