echt Glaube

Mit Gott einschlafen

Wenn der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen.
Wenn der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst.
Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer
Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.
(Psalm 127).

 

Der Apostel Paulus hat mal so lange gepredigt, dass ihm einer aus seiner Gemeinde tief und fest eingeschlafen ist. Eutychus, so hieß der junge Mann, hatte sich in dem wohl schon vollen Versammlungsraum seinen Platz auf der Fensterbank gesucht und zunächst wahrscheinlich auch interessiert zugehört. Aber dann wurde sein Atem ruhiger, die Augenlider fielen ihm zu und mit der Zeit ist er immer weiter zur Seite gekippt. Schließlich hat er das Gleichgewicht verloren: Er ist schlafend aus der Höhe des dritten Stocks außen hinabgestürzt und dann vor dem Haus wie tot liegen geblieben. Nachzulesen in der Bibel, Apostelgeschichte, Kapitel 20.

Bevor die Sonne sinkt,
will ich den Tag bedenken.
Die Zeit, sie eilt dahin,
wir halten nichts in Händen.

Bevor die Sonne sinkt,
will ich das Sorgen lassen.
Mein Gott, bei dir bin ich
zu keiner Stund vergessen.

Bevor die Sonne sinkt,
will ich dich herzlich bitten:
Nimm du den Tag zurück
in deine guten Hände.

Evangelisches Gesangbuch 491

In dieser biblischen Anekdote aus den Frühzeiten christlicher Predigtkunst steckt mehr, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Die Verkündigung der Guten Nachricht und das Schlafen haben nämlich möglicherweise viel miteinander zu tun. Vielleicht ist Eutychus nicht deswegen eingeschlafen, weil Paulus so lange und langweilig gesprochen hat. Oder weil ihm die Gedankengänge des klugen Apostels zu kompliziert waren. Könnte es nicht sein, dass sich die Frohe Botschaft so wunderbar befreiend und wohltuend bei dem jungen Mann ausgewirkt hat, dass sich alle Anspannungen und alle Sorgen von ihm gelöst haben? Und das ist ja bekanntlich die beste Voraussetzung für einen guten und tiefen Schlaf. Wie auch umgekehrt das Haupthindernis beim Einschlafen ist, dass einem die Probleme der vergangenen Stunden noch durch den Kopf jagen und sich die Anfor-derungen des nächsten Tages schon mal am Vorabend melden. Die Folgen sind Unruhe und Kurzatmigkeit und eben Schlaflosigkeit.

Trotz Scherben und Scheitern – Gelassenheit
Viele Menschen leiden unter den großen Ansprüchen, denen sie genügen wollen und doch nicht genügen können. Das Leben wird ihnen schwer. Selbst so schöne Dinge wie Essen und Trinken können nicht von den Sorgen befreien. Man steht extra früh auf, um heute alles zu schaffen und zu erledigen, was an dringenden Aufgaben wartet, aber auch an diesem Abend stellt sich keine Entlastung ein, keine Zufriedenheit. Die Menge der in einem einzigen Jahr in Deutschland verbrauchten Schlaftabletten und Beruhigungsmittel soll bei horrenden 35 Millionen Packungen liegen: Wenigstens für ein paar Stunden soll alles vergessen sein, was an Ansprüchen, Sorgen und Misserfolgen auf der Seele lastet.

Nicht erst seit des Apostels Paulus Zeiten weiß man, dass Ent-Lastung den Menschen von Gott angeboten wird. Gott ist die Adresse, wo es nicht um Erfolge geht oder die eigene Leistungsbilanz. Wer gescheitert und unvollkommen geblieben ist, darf hier ankommen. Wer vor seinem eigenen Leben wie vor einem Scherbenhaufen steht und wer andere enttäuscht hat, kann sich bei Gott melden. Nicht Misserfolge und Scheitern fallen hier ins Gewicht. Bei Gott zählt Gnade. Und Liebe. Und Vertrauen. Damit ist Gott nicht ein Gott der Faulheit. Aber Gott macht uns das Geschenk der Gelassenheit und einer letzten großen Geborgenheit. Ein Geschenk ist das, kein Verdienst: „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.“

Pfarrer Helwig Wegner-Nord leitet das MEDIENHAUS der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Frankfurt. Er ist unter anderem Rundfunkautor und gehört zum "Wort zum Sonntag"-Team (ARD).

Foto: Rolf Oeser

Pfarrer Helwig Wegner-Nord

Wir halten nichts in Händen
Wenn die Medizin neuerdings entdeckt, dass Menschen, die einen lebendigen Glauben haben, auch gut schlafen können, dann haben sie nur verstanden, was in vielen christlichen Familien im Abendgebet auch heute noch Tradition ist. Am Ende des Tages werden Ansprüche und Sorgen, Enttäuschung und Zorn auf ihre Plätze verwiesen. Alles Unerledigte wird Gott vor die Füße gelegt. Was oder wer auch immer mir Angst macht, wird vor Gott genannt. Wer das zum täglichen Brauch werden lässt, wird die Erfahrung machen, wie gelassen es sich mit Gott einschlafen und aufwachen und überhaupt leben lässt.

Helwig Wegner-Nord     


erschienen in echt, 4. Quartal 2005
Copyright by EKHN, Darmstadt
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