echt Glaube kompakt

 

 

Wie ein helles
Lichterband

 

 

 

 

Der Überfall ging blitzschnell. Mit einem Pfeilhagel brachten bärtige Wüstenkrieger die kleine Karawane zum Halten und durchbohrten den Anführer mit ihren Lanzen. An den Händen gefesselt wurden die Händler und ihre Sklaven in eine nahe gelegene Höhle getrieben. Ein Bote mit der Lösegeldforderung machte sich auf den Weg. Für die Gefangenen begann quälendes Warten auf eine ferne Entscheidung über ihr Leben – oder ihren Tod. Ihre Sehnsucht galt dem Loskauf aus der Geiselhaft, ihrer Erlösung.

Die Opfer gefesselt, die Täter in Siegerpose. Zahllose Fotos und Videobänder unserer Zeit geben Zeugnis davon. Die Rollen sind seit Menschengedenken klar verteilt. Die Geiseln herausgerissen aus dem normalen Leben, gefangen, gedemütigt, oft ängstlich und klein. Die Geiselnehmer herrisch, überheblich, brutal. Wer das Leben der Geiseln retten will, hat keine andere Wahl, als mit dem Bösen zu verhandeln und notfalls nachzugeben.

Im Banne des Bösen
Erstaunlich: Für ganze Weltanschauungen ist das Geisel-Motiv zu einem Schlüsselbild ihrer Sicht des Lebens und der Welt
geworden. Meist schwang darin eine gehörige Portion Selbstmitleid: Man selbst wollte ja immer nur das Beste. Wenn nur die
bösen Anderen und die schlimmen Verhältnisse nicht gewesen wären! „Erlöse uns von dem Bösen“, lautet auch die flehentliche siebente Bitte des Vaterunsers. Das Gebet, das Jesus zugeschrieben wird, spiegelt die uralte Sehnsucht, von den finsteren Seiten der Welt und der Menschen befreit zu werden. Das klingt fast so, als sei das Böse immer draußen und das Gute immer in uns selbst.

Erfolgreich in Sachen Vernichtung
Man kann sich die bösen anderen Menschen und seine eigenen guten Absichten wunderbar zurechtträumen. Besonders in den letzten dreihundert Jahren ist das gerne versucht worden, seit jener Zeit, die man die „Aufklärung“ nannte. Damals galt die Devise, dass man nur den menschlichen Verstand walten lassen müsse, dann werde schon alles gut werden. Seitdem hat beispielsweise die Brutalität der Kriege durch verbesserte Technik dank des menschlichen Verstandes heftig zugenommen. Der funktioniert offenbar erfolgreicher in Sachen Vernichtung als in Sachen Hilfe. Längst sind wir in der Lage, bei Bedarf die Erde unbewohnbar zu machen. Das ist neu in der Menschheitsgeschichte.

Gefangen vom eigenen Leben
In der Bibel haben rosige Zukunftsträume wie der von der Klugheit des Menschen noch nie einen Platz gehabt. Im Gegenteil: In ihr stehen die bitteren Erfahrungen von vielen hundert Generationen und die immer gleiche Geschichte seit Jahrtausenden. Das Bild, das in ihr vom Menschen als „Krone der Schöpfung“ gezeichnet wird, ist wahrheitsgetreu, aber wenig schmeichelhaft. Keine hohen Ideale, nichts Wahres, Schönes, Gutes. Keine wunderbare Fortentwicklung des Geistes, kein Wiedergeboren-Werden auf irgendeiner höheren Stufe.

Dünner Firniss
Aus der Bibel können wir lernen, Schluss zu machen mit der Träumerei: Bis zum heutigen Tag stecken wir miteinander fest in
einem tiefen Sumpf aus Geiz und Gier, Feigheit und Frechheit, Dummheit und Trägheit. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber sie dauern auch meistens nicht lange. Soziales Verhalten ist anerzogen und gutes Benehmen ein dünner Firnis, der unter Belastung schnell brüchig wird. Und nirgendwo eine Chance in Sicht, sich wie weiland Münchhausen am eigenen Schopf herauszuziehen, so wenig, wie Geiseln ihr Schicksal selber wenden könnten. Die Geiselnehmer sitzen in uns selbst. In der Bibel steht dafür ein schlichtes Wort: Sünde.

Jenseits der Hoffnung
Das ist die eine Seite. Die andere steht ihr gegenüber und sie durchzieht die Bibel wie ein helles Lichterband: ein Gott, der seine Schöpfung und seine Menschen trotz allem nicht verstößt, sondern ihnen in Liebe zugewandt ist.

Erst wenn im Unfrieden der Welt alle menschlichen Selbsterlösungsträume ausgeträumt sind, so wird in der Bibel immer wieder berichtet, schlägt die Stunde dieser Liebe. Und zwar jenseits aller Hoffnungen und Erwartungen. Kein Mensch kann sich aus eigener Kraft aus der Geiselhaft der eigenen inneren Dunkelheit frei machen. Niemand lockert die eigenen Fesseln selbst. Hilfe kann nur von außen kommen. Christen glauben daran: Erlösung ist möglich und sie kommt von Gott.

Hilfe muss von außen kommen
In großartigen Bildern und Visionen durchzieht dieser Gedanke biblische Texte: von Gefangenen, denen die Tür aufgeschlossen wird, von Verirrten, die den Weg finden, von Verzweifelten, denen Trost zuteil wird. Und als Höhepunkt: von dem hilflosen, kleinen, neu geborenen Kind von Bethlehem, von dem man sich erzählte, dass bei seiner Geburt Engel eine Botschaft des Friedens überbracht hatten. Ostern ist vielleicht das wichtigste, aber Weihnachten das beliebteste Fest der Christenheit. Denn im Grunde wissen alle: Die alten Regeln der Welt sind an ihr Ende gekommen. Erlösung und Frieden kann es nur geben, wenn von außen etwas Neues in die Welt kommt – wie ein neu geborenes Kind. Dafür steht das Kind von Bethlehem.

Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau
Dr. Joachim Schmidt; Foto:  Daniel Kilian

Ein Kind bringt Licht ins Dunkel
Geiseln wissen es: Das Wichtigste ist, die Hoffnung nicht zu verlieren. Hoffnung auf den ersten Lichtstrahl, der durch die geöffnete Tür ins Verlies fällt, auf ein Ende der Gefangenschaft, auf neues Leben. Für Christen ist Jesus Christus Garant dieser Hoffnung. Deshalb ist am Fest seiner Geburt so viel vom Licht die Rede. Dahinter steht die uralte christliche Erfahrung: Wo der Geist Jesu Einfluss gewinnt, weicht die Dunkelheit in den Herzen. Das mörderische Gesetz des Lebens verliert seine Wirkung, weil das Licht der Hoffnung mächtiger ist. Martin Luther, der Begründer des evangelischen Glaubens, hat es in einem Weihnachtslied so ausgedrückt:

„Das ewig Licht geht da herein / gibt der Welt ein’ neuen Schein; / es leucht’ wohl mitten in der Nacht / und uns des Lichtes
Kinder macht.“ (Evangelisches Gesangbuch, Lied 23 Vers 4)

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Joachim Schmidt


erschienen in echt, 4. Quartal 2005
Copyright by EKHN, Darmstadt
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