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echt
Glauben
Gottes Spiel heißt Schöpfung „Ich wär’ der Polizist und du hättest das Auto geklaut und ich würde dich fangen und du wärst dann im Gefängnis!“ Toms klare Regieanweisungen erfüllen das Kinderzimmer: „Du wärst jetzt mal böse!“, heißt gerade nicht, dass du böse bist. Ich möchte es nur einmal ausprobieren, wie es wäre, wenn. Wer so spielt, eröffnet sich eine Welt voller Möglichkeiten. Und das ist nicht nur eine Kinderwelt. Im Spiel, so der Theologe Ernst Lange, entdecke ich „die unerschöpften Möglichkeiten unseres Daseins“.
Spielend Gottes Atem spüren Nicht nur kleine und große Menschen spielen, sondern auch Gott. Gottes Spiel heißt Schöpfung. Manch einem stellt diese Vorstellung die Welt auf den Kopf. Als zu wenig ernsthaft, zu planlos erscheint doch alles, wenn Gottes Weltentwurf als Spiel bezeichnet wird. Dabei erleben wir gerade die schönsten Seiten von Gottes Schöpfung als Spiel. Wenn der Wind in den Blättern der Bäume spielt, wenn die schräg einfallenden Sonnenstrahlen mit tausend tanzenden Stäubchen spielen und wenn wir Menschen uns im Spiel der Liebe verlieren und darin zugleich finden. Oder wir uns vom Spiel einer Melodie in ferne Welten tragen lassen – sind es nicht solche Momente, in denen wir Gottes Atem zu spüren glauben? Die Schöpfung ist der Spielraum für Gottes Prachtentfaltung. Mir gefällt diese Beschreibung. Denn in ihr wird deutlich: Es hat keinen zwingenden Grund dafür gegeben, dass Gott die Welt erschuf. Schöpfung kann nur in Freiheit geschehen, auch der Freiheit von zwingenden Gründen. Und diese Freiheit von Notwendigkeiten und von zweckgerichtetem Tun eröffnet das Spiel. „Ich war Gottes Lust!“ In der Bibel ist vom spielenden Gott nichts zu finden. Oder doch? Im Buch der Sprüche Salomos kann man Überraschendes lesen. Da spielt die Weisheit Gottes mit seiner Schöpfung und hat, kaum zu glauben, beim Spielen auf der Erde mit den Geschöpfen ihren Spaß. Schon in biblischer Zeit scheint sich den Menschen der innere Zusammenhang von Erschaffen und Spielen offenbart zu haben. Im 8. Kapitel des Sprüchebuches (und nicht nur da) tritt Gottes Weisheit wie eine Person auf, ein weibliches Gegenüber zum Schöpfergott, von Anbeginn an seiner Seite. Frau Weisheit spricht: „Ich war Gottes Lust täglich und spielte vor ihm allezeit.“ Das ist eine unerhörte Vorstellung. Und doch zugleich ein schöner Gedanke. Ein Gott mit Lust am Spiel. Das kommt unserer Sehnsucht entgegen, dass Gott auch uns von Druck und von Fesseln befreit, losmacht von allen Sachzwängen und allen elenden Notwendigkeiten. Gott, zu dessen Bild wir geschaffen sind, eröffnet uns Spielräume für unser Leben und lässt uns immer neue Möglichkeiten erspielen.
Sich ein Stück Freiheit leihen Das Spielen und der Glaube an diesen frei machenden Gott haben viel miteinander zu tun. Glauben heißt ja nicht, alte Bekenntnisse nachsprechen oder etwas für wahr halten, was einem im Übrigen eigentlich zu hoch ist – Glauben als eine Art dogmatischer Hürdenlauf. Wer glaubt, so könnte man sagen, leiht sich ein Stück der großen Freiheit Gottes für sich selbst und spielt die noch unentdeckten Möglichkeiten des Lebens durch. Bin ich schon das, was ich nach Gottes Plan sein kann? Bin ich schon da, wo ich sein sollte? Bin ich ein eigener Mensch – oder von außen gehetzt und fremd- bestimmt? Im Glauben und im Spiel sind wir so frei zu spüren, dass das, was ist, nicht alles ist. Helwig Wegner-Nord
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erschienen
in echt, 3. Quartal 2005
Copyright by EKHN, Darmstadt |