echt Glaube kompakt

 

 

Uraltes Wissen vom
Menschen

Du sollst nicht lügen
Du sollst nicht töten
Sollst deine Eltern ehr’n
Sollst nicht begehren
Die Frau vom Nächsten
Und du sollst auch nicht stehl’n

Du sollst nicht fluchen
Und du sollst treu sein
Mich lieben wie dich selbst
Nur einen Gott
Darfst du dir leisten
Wehe, du machst es dir selbst.

MARIUS MÜLLER-WESTERNHAGEN, „KRIEG“

Als der Krieg vorbei war, hatten die Überlebenden alle Hoffnung verloren. Das Land war besetzt, die Hauptstadt geplündert, ein großer Teil des Volkes vertrieben oder zu niederer Arbeit ins Land der Sieger deportiert. Es ist 587 vor Christus. Der Staat Juda, letzter Rest des alten Israel, wurde überrannt von assyrischen Truppen und existiert nicht mehr. Es gibt nicht viele Nachrichten aus jener Zeit, als das Land am Boden lag. Aber die meisten Wissenschaftler sind sich heute einig: In jenen Jahrzehnten der Willkür und Rechtlosigkeit, nach dem großen Zusammenbruch, entstand einer der wichtigsten und folgenreichsten Texte der Welt: die Zehn Gebote.

Ein alter, bärtiger Mann vor schroffer Felslandschaft, in den Händen zwei längliche Steintafeln. Um den Gebirgsgipfel Wolken mit feurigen Blitzen. Millionenfach gingen die Bilder um die Welt. So stellten sich Künstler aller Zeiten jene Szene vor, die im zweiten Buch Mose, Kapitel 20–24 beschrieben wird. Moses, der legendäre Führer des Volkes Israel aus der Sklaverei, empfängt die Zehn Gebote, die von Gott selbst für alle Ewigkeit unwiderruflich in Stein gemeißelt wurden.

Blick zurück
Es gibt keinen Augenzeugenbericht. Aufgeschrieben wurde diese Schilderung erst nach Jahrhunderten. Die Zeiten, von denen die Alten in Israel erzählten, lagen weit zurück: Sie berichteten von den Stammvätern Abraham, Isaak und Jakob, und von Moses, der das Volk Israel nach langer Sklaverei auf wunderbare Weise aus Ägypten geführt hatte. Uralte Traditionen jener umherziehenden Nomadensippen und Stämme, aus denen Israel im Laufe der Zeit zusammenwuchs. Nach dem mühseligen Weg ins Gelobte Land hatten aber die Söhne und Töchter der Wüste entdeckt, dass sich ihr Leben veränderte. Sie nahmen das Land in Besitz. Die umherziehenden Herden bekamen feste Weideplätze. Ackerflächen wurden bebaut und eingefriedet. Auf einmal galt es, den neuen Besitz zu verteidigen.

Ich bin der Herr, dein Gott …
Auge um Auge, Zahn um Zahn, das war das Gesetz der Wüste gewesen. Aber was, wenn einer Grenzsteine versetzte, dem Nachbarn Kornvorräte stahl oder in der Gerichtsverhandlung schamlos log? Das Recht der Sesshaften war anders als das der Bewohner leichter Beduinenzelte. Deshalb erzählten sie sich immer wieder jene Geschichte von Moses, der 40 Tage und 40 Nächte auf dem Sinai blieb und mit den in Stein gehauenen Geboten Gottes zurückkam. Gebote, die das friedliche, das menschliche Leben miteinander im Gelobten Land sichern sollten. Alles unter der Erinnerung an Gott, den Schöpfer des Lebens und den Urheber dieser Gebote: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus der Sklaverei in Ägypten geführt hat …“

Der Neuanfang
Aber das Heilige Recht Israels geriet dann doch in Vergessenheit, wurde locker umgedeutet, abgetan als altbacken und rückständig. Zu vielfältig waren die Einflüsse von außen, zu verlockend die Versuchungen fremder Kulte. Man wollte das Leben selbst in die Hand nehmen. Auch die Erinnerung an den einen Gott, der sein Volk gerufen, geschützt und geleitet hatte, verblasste. Seine Gebote galten nichts mehr. Fremde Kulte, viele Götter wurden in Israel und Juda populär. Nachdenklichen Zeitgenossen schien das die Ursache für die Katastrophe von 587 vor Christus zu sein. Sie besannen sich auf den Glauben der Väter. Deutero-Nomium, die zweite Fassung des Gesetzes, nennen Wissenschaftler heute die umfangreiche Sammlung von uralten Gesetzen und Texten, die damals entstand und die sich durch mehrere Bücher des Alten Testaments zieht.

Für ein menschenwürdiges Leben
Auch die Zehn Gebote in ihrer heutigen Fassung gehörten dazu, nach Vorlagen aus grauer Vorzeit. Diese Gebote halten sich nicht lange mit philosophischen Überlegungen auf, ob der Mensch nicht im Kern doch ganz in Ordnung sei. Dazu enthal-ten sie zu viel uraltes Wissen vom Wesen des Menschen, von Eitelkeit und Gier, von Lug und Trug, von Mord und Totschlag. Der menschlichen Zwiespältigkeit und Wankelmütigkeit setzen sie glasklare Weisungen und Begrenzungen entgegen, die alle auf ein menschenwürdiges Leben bezogen sind. Und alles weist auf den Menschen selbst zurück:

Du sollst
• keine anderen Götter haben – denn es gibt in Wahrheit nur einen Gott
• dir kein Bild von Gott machen – denn du würdest nur in einen Spiegel schauen
• Gottes Namen nicht missbrauchen – denn er lässt sich nicht für deine Zwecke einspannen
• den Feiertag heiligen – denn nur so wirst du selbst Ruhe finden
• Vater und Mutter ehren – denn nur so kannst du in Frieden alt werden
• nicht töten – denn nur so kannst du selber für dein Leben hoffen
• nicht die Ehe brechen – denn nur dann kannst du Treue erhoffen
• nicht stehlen – denn nur dann kannst du Respekt für dein Eigentum erwarten
• nicht lügen (vor Gericht nicht falsch bezeugen) – denn nur dann kannst du selber Aufrichtigkeit erhoffen
• keine Gier auf das Haus deines Nächsten entwickeln oder irgendetwas, das ihm gehört – denn nur dann kannst du vielleicht die Gier anderer zügeln.

Noch Fragen? Man kann viel und feinsinnig über die Zahl zehn, die Zählung der Gebote oder kulturelle Einzelheiten debattieren. Tatsache ist: Nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts ist der Traum von der Fähigkeit des Menschen, die Welt aus eigener Kraft vernünftig zu gestalten, ausgeträumt. Die Zehn Gebote sind aktueller denn je.

Übrigens: Jesus hat nach einem Bericht des Evangelisten Johannes die Sache kurz und bündig zu-sammengefasst: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe.“ (Johannes 13,34 )

Joachim Schmidt

» Weiterführende Literatur

Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau
Dr. Joachim Schmidt; Foto:  Daniel Kilian

erschienen in echt, 2. Quartal 2005
Copyright by EKHN, Darmstadt
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