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echt
Titel

echt sprach mit der Schauspielerin und Kabarettistin Isabel Varell über inneren Frieden und was man für
ihn tun kann.
"Das war der Engel,
der für mich vom
Himmel gefallen ist" |
Frau Varell, was ist für Sie innerer Friede?
Mit das Wichtigste, was es für mich im Leben gibt. Er hat damit zu tun, zu sich selbst zu stehen. Wenn
man ihn noch nicht gefunden hat, muss man auf die Suche gehen. Die Unruhe in einem zeigt, dass man
noch nicht bei sich angekommen ist, sich nicht wirklich akzeptiert.
Sie sagen Unruhe – eine zutreffende Bezeichnung für das Lebensgefühl im Showbiz?
Da gibt es viele Menschen, die wie ich in ihrer Kindheit sehr um Anerkennung kämpfen mussten.
Als Legasthenikerin, was man damals gar nicht erkannt hat, hab ich auf der Hitliste der Leute, über die
man gerne lacht, ganz oben gestanden. Aber nicht im positiven Sinne wie heute, wenn man als Komödiantin
über mich lacht.
Was hat sich seitdem verändert?
Ich bin lange durchs Leben gerannt mit der Hoffnung, dass mich jeder mag. Heute weiß ich, dass das nicht geht.
Ich selbst versuche aber, jedem eine Chance zu geben. Es ist fast wie bei den Tieren: Die riechen sich am Popo
und das geht oder geht nicht. Nur dass wir die Intelligenz haben. Wenn wir einen Popo nicht lecker finden, müssen
wir an uns arbeiten und uns fragen, warum? Mein Lebensmotto ist Toleranz. Die ist absolut nötig, um Frieden zu finden.
Aber sind Sie wirklich dieser Sonnenschein, der immer offen und gut gelaunt ist?
Ich bin froh, dass ich draußen so gesehen werde. Meine stark positive Einstellung zum Leben hat mir geholfen,
schwere Zeiten durchzustehen. Ich bin durch fürchterliche Tiefen und Trauer gegangen. Dass ich nicht rund um
die Uhr gut drauf bin, versteht sich von selbst. Ich häng auch mal in der Ecke und es fließt ein Tränchen. Das
gehört zum Leidenschaftlich-Sein und ich bin froh, ein leidenschaftlicher Mensch zu sein.
... innerer Friede hat was mit Leidenschaft zu tun?
In jeder Hinsicht. In dem Wort steckt das Wort Leiden mit drin. Das heißt nicht, dass ich leidenswillig bin und es
genieße. Aber ich bin Gott sei Dank so, dass ich mich in Kurven, die nach unten gehen, wieder rausziehen kann.
Wenn ich ganz down bin, sag ich: Einmal schlafen, dann ist es besser.
In der Öffentlichkeit kommt aber oft nur die eine Seite rüber. Stört Sie das?
Nein, man muss auch die Leichtigkeit des Seins zulassen. Ich habe nicht den Drang, den Leuten bei jeder
Gelegenheit zu demonstrieren: Schaut mal, was ich für wertvolle Gedanken habe. Bei einem Showstar geht
man allerdings von vornherein davon aus: Der ist oberflächlich, Pappnase auf – und dann ab. Dabei steckt
jeder Mensch voller Überraschungen – positiven wie negativen. Auch ein Pastor muss im Zusammenleben
mit anderen erst beweisen, dass er eine gute und tiefgründige Seele hat.
Sie laufen seit einiger Zeit Marathon. Hängt das auch mit der Suche nach innerem Frieden zusammen?
Ja, Körper, Geist und Seele sind dabei eins und das gibt eine ungemeine Ruhe. Es ist das Tüpfelchen auf
dem i vom inneren Frieden. Wer aber sagt, Laufen macht Spaß, lügt (lacht laut). Auf der Strecke stimmt das,
aber das Loslaufen ist doch zum Kotzen – oder? Man muss sich immer entscheiden, geh ich jetzt laufen oder
mach ich was mit Freunden? Da gewinnt meistens das Laufen und das stinkt mir. Mit Menschen zusammen
zu sein ist wertvoller als der Kick beim Marathon.
Bei einem solchen Beisammensein, in einer Talkshow, haben Sie sehr persönlich über Ihre Begegnungen
mit Sterbenden geredet?
Ich habe ehrenamtlich im Hospiz mitgearbeitet. Das war aber keine selbstlose Veranstaltung. Dort habe ich
gelernt, über meine Trauer zu reden.
Wie kamen Sie auf die Idee?
Mein bester Freund, Hape Kerkeling, hat meinen Schmerz gespürt, als meine Mutter gestorben war, meine
Sprachlosigkeit aufgefangen und gesagt: Du musst etwas tun. Für den Psychologen bin ich aber keine Kandidatin.
Ich fühl mich komisch, wenn ich fürs Zuhören bezahlen muss. Ich weiß, das ist dumm, so zu denken. Aber Hapes
Tipp, in das Hospiz zu gehen, war dann sehr wertvoll für mich.
Ging das denn so einfach?
Ich musste erst eine psychologische Schulung gemeinsam mit wildfremden Menschen absolvieren und dachte:
Lass dich mal drauf ein, denn jeder hat irgendeinen Grund, weshalb er hier sitzt. Als diese Ausbildung nach
mehreren Monaten zu Ende war, haben wir Seiten voneinander gekannt, die manch bester Freund wahrscheinlich
nicht ahnte. Das war eine unglaubliche Erfahrung und hat im übertragenen Sinn Räume geöffnet.
Sie haben in dem Zusammenhang von Kirchen erzählt ...?
... ja, das hat mir sehr geholfen, diese Räume der Stille. Manchmal hab ich aber vor geschlossenen Türen
gestanden und geflucht. Weil ich das so dringend brauchte, hat mir auch die Erklärung „Wegen
Vandalismusgefahr geschlossen“ nichts genützt. Gotteshäuser sollten für die Menschen immer offen sein.
Können Sie sich an den ersten Kontakt mit einem Todkranken erinnern?
Als wir durchs Hospiz geführt wurden, streckte eine alte Dame ihren Kopf aus der Tür, weil sie neugierig war.
Und da hab ich mich gleich in diese Maria verliebt. Sie war damals schon über 80 und ist meine Freundin geworden.
Das war so ein Schicksal. Ich glaub ja nicht an Zufälle.
Was war das Besondere an der Frau?
Maria hatte nie einen richtigen Draht zu ihrer Tochter gefunden und die war nicht in der Lage, in der letzten
Phase des Lebens mit ihrer Mutter Dinge zu klären. Ich hatte gerade meine Mutter verloren und es war nicht in
Worte zu fassen, was sich zwischen dieser Frau und mir abgespielt hat. Das war der Engel, der für mich vom
Himmel gefallen ist. Der mich verstehen konnte und durch mich erlebt hat, dass Kinder trauern, wenn die Eltern
gehen. Ich hoffe, dass Maria weiß, wie sehr sie mir geholfen hat, denn sie hat sich immer nur bei mir bedankt.
Isabel Varell, Sängerin, Schauspielerin und Moderatorin, wurde 1961 in Kempen am Niederrhein geboren. Unter
anderem ist sie bekannt durch den ARD-Zehnteiler „Das Rätsel der Sandbank“, Hauptrollen in Musicals, als
Schauspielerin bei den „Berliner Jedermann-Festspielen“, durch Kinofilme und ihr Soloalbum „Heut’ ist mein Tag“.
Seit 2003 sorgt das Multitalent unter anderem mit eigenem Comedy-Musik-Programm für volle Häuser und ist Preisträgerin der Goldenen Europa.
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Und was ist von dieser Zeit geblieben?
Die Gewissheit, dass der Tod zum Leben gehört. Auch das hat viel mit innerem Frieden zu tun.
Dass man die Angst vor der Endlichkeit verliert. Wir verbringen halt nur eine be-stimmte Zeit hier und
trotzdem ist der Tod ein Tabuthema. Das ist eine große Motivation für mich, offen über Trauer und Tod
zu sprechen. In anderen Kulturen gibt es den Glauben, dass der Tod die Befreiung der Seele ist. Das
ist ein großer Trost.
Hat Maria das auch so empfunden?
Sie hat noch viele Jahre gelebt und musste dann sogar ausziehen, weil sie nicht gestorben ist, wurde
verlegt in ein Altenheim (lacht herzlich). Mittlerweile ist sie tot und hat ihren Frieden gefunden. So wollte
sie das auch. Aus ihren letzten Jahren hat sie noch so viel gemacht und sich ungeheuer geöffnet.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Sie gehörte zu einer Generation, die sich mit Themen wie Aids und Risikogruppen schwer tut. Im Hospiz
war sie nun umgeben von lauter schwulen Menschen. Wie sie sich denen geöffnet hat, war unglaublich.
Unser Pastor war der Rainer Jarchow, der erste Aids-Pfarrer in Deutschland und einer der ersten, die in
Hamburg offiziell ihre gleichgeschlechtliche Partnerschaft besiegelten. Die Maria hat dann eines Tages
gesagt: „Grüßen Sie Ihren Mann.“ – Und alle waren verblüfft. Ja, so war sie – und das bewundere ich.
Kann man Erfahrungen an andere weitergeben?
Unbedingt. Vielleicht steckt ja gerade irgendjemand in der Trauer, in der ich damals war. Wir können
nur einander helfen. Künstler haben die Möglichkeit, das in der Öffentlichkeit zu tun. Nichts ist so wirksam,
wie Aussprechen. Vielleicht fühlt sich ja irgendeine Seele dann nicht mehr ganz so allein.
Interview: J. Rainer Didszuweit und Jörn Dietze
Fotos: Heike Rost
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