Irgendwo scheint es eine Grenze zu geben. Auf der einen Seite sind liebenswerte Flunkereien oder verständliche Zwecklügen erlaubt, auf der anderen Seite ist die Wahrheit gefragt und nichts anderes als die Wahrheit. Dann geht es darum, dass ein Mensch verlässlich ist und geradeheraus sagt, was ist. Zum Zeichen, dass man sich jenseits dieser Grenze weiß, wird seit alters her die Hand zum Schwur erhoben. Wer einen Eid ablegt, meint es so ernst, dass er für seine Rede Gott im Himmel zum Zeugen anruft oder sich mit seinem eigenen Leben dafür verbürgt, dass alles stimmt, was er sagt. Wer aber versucht, mit einem „Ehrenwort“ Lügen zu vertuschen, dessen Glaubwürdigkeit, ja dessen ganze Persönlichkeit ist für lange Zeit, wenn nicht für immer zweifelhaft. „Du sollst keinen falschen Eid schwören!“ Schon in ältester, in biblischer Zeit galt der Meineid als übles Vergehen. Dahinter steht die Einsicht oder doch zumindest die Hoffnung, dass es irgendeine verlässliche Ebene zwischen den Menschen geben muss, eine Ebene der Wahrheit, wo ich jemandem vorbehaltlos vertrauen und ihn beim Wort nehmen kann. Jesus hält überraschenderweise selbst von ehrlichen Ehrenworten, von Eiden und vom Schwören nichts. Er will, dass man den Menschen auch ohne solche bekräftigenden Zusätze vertrauen kann: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“ (Matthäus 5,37) Das heißt: Führt ein Leben, das in sich stimmig ist. Seid bei euch selbst. Redet eindeutig. Dann können andere euch vertrauen und euch glauben, was ihr sagt. Wenn ihr ja sagt, heißt das ja, und wenn ihr nein sagt, dann bedeutet das auch nein. Jesus stellt sich menschliche Gemeinschaft so vor, dass nicht extra dazu gesagt werden muss: Achtung, jetzt meine ich es aber mal ehrlich! So richtig auf Jesus gehört scheint kaum einer zu haben. Schwören und Abschwören, Eid und Meineid sind auch zweitausend Jahre später gang und gäbe. Riskantes Vertrauen Unser tägliches Gespräch miteinander setzt voraus, dass wir einander vertrauen können und auch mal Unglaubliches glauben können. Gut darum, wenn ich mich selbst hin und wieder frage: Lebe ich eigentlich so, dass mein Ja ein Ja ist? Verdiene ich das Vertrauen anderer? Ist mein Nein eindeutig? Es ist – mit oder ohne Eid – immer riskant, sich auf das Wort eines Menschen zu verlassen. Dass es trotzdem richtig ist und eigentlich ganz unerlässlich, erleben Menschen vielleicht am intensivsten in der Liebe. Wer da einem Ja traut, tut das auch ohne Schwur oder Ver--trag. Wer liebt, ist verlässlich, und wer geliebt wird, vertraut. Übrigens: Auch wer liebt, kennt den Zeitpunkt, an dem ein klares Nein richtig ist.
Helwig Wegner-Nord |
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erschienen
in echt, 2. Quartal 2005
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