echt Seelsorge

Raus aufs Werksgelände

Volkhard Guth ist Pfarrer an der Rüsselsheimer Matthäusgemeinde direkt neben dem Werksgelände der Opel AG.
In dem am stärksten industrialisierten Dekanat unserer Kirche arbeitet er zusätzlich mit einer halben Stelle als Beauftragter für gesellschaftliche Verantwortung. In echt redet er über inneren Frieden und Seelsorge.


„Ein Seelsorger muss da sein, wo der innere Friede massiv gefährdet ist. Als Ende letzten Jahres klar wurde, dass bei Opel über 2.700 Mitarbeiter ausscheiden und 2.400 in eine Beschäftigungsgesellschaft überführt werden, war ich für viele Menschen der Einzige zum Reden. In den Familien herrschte ein kaum auszuhaltender Druck. Die Leute konnten sich oft nicht einmal zu Hause aussprechen – diese permanente Angst: „Bin ich‘s?“ „Muss ich als Nächster gehen?“

Es gibt einen Trend in unserer Gesellschaft, der den inneren Friede massiv sprengt: Die Leute werden immer mehr auf sich selbst zurückgeworfen. Jeder muss für sich selbst sorgen und vorsorgen. Negativ bedeutet das nicht selten, dass Menschen mit den Nöten, für die sie selbst gar nichts können, alleine gelassen werden. Viele sind aber überfordert: Was mache ich mit meiner Abfindung? Soll ich eine Arbeit annehmen, die viel schlechter entlohnt wird als mein vorheriger Job? – Als Seelsorger muss ich den Blick auf das Innere einfordern. Die Kirche ist den Menschen das Mitfühlen schuldig.

Kein Aufruf zur Innerlichkeit
Ich habe keine Patentlösungen, ich möchte den Blick wieder öffnen helfen und Mut machen, denn Mut stärkt inneren Frieden. Jeder noch so kleine Schritt ist immerhin doch eine Vorwärtsbewegung. Dabei stehe ich selbst heute in einem Dilemma: Einerseits setze ich mich für gerechte Arbeitsbedingungen ein, andererseits rate ich Leuten: „Nehmt den neuen Job an. Auch wenn die Bezahlung ungerecht gering ist, ist es immerhin besser als gar nichts.“ Zur Seelsorge gehört die Sorge um den inneren Frieden, aber die Botschaft Jesu ist kein Aufruf zur Innerlichkeit. Sie möchte Leben gestalten, anpacken und verändern.
Innerer Friede muss dazu bewegen, sich für ein gerechtes Zusammenleben einzusetzen.

Gemeinde endet nicht nach dem Gottesdienst; dieselben Leute winken mir in der Woche vom Stapler aus zu. Wir dürfen nicht Sonntag für Sonntag die Menschen mit dem Segen in eine Welt entlassen, in die wir als Kirchenleute selbst nicht gehen wollen. Wir müssen auch raus aufs Werksgelände. Manchmal frage ich jemanden im Vorbeigehen „Wie geht’s?“, und er erzählt mir sofort, wie seine Familie immer mehr an der unsicheren Situation zu zerbrechen droht. Aus einem flüchtigen Gruß wird nicht selten ein Seelsorgegespräch – auf der Straße oder in der Halle.

Nur vom Rand sieht man das Ganze
Heute gibt es in Rüsselsheim schon wieder neue Gewinner und Verlierer: Da sind diejenigen, denen die Beschäftigungsgesellschaft neue Jobs vermitteln konnte, und andere, die ohne Arbeit dastehen. Zum Jahresende verspüren die Familien wieder dasselbe Elend: „Bekomme ich noch etwas ab – oder bleibt nur Hartz IV?“ Was den inneren Frieden ins Wanken bringt, ist oft bittere Ernüchterung: Menschen, die sich eigentlich in der Mitte der Gesellschaft wähnten, finden sich plötzlich an deren Rand wieder.

Natürlich werfen mir manche Parteilichkeit vor, aber damit muss Kirche leben. Wir können es uns um Jesu Christi willen nicht leisten, dass uns diejenigen verlassen, die unsere Hilfe brauchen. Kirche muss an die Ränder der Gesellschaft, denn nur vom Rand her sieht man das Ganze. Als Pfarrer nehmen mir die Leute ab, dass ich wirklich an ihnen interessiert bin und nicht irgendein anderes Interesse dahintersteckt. Seelsorger genießen da eine höhere Glaubwürdigkeit als Gewerkschafter oder Wirtschaftsmanager. Das sollten wir als Kirche selbstbewusst wahrnehmen.“

Jörn Dietze

echt Info:
» www.evangelisches-dekanat-ruesselsheim.de

» www.zgv.info (Website des Zentrums Gesellschaftliche Verantwortung der EKHN)


erschienen in echt, 4. Quartal 2005
Copyright by EKHN, Darmstadt
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