echt Interview

 

"Lebenslügen sind
schlimmer als Lügen"

 

 

 

Alida GundlachAlida Gundlach ist eine der erfahrensten Talkmasterinnen der ARD. Am 2. Juli startete ihre neue ARD-Sendung „Alida – Lust am Wohnen“, jeden Samstag um 14.00 Uhr.

17 Jahre lang lud sie ein zur „NDR Talkshow“, moderierte die ARD-Fernsehlotterie und ARD-Galas. In den letzten Jahren drehte sie Filme und Serien wie „Alida Gundlach Exklusiv“, in der sie Prominente in ihren Feriendomizilen porträtierte. Alida Gundlach engagiert sich für Kinderschutz, Menschenrechte, Krebs-Vorsorge, Tierschutz und einiges mehr. Sie lebt in Hamburg.

www.alidagundlach.de

„Gott wird’s schon richten, reicht nicht.“

Frau Gundlach, muss man immer die Wahrheit sagen?

Eigentlich ja, denn Lügen finde ich nach wie vor unehrenhaft. Trotzdem wird man im Leben wohl nicht immer darum herumkommen. Aber ich bin mit der Wahrheit meistens gut gefahren.

Die Wahrheit ist doch aber nicht immer so eindeutig...

Nein, Taktlosigkeit wird zum Beispiel oft als Wahrheit kaschiert. Das habe ich mit einer Freundin erlebt, zu der jemand sagte: Bei der Cellulitis solltest du auf einen Badeanzug verzichten. Das finde ich unmöglich. Wenn ich gefragt werde, kann ich vorsichtig auf so etwas hinweisen. Und dann ist auch mal eine Notlüge legitim. Aber es sollte die Ausnahme bleiben.

Ist es Ihr Ziel als Talkmasterin, Wahrheit zu enthüllen?

Nach 17 Jahren Talkshow muss ich sagen, dass es zu den Sternstunden gehört, wenn ich das erreicht habe. Als ich anfing, träumte ich davon, hinter die Fassade zu gucken, hinter die Maske, und dabei den echten Menschen zu entdecken. Manchmal ist das mit Wärme und Nähe gelungen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Georg Thomalla war ein Mensch, der ungern über sich selbst sprach. Er hat sich gerettet, indem er aus seiner aktuellen Rolle rezitierte und Quatsch machte. Ich habe ihn dann nach seinen Kraftquellen gefragt und wir kamen auf Yoga zu sprechen und darüber zur Religion. Es stellte sich heraus, dass er tief gläubig war und ernsthaft wie fast alle Komiker. Das ist nicht nur ein Klischee: 90 Prozent sind privat ernste bis humorlose Menschen. Ich habe Georg Thomalla als einen in sich ruhenden, introvertierten Menschen mit stark religiösem Bezug kennen gelernt. Und auf der Bühne hat er den Clown gegeben.

Den Medien wird ja oft unterstellt, eine Scheinwelt aufzubauen. Wie kommen Sie damit klar?

Die Kluft zwischen Schein und Sein finde ich immer schwieriger zu verkraften. Agenturen bauen ein Bild von Prominenten auf, das mit der Person nichts zu tun hat. Und wenn man so jemanden dann kennen lernt, staunt man über unerwartet hässliche Eigenschaften. Mir sind muffige, bösartige und intrigante VIPs begegnet, die als besonders human und freundlich gelten. Wenn jemand eine lange Karriere macht und das Bild, das der Zuschauer draußen von ihm hat, steht diametral dem tatsächlichen Wesen entgegen, empfinde ich das als Lebenslüge. Und die ist noch schlimmer als eine ausgesprochene Lüge.

Anita GundlachSie engagieren sich stark für den Tierschutz. Sind Tiere die ehrlicheren Menschen?

List und Tücke sind nur dem Menschen vorbehalten, das Tier ist ohne Arg. Wenn es kämpft, hat das mit Selbsterhaltung oder Nahrungsaufnahme zu tun, aber nie mit Neid oder Missgunst. Tiere sind nie berechnend und das macht den Umgang mit ihnen so angenehm.

Steckt dahinter auch die Sehnsucht nach Einfachheit und Naivität?

Es ist sehr viel mehr, nämlich eher der Glaube an das Gute. Urvertrauen ist ein wunderbarer Begriff. Und Nächstenliebe. Nächstenliebe fängt damit an, dass man mal links und rechts guckt. Es ist ein Grundsatz von mir, sich um den anderen zu kümmern.

Erwächst Nächstenliebe für Sie aus dem christlichen Glauben?

Absolut. Ich bin Christin. Meine Großeltern waren streng katholisch, in jeder Ecke stand ein Kreuz und es wurde viel gebetet. Wenn ich nicht zur Kirche oder zur Beichte ging, dann bekam ich eine hinten drauf.

Für mich ist entscheidend, dass man Christ-Sein wirklich praktiziert. Demut ist dabei mein Lieblingswort. Sie ist mehr als Bescheidenheit. Demut hat nichts Unterwürfiges, nur sich begnügen können.

Sie gelten aber auch als eine harte Kämpferin für Ihre Interessen...

Das schließt sich doch nicht aus. Ich kann kämpfen wie eine Löwin. Auch wenn ich nur mit einer Idee für eine Sendung komme. Selbst bei ablehnender Haltung sitze ich da und rede mir den Mund fusselig. Zwei Entscheidungsträger sagten mir mal, „wenn wir dich angucken, erkennen wir uns wieder, so wie wir früher waren. Mit deiner Power und dieser Leidenschaft.“ Das war mir nie bewusst. Leider sind die Leute zu selten bereit, ein Risiko einzugehen und mal Neues zu wagen.

Sie mussten einige Schicksalsschläge ein-stecken...

Ja, ich musste Erfahrungen mit Krankheit und Tod machen. Aber dann zu sagen: „Oh ich armer Mensch, wieso ich?“, und alle anderen zu beneiden, ist falsch, weil es die Wahrheit ausblendet.

Fakt ist: Ich bin nicht die Einzige, die diesen Schmerz erleidet. Es gibt Millionen Schicksale auf der Welt.

Aber Sie hat es doch auch mal richtig schlimm getroffen...

Als ich mit 30 an Krebs erkrankte, dachten alle, ich sterbe. Nur ich hatte das Gefühl, ich sei noch nicht dran. Also habe ich gekämpft. Elf Jahre lang, und davon insgesamt gut drei Jahre in Krankenhäusern. Dort habe ich genug Menschen kennen gelernt, denen es schlechter ging. Um sie habe ich mich gekümmert, wenn ich konnte.

Einmal saß ich neben einer Frau am Bett, die sich komplett aufgegeben hatte. Ich habe ihre Haare gewaschen und sie etwas zurechtgemacht. Diese kleine Geste hatte große Wirkung.

Haben Sie durch diese Erfahrung eine andere Einstellung zum Leben gewonnen?

Nachdem mich etwas niedergeknüppelt hat, würde ich immer am liebsten ins Kloster gehen. Dann bin ich ganz geläutert und halte das etwa ein Jahr durch (lacht). Da will ich nur noch lieb und gut sein und die ganze Menschheit beglücken. Und wenn allmählich der Alltagstrott einsetzt, bin ich wieder die alte Ziege. Aber trotzdem haben sich die Wertigkeiten verschoben. Ich weiß, was wirklich wichtig ist. Da kann kein Programmdirektor gegen anstinken.

Was ist Ihr Rat im Hinblick auf ein wahrhaftiges Leben?

Authentizität, Echtheit ist wichtig, denn sie gehört immer zur Wahrheit. Diese Einstellung hat mir natürlich auch Schwierigkeiten gebracht, weil ich Sachen gesagt habe, die andere nicht hören wollten. Dabei habe ich für jeden Verständnis, der seinen Job nicht riskiert, weil er dann seine Familie nicht mehr ernähren kann. Und sich darum nach der Decke streckt und irgend so einem Armleuchter nach dem Mund quatscht. Aber mal ehrlich: Das hält man nur eine begrenzte Zeit durch, ohne krank zu werden.

Was würden Sie denn gerne an junge Menschen weitergeben?

Dass sie nicht ewig auf bessere Zeiten warten sollen. Sie müssen selbst die Initiative ergreifen! Deswegen habe ich mich zeitlebens sozial engagiert. Und war im Beruf von Anfang an nicht nur Moderatorin, sondern habe selbst immer wieder Konzepte für Sendungen entwickelt. Gott wird’s schon richten, reicht nicht. Ich war immer ein großer Unterstützer von Gott. Aber ich denke, man muss selbst aktiv werden und darf nicht alles anderen überlassen.

Interview: Jörn Dietze und Marie Lampert

Fotos: André Fischer


erschienen in echt, 2. Quartal 2005
Copyright by EKHN, Darmstadt
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