Nicht immer haben sich die Kirchen so sehr für die Sonn- und Feiertage eingesetzt. Die Aktion von 1999 war eine Wende. Noch 1994 hatte es nur wenig offiziellen kirchlichen Widerstand gegeben, als der evangelische Bußtag gestrichen wurde, für zweifelhafte Finanzierungsberechnungen der Pflegeversicherung. Hätte man damals nur halb so viel Energie auf Proteste verwandt wie Politiker jetzt angesichts des Vorschlags, am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, wieder allgemein zu arbeiten, gäbe es den Bußtag als arbeitsfreien Tag vermutlich immer noch. Vom Pfingstmontag hat die Politik einstweilen die Finger gelassen. Aber gebetsmühlenartig wird von interessierter Seite wiederholt, erst das Opfer weiterer Feiertage könne der Wirtschaft auf die Beine helfen und Arbeitsplätze schaffen. Dumm nur: Das Bundesland mit den meisten kirchlichen Feiertagen, Bayern, steht bundesweit an der Spitze wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Und auch die regionalen verkaufsoffenen Sonntage, die den Kommunen zugestanden wurden, haben wirtschaftlich nicht viel gebracht. Also: Worum geht es eigentlich?
Aber Maschinen leben nicht. Schon vor Jahrtausenden begriffen Menschen, dass das Leben nicht nur aus einzelnen, immer gleichen Tagen besteht, sondern dass es einen tiefen Rhythmus hat, in den wir hineingeboren werden: sieben Tage, 12 Monate und 52 Wochen in einem Jahr. Das Zahlenverhältnis ist kompliziert wegen des vertrackten Verhältnisses von Mondphasen und Umläufen der Erde um die Sonne, die nie so richtig zueinander passen. Aber schon früh war klar: Der Rhythmus ist lebenswichtig. Er entscheidet über die richtigen Zeiten von Saat und Ernte, von Geschäftigkeit und Ruhe für Boden und Menschen. Jeden Sonntag Ostern
Die ersten Christen drehten die Sache später ganz bewusst herum: Nicht der letzte, sondern der erste Tag der Woche war für sie der Feiertag. Man traf sich vor oder nach der Arbeit zum gemeinsamen Gottesdienst. Damit unterschieden sie sich nicht nur von der jüdischen Tradition. Der christliche Sonntag stand vielmehr für den Neuanfang, den Sieg über den Tod, das neue Leben, weil Jesus Christus von den Toten auferstanden war. Und das wurde wöchentlich gefeiert – jede Woche ein kleines Osterfest. Sie kamen zusammen, sie beteten, lasen die Heilige Schrift und feierten das Abendmahl. Die Gemeinschaft war ihnen lebenswichtig. Ostern im Frühjahr Erst Ende des 19. Jahrhunderts entstand eine wirksame staatliche Gesetzgebung, die den Sonn- und Feiertagsschutz garantieren sollte. Die Industrie und ihre Maschinen Vergeblicher Traum vom freien Wochenende Dabei ist viel Illusion. Nur noch ein Drittel der Arbeitnehmer hat ein regelmäßiges freies Wochenende. Den Takt gibt nicht mehr der Kreislauf des Lebens, sondern Schichtarbeit und Maschinenlaufzeiten vor. Aber was nützen freie Tage in der Woche, wenn man sie nicht zusammen verbringen kann, weil die Kinder in der Schule und Partner und Freunde zur Arbeit sind? „Ohne Sonntag gibt’s nur noch Werktage. Das wäre ein Leben ohne Rhythmus, ein graues Einerlei“, mahnte einst vornehm die Evangelische Kirche in Deutschland. Vielleicht ist ja die Wahrheit viel hässlicher: Ohne Sonntag geht die Gemeinschaft zum Teufel. Joachim Schmidt
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erschienen
in echt, 1. Quartal 2005
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