Aus der Redaktion
Versuchen Sie es doch einfach mal, liebe Leserin, lieber Leser. In irgendeiner Situation, in der es Sinn macht, sagen Sie zu einer Freundin oder dem Lebensgefährten: „Aber wir haben uns doch versprochen, uns immer die Wahrheit zu sagen.“ Wobei die Betonung auf „immer“ liegen sollte.
Das blanke Entsetzen wird dem Gegenüber im Gesicht stehen.
Verständlich. Und einleuchtend auch. Denn so einfach ist das im wirklichen Leben nicht mit der Wahrheit und der Lüge. Hilft uns nicht der kleine Schwindel oft genug, manche
Wahrheit augenzwinkernd etwas leichter zu ertragen? Kann die viel beschworene Ehrlichkeit nicht auch ungemein verletzend und zerstörerisch sein? Sichern Lügen nicht auch behütenswerte Geheimnisse, vertreiben Kummer, lassen für einen Augenblick Leichtigkeit in aller Schwere spüren? Oder schützen einen Mitmenschen, der
in Not einfach den sprichwörtlichen „Mist gebaut“ hat?
Sage niemand, diese Fragen ließen sich kurz und knapp beantworten. Lügen ist nicht immer feige, nicht immer unmoralisch. Mir hat besonders gut gefallen, wie sich meine beiden Kolleginnen in ihrem Beitrag „Zwickmühlen“ dem Problem genähert haben. Denn das lädt dazu ein, sich an die eigene Nase zu fassen. Vielleicht ein wenig gnädiger zu reagieren.
Denn Meinungen über das Denken und Verhalten anderer werden häufig wie Gerichtsurteile gefällt. Man könnte sich aber auch mit gutem Gewissen an Eigenschaften erinnern, die Gott zugeschrieben werden: Weisheit und Liebe, Wahrhaftigkeit und Barmherzigkeit. Vielleicht bringt das uns im Zweifelsfall weiter.
Herzlich, Ihr
J. Rainer Didszuweit
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