echt Titel

 

"Zwischenstopp im Schlaraffenland"

 

Kinder entdecken und erfinden im Spiel. Sie sind Wortschöpfer, Schauspieler, Weltraumfahrer, Verwandlungskünstler und vieles andere mehr – wenn man ihnen die Freiheit gibt.

 

Das Raumschiff hebt ab. Leonie und Levin, sieben Jahre, starten ins All. Sie ist die Pilotin, er ist der Hund. Unter ihnen liegen Dunkling und Wolkering, Sonnenheim und Mondenland. Auf dem Globus, den sie mitgenommen haben, können sie alles genau erkennen. „Wir sind im Schlaraffenland angekommen“, ruft Levin. Sie parken das Raumschiff und essen sich durch die Reismauer. Dann starten sie wieder und landen auf der Erde – in Leonies Kinderzimmer. So ein Hochbett kann alles Mögliche sein – ein Raumschiff, ein Uhuhaus, ein Bus, eine Krankenstation, eine Kuscheltierschule.

 

Rollenszenarien und Spielpläne
Kinder spielen mit allem, was sie um sich herum vorfinden, was sie neugierig macht und inspiriert – wenn man sie das tun lässt. Sie übernehmen Rollen, entwerfen Szenarien und Spielpläne, sie erfinden, verwerfen und gestalten neu, wie es ihnen gerade in den Sinn kommt. Ratgeber und Pate ihres schöpferischen Tuns ist die Fantasie. Jedes Kind trägt sie in sich.

„Die Kinder haben das alles noch, was uns abgewöhnt wurde oder was wir uns selbst abgewöhnt haben“, sagt der Münchener Maler und Kunstpädagoge Rudolf Seitz, Gründer der „Schule der Phantasie“. „Sie haben noch diese Ursprünglichkeit, diese Neugier, diese Unbefangenheit und Spontaneität.“

Die „Schule der Phantasie“ bestärkt und bestätigt Kinder in diesen Fähigkeiten, damit sie nicht verloren gehen. In München, Würzburg, Nürnberg, Berlin, Magdeburg, Salzburg und anderen Städten können Kinder im Grundschulalter in Kursen spielen und gestalten, wie und was sie wollen, ganz frei – ohne Zielvorgabe und ohne Leistungsdruck.

Schlangeneiland und Engelland und Schachbrettanien
„Man überlegt sich etwas und dann macht man es einfach“, sagt Marlene, zehn Jahre,
und greift zu einem Stück Stoff. Hier, in der Schule der Phantasie in Traunstein, entstehen zurzeit imaginäre Landschaften aus Kartons, Pappmaché, Holz, Kleister und Farbe. Tim und Niklas mischen Farben –
und vergessen darüber, dass sie eigentlich den Wasserfall und die verborgene Schatztruhe im Berg bemalen wollten. Sie mischen, rühren, gucken, staunen. „Alle Farben zusammen gibt lila“, sagt Niklas. Das Experimentieren mit Farbtönen ist ihm auf einmal viel wichtiger als der Wasserfall. Die Kinder entscheiden, verändern ihren Kurs, entscheiden neu, alles ist im Fluss, im Werden. „Der Prozess ist wichtiger als das Ergebnis“, sagt Kursleiter Horst Beese.

„Die Kinder haben
das alles noch,
was uns
abgewöhnt wurde.“

Als Jakob vor einem Jahr Jakobland malte, steckte er mit seiner Idee alle anderen Kinder an. Der Funke sprang über. Kursleiterin Maura Hagen griff behutsam auf, was da so spontan und ungeordnet von den Kindern kam. So entstand über Wochen und Monate die Gruppenarbeit „Phanta-Sea“, ein weites blaues Weltenmeer mit Schlangeneiland und Engelland und Schachbrettanien, mit Sandistan, Staubien, Steinreich, Lachland und Papagenien.

Wirksam: spielzeugfreie Zeit
Nicht allen Kindern fällt es leicht, länger am Ball zu bleiben, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Das viele Spielzeug, die vielen Kurse am Nachmittag, der überfüllte Terminkalender, Fernseher oder Computer nehmen den Kindern die Entscheidung ab – und das freie Spielen fällt aus. Im Kinderzimmer zappen sie sich durch das Überangebot an Spielsachen wie durch die Fernsehprogramme. Eine Minute Rennauto, zwei Minuten Bilderbuch, drei Minuten Legosteine. Sich auf eine Sache zu konzentrieren ist nicht notwendig. Sich überlegen, was man spielen will und was man dafür braucht, auch nicht. Diese Erfahrung macht Isolde Jasny, Leiterin
eines Kindergartens in Rosenheim, tagtäglich. „Viele Kinder können sich nicht aufs Spielen einlassen“, sagt die Erzieherin. Eine wirksame Kur dagegen ist die spielzeugfreie Zeit. Im Kindergarten gehört sie zur Konzeption. Sieben Wochen „ohne“, das ist für alle Kinder eine ungewohnte Herausforderung – und eine Chance.

Mario und Alicia bauen ein Auto mit Stühlen. Dominik steht daneben und schaut zu. Er möchte gerne mitspielen, das ist offensichtlich, aber er sagt nichts. Einfach mitmachen traut er sich nicht. Oder noch nicht. So schwierig kann Verständigung sein. „Ich bin ein Schmetterling“, ruft Sandra, breitet die Arme aus und fliegt im Kreis herum. Ein paar Runden fliegt sie alleine, dann sind Maria und Liesi mit dabei. Sie segeln durch den Gruppenraum und schlagen mit den Flügeln auf und nieder. Verständigung ohne große Worte, das klappt.

Eine Welle nach draußen
Da ist kein Spielzeug, mit dem sich die Kinder ablenken oder alleine beschäftigen können. „Die Kinder reden und spielen viel mehr miteinander“, beobachtet Isolde Jasny. So kommen auch Kinder zum Zug, die sonst eher Außenseiter sind. In der spielzeugfreien Zeit kann es passieren, dass alle Kinder im Sandkasten sitzen und gemeinsam eine Stadt bauen – ohne Schaufeln, Bagger und Eimer. Solche Erfolgserlebnisse bestätigen Isolde Jasny in ihrer Arbeit. Manchmal schwappt eine Welle nach draußen. Dann gehen die Kinder nach Hause, räumen ihre Kinderzimmer aus und packen alles weg, was sie nicht mehr brauchen.

Eva Ludwig, Jahrgang 1957,
ist freie Journalistin und seit vielen Jahren echt-Autorin.

 

Foto: privat

Eva Ludwig

Königin Winter und König Sommer fahren mit dem Himmelsauto über die Wolkenstraße. Sie sammeln Sonnenstrahlen und Schneeflocken, das ist das Himmelsgeld.Wenn sie genug Himmelsgeld haben, werden sie alle Himmelsländer damit kaufen.

Eva Ludwig        

Weitere Infos

Der Kunstpädagoge Rudolf Seitz richtete an der Münchener Kunstakademie eine „Kinderwerkstatt“ ein, aus der vor 25 Jahren die „Schule der Phantasie“ entstand. In den Kursen der „Schule der Phantasie“ können Kinder im Grundschulalter ihre Ideen frei entwickeln und gestalten.

Links und Literatur:
www.kunst-und-kinder.de
www.schule-der-phantasie.de
www.phantasie-werkstatt.de

Rudolf Seitz: Phantasie und Kreativität
Don Bosco Verlag, München, 1998

Marielle Seitz: Kinderatelier
Kallmeyer Verlag, Seelze, Herbst 2005

 

+++ Immer mehr ältere Menschen entdecken die virtuelle Spielewelt. Die so genannten „Grey Gamer“ über 40 machen inzwischen fast ein Fünftel aller Spieler aus. ++ Nach einer Studie wird der weltweite Umsatz der Spieleindustrie bis 2008 auf über 55 Milliarden US-Dollar jährlich anwachsen. +++ Der Spieltrieb ist beim Kleinkind ein reiner Tätigkeitstrieb – die Beschäftigung mit dem eigenen Körper, erst vom 2. Lebensjahr an kommen andere Spielformen hinzu. +++ Über die Hälfte aller Computerspieler spielt bereits mehr als zehn Jahre und verbringt mehr als fünf Stunden pro Woche mit ihrem Hobby. +++

erschienen in echt, 3. Quartal 2005
Copyright by EKHN, Darmstadt
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