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echt Interview
„Ich habe unglaublich viel Wärme gespürt ...“
Thomas Schaaf, 44, ist Trainer des Fußball-Bundesligisten Werder Bremen und engagiert sich als Botschafter für
eine Einrichtung, die in Deutschland Vorbildcharakter hat: das Zentrum für trauernde Kinder in der Hansestadt. Echt sprach mit ihm über Trauer, Tabus und Tage, die besonders sind.
Herr Schaaf, ein erfolgreicher Fußballtrainer wird Botschafter für ein Zentrum für trauernde Kinder. Die Verbindung überrascht auf den ersten Blick. Wie kam es dazu?
Ich bin in einer Lebensphase auf das Projekt angesprochen worden, in der ich selbst gerade drei Menschen verloren hatte. Bei den Menschen vom Zentrum habe ich schnell feststellen können, dass da ganz tolle Leute am Werk sind, die eine unheimlich wichtige Arbeit machen – und das größtenteils ehrenamtlich.
Was wollen Sie bewirken?
Ich möchte meinen Bekanntheitsgrad für eine überaus gute Sache einsetzen und Leute zum Spenden animieren, das Zentrum kann ohne nicht existieren. Ich möchte mich aber auch direkt um diese Kinder und Jugendlichen kümmern.
Wie tun Sie das?
Als allererstes habe ich meine guten Verbindungen zu den Leuten vom Heide-Park in Soltau genutzt und gefragt: Könnt ihr euch nicht vorstellen, diese Kinder mit ihren Eltern einmal einzuladen? Die haben sofort zugesagt und wir sind mit dem Werder-Bus dorthin gefahren. Ich selbst habe dann einen ganz besonderen Tag mit den Kindern verlebt.
Was war das Besondere daran?
Ich habe unglaublich viel Wärme gespürt. Am Anfang haben die Kinder mich noch ein wenig beäugt: Was will der von uns? Was macht der jetzt hier? Nachher sind die mir aber nicht mehr von der Hand gegangen und ich hatte das schöne Gefühl, selbst Wärme weitergeben zu können.
Ist das für Sie auch eine Art Gegenwelt zum harten Bundesliga-Alltag mit seinem gnadenlosen Erfolgsdruck?
Jeder weiß, dass wir in diesem Beruf in einer besonderen Welt leben. Das ist natürlich zum großen Teil eine Scheinwelt. Aber tatsächlich bewegen wir uns ja im normalen Leben – und dazu gehört es eben auch, dass man einen Menschen
verlieren kann, den man sehr gerne hat. Damit haben auch viele Erwachsene große Probleme.
Weil über den Tod besser nicht gesprochen wird?
Sicher. Es gibt da ein absolutes Tabu. Und man muss alles dafür tun, dass es gebrochen wird. Nicht um sich wichtig zu machen, sondern dafür zu sorgen, dass man selbst und andere Menschen es einfacher haben, mit Verlusten umzugehen. Da liegt bei uns viel im Argen.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Wenn jemand gestorben ist, heißt es „Pssst, pssst – jetzt aber ruhig!“ Aber gerade dadurch entstehen doch die Probleme und schon Kinder bekommen das Gefühl: Da ist irgendwas faul. Solche Dinge sind mir durch das Zentrum sehr bewusst geworden. Wenn ein Kind anfängt über seine Situation zu erzählen, ist das für uns Erwachsene so erstaunlich, weil wir normalerweise gewohnt sind, es sofort ruhig zu stellen. Lasst die Kinder doch darüber reden. Sie sind doch ehrlich und offen. Lasst sie doch mit ihren Gefühlen rauskommen. Wenn sie das nicht schaffen, dann schaffen wir Erwachsenen das erst recht nicht.
Was genau möchten Sie schaffen?
Dass das Trauern als ganz normaler Prozess angesehen wird. Wichtig sind Häuser, in denen Menschen nicht nur zwischen vier und sechs trauern dürfen, sondern jederzeit. Da sind diese Gespräche, dieses Auffangen. Da ist jemand, der sich um dich kümmert, wo du das Gefühl hast: Der hat so was auch erlebt.
Haben konkrete Erlebnisse Sie für die Problematik um Tod und Trauer sensibilisiert?
Nein, ich bin überzeugt, dass diese Sensibilität in jedem Menschen steckt. Aber schon bei Kindern haben Sie die volle Palette, wie sie damit umgehen: Der Eine verzieht sich total in sein Schneckenhaus. Der Andere wird aggressiv. Der Nächste überspielt es mit Lachen. Einige sagen. Ach, das geht mich nichts an. Aber glauben Sie das? Dass ein Mensch so hart ist, wenn ein ganz naher Mensch verloren geht?
Manchmal hat es aber den Anschein …
Jeder hat doch verschiedene Fassetten. Und für mich gehört Sensibilität genauso dazu, wie mal streng zu sein, mal hart und laut, mal der Unnahbare, aber dann auf der anderen Seite auch wieder jemand das Gefühl zu geben: Ich bin für dich da. Das ist in meinem Beruf nicht anders. Ich lasse vielleicht solche Dinge an mich heran, ein anderer blockt vielleicht und sagt: Um Gottes Willen, damit will ich nichts zu tun haben. Der Tod gehört zu unserem Leben dazu.
Der Tod macht aber auch Angst …
Andererseits kann es aber manchmal sehr hilfreich sein, wenn er relativ schnell kommt. Ich habe einen Freund gehabt, der hat furchtbare Qualen mitmachen müssen. Da habe ich dann gesagt: Bitte, lass ihn sich nicht so lange quälen. Auch solche Dinge muss man an sich heranlassen.
Kann man das trainieren?
Da gibt es kein Patentrezept. Jeder muss das Recht haben, mit einem Verlust umzugehen, wie er meint, dass es gut für ihn ist. Davor müssen andere Respekt haben.
Und all das kann man im Zentrum?
Genau. Da gibt es einen Toberaum, wo man rumtoben und aggressive Gefühle loswerden kann, einen Raum, wo man nur spielen kann. Dort gibt es aber auch einen Raum, wo man einfach nur in der Ecke sitzen kann um zu reden. Darum geht es: jedem das Recht zu geben, mit seiner Situation so umzugehen, wie es für ihn stimmt.
Was, meinen Sie, ist der Grund, dass wir so schlecht mit dem Tod umgehen können?
Er ist ja etwas Unangenehmes – und wer beschäftigt sich schon gern damit. Man ist unsicher, wie man trauernde Menschen ansprechen soll. Und es gibt ja nicht nur Krankheiten, sondern etwa auch Selbstmord. Und der ist ja negativ behaftet. Damit würde ich eine Schwäche preisgeben: Einer aus meinem Umfeld konnte mit seinem Leben nicht klarkommen. Bin ich daran beteiligt? Und es ist natürlich immer auch die Angst, etwas zu verlieren. Dass man nicht mehr
die Möglichkeit hat, mit einem Menschen zusammen zu sein.
Warum gibt es von Sportlern so wenig klare Aussagen zu solchen Lebensfragen?
Man darf es damit auch nicht übertreiben. Denken Sie nur an Boris Becker. Der hat mit 17 Wimbledon gewonnen. Machen Sie dann mal eine weltbewegende Aussage. Wie soll das funktionieren? Er kann das alles doch nur aus seinem Blickwinkel sehen. Und wenn die Presse daraus dann eine Story macht, kann das schnell nach hinten losgehen. Es ist sogar sehr fahrlässig, wenn man sich einfach mal so zu einem Thema äußert. Das kann sehr missverständlich rüberkommen und man blamiert sich richtig.
Heißt das, dass Sportler öffentlich eigentlich nur über Taktik und Technik reden sollten ...
Nein, wichtig ist doch aber immer, dass sie vorher die Möglichkeit nutzen, sich wirklich mit etwas zu beschäftigen. Dann finde ich es toll, wenn einer etwas dazu sagt und beiträgt. Das ist der richtige Weg. Es ist nämlich weder sinnvoll, heute dies und
morgen das zu erzählen, noch, tausend karitative Dinge anzunehmen. Ich möchte mich mit einer Sache identifizieren und nicht nur ein nettes Gesicht machen, ein schönes Bild und dann Schluss.
Haben Sie Vorbilder für den richtigen Weg?
Für mich ist es eher so, dass ich gewisse Dinge klasse finde, die jemand rüberbringt. Das können ganz unterschiedliche Menschen sein. Alles andere hat mir zu sehr mit Verherrlichung zu tun. Ich kann eher sagen: Wie der oder die das gemacht hat, dazu kann ich nur gratulieren – ohne dass jemand gleich auf einem Sockel steht. Wir müssen uns davon freimachen, immer nur große Namen anzuführen.
Wo nehmen Sie die Ruhe und Kraft her, die jeder braucht?
Ich weiß nicht, ob wirklich jeder das braucht. Es gibt auch Leute, die in ihrer Unruhe Stärke finden. Wenn sie ständig unterwegs und aktiv sind. Für mich selbst gibt es einen Punkt, wo ich mich zurückziehen kann und wohl fühlen. Wo ich Unterstützung finde von der Familie. Und ich bin stolz drauf, dass ich sehr gute Freunde habe, die mich so hinnehmen und auch merken: Jetzt lassen wir ihn besser in Ruhe, er kommt dann schon von allein. Auch das hat mit Respekt zu tun …
Interview: J. Rainer Didszuweit und Jörn Dietze
Fotos: Gaby Ahnert
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