echt Abschied

 

Feierabend endgültig

Noch gibt es diese Berufsverläufe. 20 Jahre im Betrieb, 30 oder gar 40. Und irgendwann ist Schluss. Dann kommt der Ruhestand. Gefürchtet und herbeigesehnt und wie man gern sagt: „wohlverdient“. Zuvor noch Dankesworte, Blumen und gute Wünsche. Und die persönliche Bilanz. Glücklich, wer im Frieden gehen kann.

Vierzig Jahre ist es her und noch immer höre ich unser hämisches Kichern. „Die Mietzi“ war wieder im Haus und geisterte durch die Flure und Etagen der Bank. Sie war seit einem halben Jahr im Ruhestand und kam einmal pro Woche vorbei – „nur mal so“, wie sie sagte. Käffchen trinken, plaudern, gute Ratschläge verteilen. Sie hatte sich eine bunte kesse Frisur zugelegt, spielte das junge, freche Mädchen und hielt uns von der Arbeit ab.

Ich war damals Anfang zwanzig. Heute frage ich mich, warum ich die Geschichte mit der pensionierten Mietzi nicht
vergessen habe. Etwas an ihren Auftritten muss mich gerührt haben. Vielleicht die schwer zu beschreibende Mischung aus Peinlichkeit, Mitleid und Scham für einen Menschen, der nicht merkte, dass er lästig war und verspottet wurde. Irgendeine Stimme sagte mir damals, wenn auch leise: Vergiss das nicht, das ist wichtig. So darf man sein Arbeitsleben nicht beenden! Merk dir das: Bloß keine Mietzi werden.

Hinter Freude sitzen Tränen
Heute weiß ich, dass mich diese peinlichen Auftritte zur scharfen Beobachterin vieler Abschiedsfeiern gemacht haben. Ich habe gelernt, auf den ersten Blick zu sehen, wo hinter gespielter Freude die Tränen sitzen. Es tut weh, einen Ort zu verlassen, der so lange Mittelpunkt des Lebens war. Und dann, von einem Tag auf den anderen: keine Arbeit mehr, keine Verantwortung. Auch keine Routine mehr, die den Tag und die Jahre gegliedert und ihnen Bedeutung gegeben hat. Warum die Trauer verbergen? Es gibt die echte Fröhlichkeit über das neue, freie Leben. Und es gibt die gespielte Fröhlichkeit, hinter der sich Angst vor einem Leben ohne Arbeit verbirgt und Schmerz und Wehmut beim Ausräumen des Schreibtisches. Ich kann die echte von der gespielten Fröhlichkeit schnell unterscheiden. Ich habe ein gutes Ohr für falsche Töne bekommen. Argwöhnisch lausche ich den maßlosen Lobeshymnen, die den künftigen Rentnern am Ende ihres Arbeitslebens gesungen werden. Mein Verdacht: Wo maßlos gelobt wird, kommt auch das kleine Lob nicht von Herzen.

Weil die Stadt, in der ich lebe, nicht groß ist, treffe ich pensionierte Kollegen auf der Straße, im Bus und in der U-Bahn. Die meisten sagen, es ginge ihnen blendend. Von Wehmut keine Spur, sagen sie viel zu laut und schimpfen über das miese Arbeitsklima und die unfähigen Vorgesetzten in dem Saftladen, zu dem sie Gott sei Dank nicht mehr gehören. Aber ich bin noch da und habe das Gefühl, ich werde gleich mit abgewertet. Einmal sagte ein Kollege: Ich habe in den schönsten Jahren des Unternehmens dazu gehört, dafür bin ich dankbar. Der Satz hat mir gefallen. Neulich traf ich eine ehemalige Abteilungsleiterin, die beleidigt war, dass wir sie nie anrufen. Aus den Augen, aus dem Sinn, sagte sie und das klang bitter. Ja, dachte ich, wir sind wirklich treulos. Nur: Irgendetwas stimmte an dem Vorwurf nicht – aber was? Ich nahm mir vor, das bis zu meinem eigenen Abschied herauszufinden. Damals hatte ich noch ein Jahr vor mir, nun sind es noch drei Monate.

Nicht bang in die Zukunft
Wie die Mietzi wollte ich nicht gehen – aber wie dann? Ich will ohne Groll gehen. Ohne offene Rechnung. Ich habe ausgeteilt und eingesteckt. Ärger über ein falsches Wort, Wut über einen ungerechten Tadel, Klatsch und Tratsch und konkurrentes Verhalten gehören zum Alltag und konnten mir die Freude an der Arbeit nie vermiesen. Ich habe die Karriere gemacht, die zu mir passt. Ich schaue nicht bang in die Zukunft, aber auch nicht überschäumend fröhlich. Ich weiß nicht, ob das, was ich vorhabe, gelingen wird. Ich bin neugierig.

Ich werde nicht auf Anrufe aus meiner Abteilung warten, weil ich inzwischen weiß, was an dem Vorwurf, wir seien treulos, nicht stimmt. Arbeitsteams sind eine Gemeinschaft auf Zeit, manchmal auf lange Zeit. Wer geht, lässt nicht Freunde, sondern Kollegen zurück, auch Menschen, die man vermissen wird. Wer geht, wird ersetzt. Ich finde diese Erkenntnis nicht schmerzlich, sie wird mir helfen. Ich habe Kopf und Herz so gut wie möglich sortiert.

Lisa Prust


erschienen in echt, 4. Quartal 2005
Copyright by EKHN, Darmstadt
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