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Leid und Leidenschaft

30. Juli 1948, Wembley-Stadion, London: Der legendäre tschechische Langstreckenläufer Emil Zatopek erreicht nach einem 10.000-Meter-Lauf mit letzter Kraft die Ziellinie und stellt einen neuen Weltrekord auf. Die Stimme des Stadion-Kommentators überschlägt sich, die Menge hält es nicht auf den Plätzen. Seit jeher liebt das Publikum Sieger, die das Letzte aus sich herausholen. Und Zatopek zeigte es ihnen. Das Gesicht schmerzverzerrt rannte er von Triumph zu Triumph. Sie nannten ihn „die Lokomotive“, weil er auch am Ende seiner Kräfte laufen konnte wie eine Maschine. Leidend, aber am Ende siegreich – so bediente er die Träume von Millionen. Und jeder Lauf vollzog wie in einem Zeitraffer das uralte, harte Gesetz des Lebens: dass der Stärkere siegt.

 

Tief sitzen die Bilder aus grauer Vorzeit vom täglichen Überlebenskampf Mann gegen Mann in unseren Köpfen: Man lebt nur so lange, wie man stark und gesund ist. Sieg ist Leben, Niederlage der Tod. Deshalb wollen wir uns bitte an Siegern orientieren, nicht an Verlierern. Der uralte menschliche Lebenstraum von unbesiegbarer Stärke ist im Medienzeitalter allgegenwärtig wie nie.

Die Straße der Sieger ist kurz
Dabei verlaufen die meisten Lebensläufe und Lebenskämpfe in Wahrheit doch ganz anders, mit guten und mit bösen Tagen, mit Höhen und Tiefen und nie einfach immer geradeaus. Ewige Stärke gibt es nicht. Niemand kann auf Dauer Glück, Gesundheit und Erfolg für sich pachten. Die Straße der großen Sieger ist meistens ziemlich kurz, ihre Zeit läuft unerbittlich ab. Im Sport sind es oft nur wenige Jahre.

Und dann? Wenn die Leistung nicht oder nicht mehr gebracht werden kann, wenn die körperlichen und geistigen Kräfte nicht ausreichen oder weniger werden, erst recht, wenn das Alter seinen Tribut fordert? Wohin soll man sich orientieren? Neue Aufgaben oder das Weite suchen, resignieren, den freiwilligen Abgang machen, weil das Leben ja nicht mehr lebenswert sei? So sehen es nicht wenige und ihre Stimmen werden lauter.

Eigenartige Wertmaßstäbe
Es sind in Wahrheit Stimmen ohne Hoffnung. Dabei gab es schon in der uralten Lebenserfahrung des jüdischen Glaubens ein tiefes Wissen, dass Schwäche, Krankheit und Leiden keine Betriebsunfälle sind, sondern dass sie genauso in den Kreis des Lebens hinein gehören wie die Zeiten der Freude und der Stärke. Eigentlich einleuchtend und auch tröstlich. Wäre da nicht die fatale menschliche Neigung, sehr eigenartige Wertmaßstäbe zu entwickeln: Nur die Sonnenseite des Lebens soll etwas wert sein. Hauptsache Gesundheit, Hauptsache Stärke, Hauptsache Wohlergehen. Wenn nicht: Dann war es wohl nichts. Bilanz negativ. Ende.

Nicht aus der Welt zu schaffen
Nach dieser Logik hätten Kranke, Behinderte, alte Menschen bei uns bestenfalls ein Schattendasein zu führen – wenn überhaupt. Dass das, zumindest im Grundsatz, nicht so ist, liegt an der immer noch tief verwurzelten christlichen Prägung unseres Landes. Denn im Herzen würden wir Menschen gerne das Leiden aus der Welt schaffen, es verdrängen oder mindestens nicht ansehen wollen. Nur: Das funktioniert eben nicht, endlos fernsehgestützte Siegerfantasien hin oder her. Das Leben verläuft nicht nach den Regeln kindischer Träume. Wer das Leben sucht, darf sich damit nicht zufrieden geben.

Leben aus Gottes Hand
Das erlebten auch die ersten Christen, die nach den Berichten über die Auferstehung Jesu zuerst zögernd und unsicher, dann aber in immer größerer Klarheit begriffen: Der entsetzliche Weg ans Kreuz, den dieser Jesus von Nazareth ohne erkennbaren Widerstand gegangen war, er bedeutete kein blindes, bösartiges Schicksal. Immer wieder hatte Jesus seinen Jüngern zu verstehen gegeben, dass er seinen Lebensweg voller Vertrauen ganz und gar in Gottes Hand legen wollte. Aber nach der Katastrophe mit Verhaftung, Folter und Hinrichtung waren seine Verwandten und Freunde zunächst wie betäubt. Wie konnte Gott es zulassen, dass das Leben dieses einzigartigen Mannes so furchtbar scheiterte?

Zeit für Passion
Sie dachten in den gewohnten menschlichen Kategorien von Sieg und Niederlage. Es dauerte eine Weile, bis die ersten Christen zu verstehen lernten, dass Jesus durch seinen Weg genau dieses Denken auf den Kopf gestellt hatte. Denn er akzeptierte die allumfassende Macht des Todes nicht. Er nahm nicht nur die guten, sondern auch die bösen Tage aus Gottes Hand und blieb darin konsequent bis zum eigenen Tod.

Deshalb sagen die Christen bis heute: Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen. Sein Leben und Sterben haben es ein für alle Mal deutlich gemacht: Vor Gottes Angesicht gibt es keine gescheiterten Existenzen, im Gegenteil. Der Schmerzensmann am Kreuz ist seitdem das Zeichen dafür, dass Gott mit seinen Menschen leidet. Das Wort Passion bezeichnet die letzten Lebenswochen Jesu. Es bedeutet in vielen Sprachen aber auch Leidenschaft: Jesu Passion zeigt Gottes Passion für das ganze, das ungeteilte Leben.

Trockenübung
Sieben Wochen vor Ostern denken die Christen in der Passionszeit ganz besonders über diesen Weg nach, der Jesus Christus ins Leiden und schließlich ans Kreuz geführt hat. Es ist schon lange nicht mehr wie im Mittelalter eine Fastenzeit mit strengsten Speisevorschriften. Aber der Gedanke, dass es in dieser Zeit gut sein könnte, wach das eigene Leben wahrzunehmen, hat in den letzten 20 Jahren viel Auftrieb bekommen. „Sieben Wochen Ohne“, heißt eine erfolgreiche Aktion der Evangelischen Kirche, an der sich mehr als zwei Millionen Menschen beteiligen. Die Idee ist einfach und bestechend: sieben Wochen lang die Passionszeit bewusst gestalten. Eingeschliffene Alltagsgewohnheiten überdenken. Sieben Wochen ohne Alkohol, Schokolade, Sportschau. Oder bewusster mit Partnern und Bekannten umgehen, sich selbst was Gutes tun. Spazieren gehen, Freunde treffen, ein Instrument erlernen. Oder ganz anders: sieben Wochen ohne Leidensmiene,
sieben Wochen ohne Meckern.

Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau
Dr. Joachim Schmidt; Foto:  Daniel Kilian

Nein, keine offizielle Leistungskontrolle. Stärken oder Schwächen vermerkt nur das eigene Gewissen. Aber eine solche „Trockenübung“ kann die Wahrnehmung schärfen: Wo liegt meine – Passion?
Joachim Schmidt

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Weitere Informationen beim
Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik gGmbH
„7 Wochen Ohne“, Frankfurt am Main
Telefon: 069 / 58098-247
Fax: 069 / 58098-263
www.7-wochen-ohne.de

E-Mail: 7wo@gep.de


erschienen in echt, 1. Quartal 2006
Copyright by EKHN, Darmstadt
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