echt Glaube      

Ebenezer Scrooge war ein schrecklicher Mann. Streng, gefühlsarm, geizig, kalt. In seiner „Weihnachtsgeschichte“ beschreibt Charles Dickens ihn mit den Worten: Er war einsam wie eine Auster. Während einer Nacht jedoch erschienen ihm drei gespenstische Geister, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft repräsentierten. Nachdem der letzte ihn bis an sein künftiges Grab geführt hatte, erkennt Scrooge sein Leben im Zusammenhang. Er sieht, woher er kommt und worauf er zugeht. Als die Geister der Nacht wieder verschwunden sind, hat Scrooge die Lektion verstanden: „Ich will in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft leben!“

Eine eigentümlich demütige Melodie...

Darin könnte das Geheimnis eines guten Lebens liegen: seine Zeit in ihrer Begrenzung zu erkennen und sich richtig darin einzurichten. Aber das scheint nicht ganz einfach zu sein. Eine Gefahr liegt offensichtlich darin, nichts von der Zukunft wissen zu wollen. Wer zu sehr im Augenblick lebt und keinen Blick für den eigenen Grabstein hat, vergisst, dass alles ein Ende hat. Doch wer nur für die Zukunft lebt und für das, was alles noch kommt, verpasst das Jetzt. Das, was heute ist.

Die andere Gefahr lauert gegenüber: Ich bin nicht heute Morgen aus dem Nichts in diese Welt gefallen, sondern gewachsen und geworden. Zu meinem Leben gehört meine Geschichte. Ich verdanke mich vielen anderen Menschen, die vor mir waren und meinen Weg in dieses Leben gebahnt und begleitet haben. Aber auch in der Vergangenheit kann sich einer verlieren, etwa in der Schuld vergangener Tage oder schönen und wehmütigen Erinnerungen. Für das gegenwärtige Leben ist kein Platz mehr. Es ist offensichtlich ein vertracktes Herummanövrieren nötig, bis die Balance gefunden ist mit dem richtigen Maß für das, was ist, was war, und das, was kommt.

Alles hat seine Stunde
Aber bei allen Gefahren, das Leben zu verfehlen, gibt es die Chance, das richtige Maß dafür zu finden. Mir hilft beim Einrichten in der Zeit eine biblische Einsicht. „Ein Jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde …

Pfarrer Helwig Wegner-Nord leitet das MEDIENHAUS der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Frankfurt. Er ist unter anderem Rundfunkautor und gehört zum "Wort zum Sonntag"-Team (ARD).

Foto: Rolf Oeser

Pfarrer Helwig Wegner-Nord

Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen; und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist.“ (Prediger Salomo, Kapitel 3.) Das Predigerbuch singt das Lied des Lebens auf eine eigentümlich demütige Melodie: Alles, was ich erlebe, ist zwar bedeutsam und hat Gewicht, es ist aber auch bemessen. Das nimmt dem Furchtbaren, dem Schmerz die Bitterkeit, denn es wird vorübergehen. Aber auch das Schöne, das, was du zustande bringst, auch das ist bemessen und hat ein Ende. Also überschätze dich nicht und nicht den jetzigen Augenblick. Diese Weisheit hilft mir, die Zeit zu gewichten und das, was ich erlebe, zu ordnen. Der jetzige Augenblick, diese Stunde, wird betont. Und zugleich sehe ich, dass Gottes Hand hält, was war und was sein wird.

Helwig Wegner-Nord


erschienen in echt, 1. Quartal 2005
Copyright by EKHN, Darmstadt
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