echt Nachgefragt

Wenn jemand von sich sagt, ich bin nicht richtig, ist er wirklich ein Narr“

David Gilmore, 56, ist Narr und Clown. Als Sohn jüdischer Eltern in London geboren, studierte er in Cambridge Sprach- und Literaturwissenschaften, Geschichte, Anthropologie wie Psychologie. Anfang der 70er geht er nach Berlin, lernt in den folgenden Jahren in Theatern und Werkstätten von San Francisco bis Freiburg. Er arbeitet auf Bühnen, in der Psychiatrie, als Seminarleiter, im seelsorgerischen und pädagogischen Bereich.

Die Haltung eines Narren gibt mir die Freiheit, mich auszudrücken, und den Mut, ich selbst zu sein und Sinn und Weisheit im Leben zu finden. Ich möchte durch mein Spiel auf unterschiedlichen Ebenen erreichen, dass die Leute sich selbst erinnern „Wer bin ich?“, wenn sie den dummen August oder rätselnden Narren sehen und lachen, weil der unschuldig wie ein Kind fragen kann.

„Spaß muss sein, oder?“, fragen die Leute. Denn Spaß ist nicht die Wirklichkeit. Muss aber sein, oder? Am Narren gefällt mir die Lust am Scheitern. Denn wenn was nicht funktioniert, verurteilt er sich nicht dafür. Der Narr kann nicht tiefer fallen, denn er ist nicht angesehen. Wenn aber jemand sagt, ich bin nicht richtig, ist er wirklich ein Narr.

Im Spiel zur Lebendigkeit

Was man vom Narren lernen kann? Die eigene Motivation zu prüfen und ehrlich zu sich selbst zu sein. Stimmig und im Einklang mit dem eigenen Grundempfinden zu leben. Auch bittere Erfahrungen sind zu etwas gut, wenn man daraus lernt. Denn damit nehme ich mich ernst, gebe Leben und Erfahrungen einen Sinn. Die Leute sind skeptisch und wollen Beweise, dass man Vertrauen in das Leben haben kann. Denn sie haben das vergessen.

Meine erste Heimat ist die Psychiatrie, denn die Narren nehmen sich nicht ernst, dafür leben sie. Die Menschen dort sind beim Zusammentreffen der Meinung, ich bin verrückt. Fragen, willst du uns begaffen – ich hab’ schon genug Theater. Denn sie wollen nicht mehr das erleben, was sie erlebt haben.
Wenn im Spiel dann Rollen fallen, ohne das System zu zerstören, ist da Platz für herzliche Begegnungen und Beziehungen – mit allen „Warzen und Hässlichkeiten“.

Mit der Rolle des Clowns entwische ich der Ernsthaftigkeit des Alltags und finde im Spiel wieder zur Lebendigkeit. Da gehört Lachen und Weinen zusammen. Leben ist Glück und Gesundheit, ein Jungbrunnen. Ist Trauer, Gebrechlichkeit und Unglück. Viele Menschen trennen das und fragen sich dann, wie der Clown wirklich ist. Spielt er nur das Lachen, die Heiterkeit und ist in Wirklichkeit tiefernst und traurig? Wenn wir die Unschuld des Lachens wieder entdecken und werden wie die Kinder, bringt uns das innen und nach außen Freiräume.

Als ich erwachsen wurde, haben zwei Sichtweisen von Gott eine bedeutende Rolle gespielt. Einmal der Psalm 23, der mich noch heute zutiefst berührt als Psalm Davids, dessen Namen ich trage: „ Der Herr ist mein Hirte...“– mit all dem Vertrauen, der Geborgenheit und der Güte. Und dann gab es noch einen anderen Gott, den ich mir wie meinen Vater oder Großvater vorstellte, der klare und strenge Regeln vorgibt. Das war auch die Aufforderung, meinen Eltern Glück, hebräisch „naches“, zu bringen, ihnen „Simcha“, eine Freude, zu sein. Praktisch hieß es: das tun, was sie wollen. Das war für mich eine große Last.

Wofür feiern wir jemanden, fragte ich mich bei der Einführung in die jüdische Glaubensgemeinschaft. Für das, was er wirklich ist, oder für das Glück der Anderen? Kann ich glücklich sein, wenn ich immer nur den Erwartungen entspreche? Ich musste mich vom Umfeld lösen, um mir treu zu bleiben. Und dem, was bei der Bar-Mizwa wirklich gefeiert wird.

Lachen schafft Freiraum

Innerlich war ich bereits im Exil. Mein Stolz ließ mich lange zynisch werden. Ich ging auf Distanz. Dann ging ich weg. Das ursprüngliche Vertrauen gab mir das Gespür für meinen Humor, für den Menschen, der ich bin, und hielt mich am Leben. Ich musste über meinen Ärger lachen. Mein Lachen schafft Freiraum. Ich freue mich, bin gewiss und vertraue, dass es mich gibt.

Wenn ich über mein Leben, meine jüdische
Prägung und meine Erfahrung mit Gott nachdenke, kann ich nur sagen, dass die Welt offen ist. Man rollt nicht auf sein Schicksal zu, ohne was tun zu können. Das Leben hat Gesetze, die man achten muss. Es hat aber auch Freiräume. Dazwischen stehen sollte man nicht – denn Unentschiedenheit heißt Unfreiheit. So fühle ich mich im Glauben beheimatet, befreit vom Zwang, dem gängigen Bild eines Gläubigen zu entsprechen.

Protokoll: J. Rainer Didszuweit

Weitere Infos zu David Gilmore unter www.davidgilmore.com

 

+++ Olympische Spiele sind eine wundervolle Gelegenheit, Zwietracht auch unter solchen Nationen zu stiften, die sonst keine Reibungsflächen haben. (George Bernard Shaw) +++ Ein Schauspieler ist ein Mann, der dir nicht zuhört, wenn du nicht über ihn sprichst. (Marlon Brando) ++ Spielen ist Experimentieren mit dem Zufall. (Novalis) +++

erschienen in echt, 3. Quartal 2005
Copyright by EKHN, Darmstadt
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