Die Opfer gefesselt, die Täter in Siegerpose. Zahllose Fotos und Videobänder unserer Zeit geben Zeugnis davon. Die Rollen
sind seit Menschengedenken klar verteilt. Die Geiseln herausgerissen aus dem normalen Leben, gefangen, gedemütigt, oft
ängstlich und klein. Die Geiselnehmer herrisch, überheblich, brutal. Wer das Leben der Geiseln retten will, hat keine andere
Wahl, als mit dem Bösen zu verhandeln und notfalls nachzugeben.
Im Banne des Bösen
Erstaunlich: Für ganze Weltanschauungen ist das Geisel-Motiv zu einem Schlüsselbild ihrer Sicht des Lebens und der Welt
geworden. Meist schwang darin eine gehörige Portion Selbstmitleid: Man selbst wollte ja immer nur das Beste. Wenn nur die
bösen Anderen und die schlimmen Verhältnisse nicht gewesen wären! „Erlöse uns von dem Bösen“, lautet auch die flehentliche
siebente Bitte des Vaterunsers. Das Gebet, das Jesus zugeschrieben wird, spiegelt die uralte Sehnsucht, von den finsteren
Seiten der Welt und der Menschen befreit zu werden. Das klingt fast so, als sei das Böse immer draußen und das Gute immer
in uns selbst.
Erfolgreich in Sachen Vernichtung
Man kann sich die bösen anderen Menschen und seine eigenen guten Absichten wunderbar zurechtträumen. Besonders in den
letzten dreihundert Jahren ist das gerne versucht worden, seit jener Zeit, die man die „Aufklärung“ nannte. Damals galt die
Devise, dass man nur den menschlichen Verstand walten lassen müsse, dann werde schon alles gut werden. Seitdem hat
beispielsweise die Brutalität der Kriege durch verbesserte Technik dank des menschlichen Verstandes heftig zugenommen. Der
funktioniert offenbar erfolgreicher in Sachen Vernichtung als in Sachen Hilfe. Längst sind wir in der Lage, bei Bedarf die Erde
unbewohnbar zu machen. Das ist neu in der Menschheitsgeschichte.
Gefangen vom eigenen Leben
In der Bibel haben rosige Zukunftsträume wie der von der Klugheit des Menschen noch nie einen Platz gehabt. Im Gegenteil: In ihr stehen die bitteren Erfahrungen von vielen hundert Generationen und die immer gleiche Geschichte seit Jahrtausenden. Das
Bild, das in ihr vom Menschen als „Krone der Schöpfung“ gezeichnet wird, ist wahrheitsgetreu, aber wenig schmeichelhaft.
Keine hohen Ideale, nichts Wahres, Schönes, Gutes. Keine wunderbare Fortentwicklung des Geistes, kein Wiedergeboren-Werden auf irgendeiner höheren Stufe.
Dünner Firniss
Aus der Bibel können wir lernen, Schluss zu machen mit der Träumerei: Bis zum heutigen Tag stecken wir miteinander fest in
einem tiefen Sumpf aus Geiz und Gier, Feigheit und Frechheit, Dummheit und Trägheit. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber
sie dauern auch meistens nicht lange. Soziales Verhalten ist anerzogen und gutes Benehmen ein dünner Firnis, der unter
Belastung schnell brüchig wird. Und nirgendwo eine Chance in Sicht, sich wie weiland Münchhausen am eigenen Schopf
herauszuziehen, so wenig, wie Geiseln ihr Schicksal selber wenden könnten. Die Geiselnehmer sitzen in uns selbst. In der Bibel
steht dafür ein schlichtes Wort: Sünde.
Jenseits der Hoffnung
Das ist die eine Seite. Die andere steht ihr gegenüber und sie durchzieht die Bibel wie ein helles Lichterband: ein Gott, der seine
Schöpfung und seine Menschen trotz allem nicht verstößt, sondern ihnen in Liebe zugewandt ist.
Erst wenn im Unfrieden der Welt alle menschlichen Selbsterlösungsträume ausgeträumt sind, so wird in der Bibel immer wieder
berichtet, schlägt die Stunde dieser Liebe. Und zwar jenseits aller Hoffnungen und Erwartungen. Kein Mensch kann sich aus
eigener Kraft aus der Geiselhaft der eigenen inneren Dunkelheit frei machen. Niemand lockert die eigenen Fesseln selbst. Hilfe
kann nur von außen kommen. Christen glauben daran: Erlösung ist möglich und sie kommt von Gott.
Hilfe muss von außen kommen
In großartigen Bildern und Visionen durchzieht dieser Gedanke biblische Texte: von Gefangenen, denen die Tür aufgeschlossen wird, von Verirrten, die den Weg finden, von Verzweifelten, denen Trost zuteil wird. Und als Höhepunkt: von dem hilflosen,
kleinen, neu geborenen Kind von Bethlehem, von dem man sich erzählte, dass bei seiner Geburt Engel eine Botschaft des
Friedens überbracht hatten. Ostern ist vielleicht das wichtigste, aber Weihnachten das beliebteste Fest der Christenheit. Denn
im Grunde wissen alle: Die alten Regeln der Welt sind an ihr Ende gekommen. Erlösung und Frieden kann es nur geben, wenn
von außen etwas Neues in die Welt kommt – wie ein neu geborenes Kind. Dafür steht das Kind von Bethlehem.
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Oberkirchenrat
Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet
die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche
in Hessen und Nassau
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Ein Kind bringt Licht ins Dunkel
Geiseln wissen es: Das Wichtigste ist, die Hoffnung nicht zu verlieren. Hoffnung auf den ersten Lichtstrahl, der durch die
geöffnete Tür ins Verlies fällt, auf ein Ende der Gefangenschaft, auf neues Leben. Für Christen ist Jesus Christus Garant dieser
Hoffnung. Deshalb ist am Fest seiner Geburt so viel vom Licht die Rede. Dahinter steht die uralte christliche Erfahrung: Wo der
Geist Jesu Einfluss gewinnt, weicht die Dunkelheit in den Herzen. Das mörderische Gesetz des Lebens verliert seine Wirkung,
weil das Licht der Hoffnung mächtiger ist. Martin Luther, der Begründer des evangelischen Glaubens, hat es in einem
Weihnachtslied so ausgedrückt:
„Das ewig Licht geht da herein / gibt der Welt ein’ neuen Schein; / es leucht’ wohl mitten in der Nacht / und uns des Lichtes
Kinder macht.“ (Evangelisches Gesangbuch, Lied 23 Vers 4)
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Joachim Schmidt