echt Weihnachten

Stille Nacht

 

Für viele Men-
schen gehört die
Weihnachtsfeier in der
Kirche  zu  einem gelun- 
genen Fest. Gleich, ob aus
Tradition oder einem tiefen
inneren Bedürfnis nach Spi-
ritualität.  echt  hat in drei
Gemeinden nachgefragt,
wie bei ihnen gefei-
ert wird.

 

„...und der Himmel schaut zu!“

Im 1.900-Seelen-Ort Hergershausen nahe Aschaffenburg haben Gottesdienste mit thematischem Schwerpunkt in der Christnacht seit 15 Jahren Tradition. Abendmahl und Alphorn, Blues, Andacht und Gespräch sind Gestaltungselemente eines Heiligabends, der auf Glaube setzt.

„Das ist so“, sagt Pfarrer Wolfgang H. Weinrich, „Menschen kommen Weihnachten auch in die Kirchen, um die Tage einfach festlicher zu gestalten. Das ist gut so. Sie können bei uns aber noch anders fündig werden: sich auf andere, vielleicht ungewohnte Art auf Weihnachten einlassen; Sinn für ihr Leben in der Christnacht finden.“

Peter Geisinger, ehemaliger Pilot, 56 Jahre, nahm schon mehrfach teil. Das erste Mal hat er live per Telefon aus dem Cockpit zwischen Bangkok und Frankfurt 1995 die Feier „... und der Himmel schaut zu!“ mit gestaltet. „Diese Gottesdienste haben mich in die Kirche geholt“, sagt er. Sie würden „den Horizont kirchlicher Praxis weiten“ und dabei „nicht an der Oberfläche verbleiben, sich in bloßer Ästhetik verspielen“. „Die hier gelebte Spiritualität könnte ein Modell sein, wie Kirche sich entwickeln sollte.“ Deshalb freuen er und seine Familie sich seit Jahren auf diese Nacht, stecken damit an.

„Denken Sie bloß nicht, hier trifft sich nur fliegendes Personal“, sagt Katja Klein und lacht offen und sympathisch – „obwohl, mittlerweile kommen auch Kollegen aus Frankfurt mit.“ Die Gottesdienste über „Erreichbarkeit der Dinge“, „Nachhaltigkeit“ oder „Hoffnung“ hätten sich rumgesprochen. „Aber man muss das erlebt haben. Die Lieder, Themen und Denkanstöße erfassen einen und das bewegt die Leute. Es entsteht eine Zusammengehörigkeit, die nimmt man mit raus. Und das wirkt noch lange“, beschreibt die 29-jährige Stewardess, die mit Freunden zu den Stammbesucherinnen gehört. „Wir glauben zwar, gehen aber selten zum Gottesdienst. Aber da wird nichts runtergepredigt und wenn es diese proppenvolle Kirche öfters gäbe ...“

 

J. Rainer Didszuweit

„Fürchtet euch nicht!“: Gottesdienst in Hergershausen am 24. Dezember um 22.00 Uhr

  echt Info
Das Heiligabend-Projekt: Infos, Texte, Bilder, Musik unter
www.christnacht.de

 

 

 

 

Weihnachten zwischen Banken, Bahnhof und Bordellen
„Oh du fröhliche“ schallt es durch die Kirche, die ganz in Kerzenlicht getaucht ist. Und obwohl auch das Krippenspiel nicht fehlt, ist es doch ein ganz anderer Gottesdienst am Heiligabend in der Frankfurter Weißfrauen-Diakoniekirche. Denn hier zwischen Banken, Bahnhof und Bordellen treffen Menschen zusammen, die sich im Alltag meist keines Blickes würdigen: Wohnsitzlose und Banker, Drogensüchtige und Künstler.

„Mit der Weißfrauen-Diakoniekirche haben Glaube und soziale Fragen ein gemeinsames Dach bekommen“, erklärt Dr. Michael Frase, Vorsitzender des Diakonischen Werkes für Frankfurt am Main. Anfang des Jahres hatte die aus einer Fusion von drei Gemeinden entstandene Hoffnungsgemeinde das Gotteshaus an das Diakonische Werk Frankfurt übergeben. Baulich integriert ist das Hilfezentrum WESER 5, das seit fast zehn Jahren den Tagestreff des Diakonischen Werkes für Wohnsitzlose beherbergt. „In unserem Viertel ist es absolut notwendig, dass die unterschiedlichen Milieus nicht nur nebeneinander existieren, sondern auch zusammenkommen“, erklärt Weißfrauen-Kurator Gerald Hintze. Der Heiligabendgottesdienst „Hirtenfeuer“ war der Start für das neue Konzept und gleich ein voller Erfolg: Rund 120 Menschen feierten gemeinsam, aßen und tranken, verbrachten die Nacht miteinander. „Es war ein Ort der gemeinsamen Freude in einer Gegend, wo es oftmals bleiern zugeht“, erinnert sich Frase.

Auch in diesem Jahr soll das „Hirtenfeuer“ ein Gottesdienst für all diejenigen sein, die Weihnachten intensiv feiern möchten. „Hier ist man dicht dran an der Weihnachtsgeschichte: Die Suche nach einer Herberge ist ganz konkret und die Weihnachtsbotschaft durch die Beteiligung von wohnungslosen Menschen sehr authentisch“, bemerkt Frase und ergänzt: „Neben der materiellen Armut gibt es in unserer Gesellschaft ja auch eine innere Armut, die keinesfalls nur die Besitzlosen betrifft.“

Und so sollen an Heiligabend alle Wohnsitzlosen und Hausfrauen, Jugendliche oder Manager etwas von der weihnachtlichen Freudenbotschaft spüren. Klassische Elemente wie traditionelle Lieder gehören selbstverständlich dazu. Schließlich möchte die Weißfrauen-Diakoniekirche ein Anlaufpunkt für alle Menschen im Bahnhofsviertel sein.

Jörn Dietze

An Heiligabend ist die Kirche ab 18 Uhr geöffnet, der Gottesdienst in der Weserstraße/Ecke Gutleutstraße beginnt um 19 Uhr. Um 21 Uhr gibt es „Abendbrot“ und ab 22 Uhr „Kultur in der Nacht“.

echt Info
Weitere Informationen im Internet
unter www.weser5.de oder unter Telefon 069/271358-0


Lichter der Freude

Im kleinen Dodenau-Reddighausen im Ederbergland beginnt Weihnachten schon am ersten Advent

In der alten Dorfkirche herrscht festliche Stille. Die letzten Besucher flüstern sich noch schnell einen Gruß zu und drängen sich in ihren Wintermänteln auf die voll besetzten Holzbänke. Vor dem Altar blökt leise ein Schaf. Es gehört zu Hobbyschäfer Björn Biebighäuser, der sich heute als Hirte verkleidet hat. Gudrun Wiegand, eine Frau aus dem Dorf, überbringt ihm feierlich das Adventslicht, das in den letzten vier Wochen jeden Abend durch den winterlichen Ort getragen wurde: „Möge es dir zum Segen sein, dass du das Licht in der Krippe findest!“ In ihrer Predigt zur Weihnachtsgeschichte geht Pfarrerin Sabine Färber-Awischus diesmal besonders auf die Bedeutung der Scheune ein: „Auf Heu und Stroh wird täglich geboren und gestorben.“ Nachvollziehbare Worte für die ländliche Gemeinde im Kirchspiel Dodenau-Reddighausen, die von Pfarrerin Färber-Awischus und ihrem Mann Jörg seit elf Jahren betreut wird.

Nicht immer geht es an Heiligabend in der Kirche so ernst und besinnlich zu wie 2003. Im letzten Jahr führte der Frauenkreis eine heitere Version der Weihnachtsgeschichte vor. „Wir hatten keine Turbane, deshalb wurden die Köpfe der Heiligen Drei Könige von bunten Lampions geschmückt“, erinnert sich Gudrun Wiegand. Auch die Kinder und Konfirmanden gestalten die Weihnachtsgottesdienste mal mit einem Musical, einer Diashow oder einem klassischen Krippenspiel regelmäßig mit – und sorgen für viel Fröhlichkeit: „Jubel, Trubel, Heiterkeit gehören genauso zum Fest wie stille Einkehr!“

Zur Einstimmung treffen sich die Menschen bereits am ersten Advent zum „Lebendigen Adventskalender“: Sie entzünden in der Kirche ein Adventslicht und tragen es zum Haus eines Teilnehmers. Vor dem festlich dekorierten Fenster gibt es Lieder, Gedichte, Plätzchen, Schmalzbrote und Früchtepunsch. „Diese Gemeinschaft trägt viele von uns durch die dunkle Jahreszeit“, erklärt Sabine Färber-Awischus. Auf Weihnachten freut sie sich jetzt schon. Dieses Jahr werden alle Besucher zum ersten Mal ihr eigenes Licht mit in die Kirche bringen.

Pe Jacobi

Gottesdienste: 17.00 Uhr Reddighausen und Dodenau, 23.00 Uhr Christmette Dodenau

 



erschienen in echt, 4. Quartal 2005
Copyright by EKHN, Darmstadt
« Zurück