echt Glaube kompakt

Engagiert für den Frieden: Rosa Parks, Bürgerrechtlerin, USA;
Mahatma Gandhi, Menschenrechtler und Pazifist, Indien;
Nelson Mandela, Anti-Apartheid-Kämpfer, Südafrika;
Betty Williams, Community of Peace People, Irland (v. li. n. re.)

Frieden fertigen

Die Proteste in islamischen Ländern gegen die in einer dänischen Provinzzeitung veröffentlichten billigen Mohammed-Karikaturen dauerten wochen-lang. Keiner, der da Parolen gegen die Ungläubigen (Christen) skandierten, hatte je eines der Bilder gesehen. Ihre Sicht der Welt bezogen sie aus den Moscheen und islamistischer Propaganda. Doch das genügte. In Nigeria und Pakistan brannten christliche Kirchen.


Merkwürdig gedämpft reagierten die meisten Offiziellen von Kirche und Politik im Westen. Nach einem pflichtgemäßen Bekenntnis zur Pressefreiheit diskutierte man vor allem über die Verletzung religiöser Gefühle. Und ob man nicht Verständnis für die Moslems haben müsse, die ihrem Zorn freien Lauf gelassen hatten. Schließlich verbiete es ja der Koran, den Propheten Mohammed abzubilden – erst recht als Karikatur. Manche dürften sich auch die Zeiten zurück gewünscht haben, in denen auch bei uns zu Lande Karikaturen über Gott oder Jesus unter deftige Strafen gestellt waren.

Kräftemessen
Aber vor 250 Jahren endete in Europa und Amerika die lange Macht-Tradition der Kirche über die Köpfe und Herzen. Man nannte es das Zeitalter der Aufklärung. Es war das Ende der religiösen Herrschaft über das Leben der Menschen. Im Rückblick kann man nur sagen: Gott sei Dank, dass es vorbei ist! Und nun soll das alles aus der islamischen Welt wieder auf die Tagesordnung kommen? Denn die Fernsehbilder mit den geballten Fäusten im Namen Allahs folgen ja einem uralten menschlichen und zugleich Menschen verachtenden Instinkt: um jeden Preis zeigen, wer der Stärkere ist. Der siegreichere Glaube, der gewaltigere Gott.

Was hilft gegen Hass und Gewalt?
Was hat denn nun der Glaube der Christen Ausbrüchen von Hass und Gewalt tatsächlich entgegenzusetzen? Schließlich sind Hunderttausende wütender islamischer Gläubiger Tatsachen, die man nicht übersehen kann. Vergleichbares gab es in der Christenheit seit vielen Jahrhunderten nicht. Und über Karikaturen über Gott und Jesus regt sich bei uns schon lange niemand mehr auf. Gleichgültigkeit, Abstumpfung oder vielleicht doch eine gelassenere Sicht des Lebens?

Vervielfachtes Unheil
Wie auch immer – das scheint das Gesetz der Welt zu sein: Stärke regiert und Gewalt zeigt, wer Herr im Haus ist. Auch die Geschichte des Christentums hat in dieser Frage ihre rabenschwarzen Seiten. Und sogar heute noch träumen manche von Kreuzzügen gegen das Böse und von allerchristlichsten Siegen, zum Beispiel in Washington. Aber das sind ebenso Träume von vorgestern wie islamistische Aufrufe zum heiligen Krieg gegen die Ungläubigen. Denn die Geschichte zeigt zur Genüge, dass Kriege im Zeichen des Glaubens nicht zu gewinnen sind, sondern immer nur neues, vervielfachtes Unheil in die Welt bringen.

Der einzig wahre Realismus
Christen haben solchen gewalttätigen Fantasien in allem Ernst eine andere Art Traum von der Weltherrschaft entgegenzusetzen und sie stammt von Jesus Christus selbst. „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen“, sagt er in der so genannten Bergpredigt und etwas später: „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Matthäus 5). Angesichts der blutigen Saat der Gewalt, die sich durch die Geschichte zieht, ist das vielleicht der einzig wahre Realismus: Nicht Drohungen, Machtfantasien und Gewalt eröffnen eine menschliche Zukunft, sondern ausschließlich Gelassenheit und die Bereitschaft zum Frieden. Jesus Christus predigte nicht nur Gewalt-losigkeit, sondern er hielt sie auch durch, bis zum Tod am Kreuz. Deshalb kann sich niemand auf ihn berufen, der im Grunde seines Herzens Gewalt notfalls doch ganz in Ordnung findet.

Alle Macht den Fried-fertigen
Wer eine menschenwürdige Zukunft sucht, für den gibt es keine Alternative zur Gewaltlosigkeit. Deshalb ist die Bergpredigt mehr als eine Vision. Sie ist die grandiose Schau eines künftigen menschenwürdigen Lebens, in dem die Achtung voreinander regiert und Hassparolen nirgendwo mehr Widerhall finden. Zur gleichen Zeit, als die Bilder von den gewaltbereiten Protesten gegen die Mohammed-Karikaturen um die Welt gingen, trafen sich Christen aus aller Welt zur neunten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in der südbrasilianischen Hafenstadt Porto Alegre. Sie verzichteten auf große Resolutionen und forderten auf zu einem weltumspannenden Gebet: „In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt.“

Wer nicht bloß versucht, die Welt durch eine Schwarz-Weiß-Brille zu sehen, kann erkennen, dass auch Verständigung wächst. Beispielsweise durch Muslime und Christen hier bei uns, die gemeinsam dem Hass absagen. Wo das so ist, kann auch ein gemeinsames Bewusstsein wachsen für die uralte Erfahrung, auf die sanfte Kraft der Gebete vertrauen zu können.

Joachim Schmidt
Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau
Dr. Joachim Schmidt; Foto:  Daniel Kilian

 


 

 

 


erschienen in echt, 2. Quartal 2006
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