Sie glauben an den gleichen Gott, sie sprechen die gleichen Gebete, sie nennen sich (bisweilen) Brüder und Schwestern. Aber miteinander Gottesdienst und Abendmahl feiern, das dürfen sie nicht. Noch lange sollen evangelische und katholische Christen nach offizieller katholischer Lehrmeinung getrennte Wege gehen. Das hatte der verstorbene Papst Johannes Paul II. immer wieder bekräftigt. Viele fanden und finden das befremdlich und ärgerlich. Auf den neuen Papst Benedikt XVI. haben sich deshalb nach seiner Wahl einige Hoffnungen gerichtet. Aber die Gräben sind tief. Noch wenige Monate vor seinem schrecklichen gewaltsamen Tod hatte der ehemalige Schweizer evangelische Pfarrer Roger Schutz, Begründer der protestantischen Bruderschaft von Taizé in Burgund, wieder einmal für Aufsehen gesorgt. Unerhörtes begab sich am 8. April 2005 auf dem Petersplatz in Rom. In aller Welt waren Millionen Menschen via Fernsehen Zeuge, als Frére Roger beim Requiem für den verstorbenen Papst Johannes Paul II. aus den Händen des Kardinals Josef Ratzinger die Kommunion, die geweihte Oblate als den Leib Christi empfing. Panne oder Provokation? Christen rund um den Erdball rieben sich verwundert die Augen. Ein evangelischer Pfarrer empfängt in aller Öffentlichkeit die katholische Kommunion – noch dazu aus der Hand eines der höchsten vatikanischen Würdenträger? Manche erinnerten sich, dass es so etwas schon einmal vor mehr als zehn Jahren gegeben hatte. Auch damals war es Roger Schütz gewesen, der von Johannes Paul II. die Hostie empfangen hatte. Was war das nun erneut? Eine listige Provokation von Schutz, ein Zeichen, eine Panne? Geschlagene drei Monate brauchte der sonst so reaktionsschnelle Vatikan, um sich zu einer gewundenen Pressemitteilung durchzuringen. Es habe sich um einen „besonderen Fall“ gehandelt, schließlich sei es „in der gegebenen Situation unmöglich“ gewesen, „Prior Schutz das Allerheiligste Altarsakrament zu verweigern“. Im Übrigen wisse man, dass Schutz dem Abendmahls-Verständnis der katholischen Kirche (Eucharistie) „voll zustimme“. Kein gemeinsames Abendmahl Eben dieses aber erlaubt die Teilnahme an der Eucharistiefeier ausdrücklich nur katholischen Christen. Eine „Interkommunion“, eine gegenseitige Einladung zum Abendmahl mit anderen Christen ist mit Nachdruck verboten. Nur wer die Autorität der katholischen Kirche voll anerkennt, darf die Eucharistie empfangen. Denn dies ist mehr als eine Erinnerung, es ist das Zentrum des Glaubens und der Kirche, die das Sakrament des Abendmahls bewahrt: Auf geheimnisvolle Weise ist Christus dort tatsächlich gegenwärtig – wenn Brot und Wein in liturgisch korrekter Form von einem geweihten Priester „verwandelt“ werden. So die katholische Lehre. Vielfalt oder Exklusivität? Dahinter steckt die entscheidende Frage: Kann es nur eine wahre Kirche geben oder mehrere? Gibt es nur einen einzigen wahren und gültigen Weg, als Kirche die Botschaft und das Erbe des Jesus von Nazareth zu bewahren und zu leben, oder sind auch sehr verschiedene Wege, Lebens- und Glaubensarten in der Nachfolge Jesu denkbar? Die katholische Antwort ist eindeutig und exklusiv: Nur wer sich dem Papst unterordnet, gehört in Wahr heit zur Kirche und darf das Allerheiligste, das Sakrament der Eucharistie, aus der Hand eines katholischen Priesters empfangen. Wer das anders sieht, geht ans Eingemachte und läuft Gefahr, aus der Kirche ausgeschlossen zu werden. Natürlich steht keinem Menschen im katholischen Gottesdienst sein Glaube auf die Stirn geschrieben, aber theologisch wird zwischen drinnen und draußen sorgfältig unterschieden. Weise Selbsterkenntnis Das ist in den evangelischen Kirchen anders. Auch hier gab und gibt es lange Diskussionen, wie denn das Abendmahl zu verstehen sei: als leibhaftige Anwesenheit Jesu in Brot und Wein oder nur als ein Zeichen seiner Gegenwart und Erinnerung an das letzte Mahl mit seinen Jüngern. Aber es gibt ein breites Einverständnis darüber, dass sich die Einladung Jesu zum Abendmahl nicht auf einen exklusiven, fest umrissenen Kreis begrenzen lässt. Zu viele verschiedene und ernsthafte Wege hat der christliche Glaube seit seinen Anfängen genommen, zu viele unterschiedliche Kirchen sind entstanden, als dass man einer einzigen die absolute Wahrheit zusprechen könnte. „Unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk“, schrieb schon der Apostel Paulus (1. Korintherbrief 13 Vers 9). Weise Selbsterkenntnis angesichts der Tatsache, dass es um den richtigen Weg zum Glauben schon unter den ersten Christen heftige Auseinandersetzungen gab. So sind die Menschen nun einmal. Etwas anderes wäre erstaunlich gewesen. Einladung zur Gemeinschaft Deshalb verstehen die meisten evangelischen Kirchen die Einladung zum gemeinsamen Abendmahl nicht als Zwang zu einer künftigen völligen Einheit, sondern als Versöhnungs- und Hoffnungszeichen auf einem gemeinsamen Weg. Denn nicht eine Kirche oder einer ihrer Repräsentanten lädt nach diesem Verständnis die Christen zum Abendmahl ein, sondern Christus selbst. Er hat immer wieder sehr buntscheckige Völkchen an seinen Tisch geladen und versprochen: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Matthäus 18,20) Das entspannt die Sache beträchtlich, weil die Rangordnung klar ist. Mit einem kirchlichen Absolutheitsanspruch geht das freilich nicht zusammen und deshalb ist die große evangelisch-katholische Abendmahlsökumene vorerst kaum zu erwarten. Aber Gespräch und Streit darüber lohnen, weil sie die Unterschiede klar machen und den Blick für das Wesentliche schärfen. Und aus evangelischer Sicht lohnt auch jede Grenzüberschreitung, wie sie viele auch katholische Gemeinden im Stillen mit ihren evangelischen Mitchristen seit langem praktizieren. Joachim Schmidt echt Tipp: » Weiterführende Literatur
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erschienen
in echt, 3. Quartal 2005
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