echt Reportage

Aufs Herz gezielt

Die Wiesbadener Theatergruppe „Traumfänger“ unterstützt Kirchengemeinden bei Gottesdiensten. Und bringt dabei nicht nur schöne Träume auf die Bühne, sondern auch das, worüber man sonst nur ungern spricht.

„Du alte Schlampe!“ Die Meute gackert hämisch, doch Wiebke versucht ihre Schulkameradinnen zu ignorieren. „Deine Mutter ist doch eine Hure.“ Die Beschimpfungen werden heftiger und der Pulk rempelt das Mädchen immer wieder an, bis es erschöpft zu Boden sinkt. Niemand hilft und auch die Lehrerin schaut nur gelangweilt weg.

Im Gemeindehaus der evangelischen Kirchengemeinde Wiesbaden-Bierstadt: Wie jeden Mittwochabend probt hier das „Traumfän-ger“-Theater. „Unser Name ist Programm, denn wir möchten Träume von Menschen auf die Bühne bringen, die positiven wie auch die Albträume“, erklärt Uwe Hausy, Leiter der Gruppe und Referent für Spiel und Theater am Zentrum Verkündigung der EKHN.

Ausspielen statt ausquatschen
„Abseits – Mobbing unter Jugendlichen“, heißt das aktuelle Stück. Es ist das Abschlussprojekt von „Traumfängerin“ Claudia Viehmann, die an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt studiert. Sie hat einen groben Rahmen gesteckt, in dem sich Handlung und Rollen während der Proben über acht Wochen dynamisch entwickeln. „Aus mir hätte auch die Böse werden können, die irgendwann die anderen angreift“, erklärt „Mobbing-Opfer“ Wiebke Nonne.

Ausspielen statt ausquatschen, lautet der künstlerische Anspruch. „Theater ist keine Talkrunde“, bekräftigt Hausy und setzt gezielt Kassettenrekorder oder Percussion-Instrumente ein. Rhythmus, Bewegung und Tempo sind das A und O. Immer wieder laufen die Schauspielerinnen hektisch durch den Raum und erstarren auf ein Zeichen abrupt zu Standbildern: Wiebke wird in ihrer Resignation zunehmend kleiner, die Anderen deuten mit weit aufgerissenen Mündern immer aggressiver auf sie. „Nicht so zaghaft“, treibt der Leiter an.

Geradezu gespenstisch wirkt es, wenn Bewegung und Musik plötzlich abbrechen und man eine Stecknadel im Saal fallen hören könnte. „Die Leute im Publikum sollen merken: Was sie sehen, ist auch ein Teil von ihnen, und sich fragen: Auf welcher Seite stehe ich?“, betont Wiebke Nonne und Uwe Hausy ergänzt: „Wir zielen nicht auf den Intellekt, sondern auf das Herz.“ Dass das beim Publikum ankommt, erlebte die Truppe besonders intensiv, als sie am Karfreitag im Jugendgefängnis auftrat. „Wir sind darauf vorbereitet worden, dass da ganz harte Jungs sitzen, aber dann haben einige sogar geweint“, erinnert sich Nora Hünemohr.

Alltag ist Theater
Das Spiel betrachten die „Traumfänger“ als etwas Alltägliches: „Es ist ein Trugschluss, dass das normale Leben die Wirklichkeit darstellt und das Spiel ein eigener, davon abgetrennter Bereich ist. Wir alle spielen täglich Theater, verkaufen das aber oft als die Realität“, weiß Pädagoge Hausy. Ein Schauspieler müsse ein sehr guter Beobachter sein. Und so suchte sich jeder „Traumfänger“ zu Übungszwecken in der Fußgängerzone eine Person aus und beobachtete Bewegungen und Mimik so lange intensiv, bis er sie den anderen vorspielen konnte. „Theater hat mit hartem körperlichem, geistigem und psychischem Training zu tun, es geht darum, eine Rolle konsequent durchzuhalten“, erörtert Schauspielerin Myria Sprenger. Nora Hünemohr fand beim Mobbing-Stück denn auch manches ungewohnt. Ihre Erfahrung: „Es ist oft schwieriger, auf jemanden draufzuhauen, als in der Opferrolle zu sein.“

Obwohl die „Traumfänger“ in den letzten Monaten auf zahlreichen Großveranstaltungen wie dem Jugendkirchentag auftraten, möchten sie auch in Zukunft hauptsächlich Gemeindegottesdienste mitgestalten. „In einem kleineren Kreis können wir sehr eng mit den Leuten kommunizieren“, freut sich Hausy. Jeder Auftritt sei einzigartig. Schließlich verstehen sich die Traumfänger als Dienstleistungstheater und wollen niemandem „etwas aufs Auge drücken“. „Wir schaun vorher, wie die Leute ticken, und entwickeln mit ihnen gemeinsam eine individuelle Performance, die zu ihnen und dem Anlass passt.“

Die Bibel ins Spiel bringen
Nora Hünemohr interpretiert besonders gerne Bibelgeschichten: „Es kommt immer etwas heraus, was direkt mit dem heutigen Leben zu tun hat. Durch Spiel kann man gut zeigen, wie zeitlos und aktuell die Bibel wirklich ist“, bekräftigt sie und Mitstreiterin Uta Miersch ergänzt: „Man kommt ganz nah an den Kern der Aussage, wenn man in die Figuren Gefühle hineinbringt.“ Einer von vielen Höhepunkten für sie war ein Krippenspiel aus Sicht der Hirten: „Die werden oft nur als Randfiguren betrachtet, denen das Emotionale völlig fehlt. Das haben wir ihnen zurückgegeben – und plötzlich bekamen sie Gesichter.“

Uwe Hausy möchte Publikum wie Schauspielerinnen vom Theater profitieren lassen. Ein Mädchen zum Beispiel berichtete ihm, dass sie bei den „Traumfängern“ gelernt habe, Referate in der Schule viel souveräner und erfolgreicher vorzutragen. „Wenn ich erfahre, dass sich jemand durch das Spiel so weiterentwickelt, ist es das größte Kompliment für meine Arbeit...“

Jörn Dietze

Kontakt: Uwe Hausy

Telefon: 069/71379-126

E-Mail: uwe.hausy@ekhn.de

Weitere Infos zur Theatergruppe "Traumfänger"
auf der » Website des Zentrums Verkündigung der EKHN

+++ Menschen hören nicht auf zu spielen, weil sie alt werden, sie werden alt, weil sie aufhören zu spielen! (Oliver Wendell Holmes) +++ Ein Mensch, der unfähig ist zu spielen, dessen Seele hat bereits Schaden genommen. (Kalenderspruch) ++ Spiel: eine Beschäftigung, die für sich selbst angenehm ist. (Immanuel Kant) +++

erschienen in echt, 3. Quartal 2005
Copyright by EKHN, Darmstadt
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