echt Glaube kompakt

"Ich lag in tiefster Todesnacht,
du warest meine Sonne,
die Sonne, die mir zugebracht
Licht, Leben, Freud und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht
des Glaubens in mir zugericht,
wie schön sind deine Strahlen!"
(Evangelisches Gesangbuch Nr. 37, Vers 3)

"O klare Sonn, du schöner Stern,
dich wollen wir anschauen gern.
O Sonn, geh auf, ohn' deinen Schein
in Finsternis wir alle sein."
(Evangelisches Gesangbuch Nr. 7, Vers 5)

"Er ist die rechte Freudensonn,
bringt mit sich lauter Freud' und Wonn',
gelobet sei mein Gott,
mein Tröster früh und spat."
(Evangelisches Gesangbuch Nr. 1, Vers 3)

Winter
sonne
 

 

Auf der nördlichen Halbkugel der Erde sind diese Zeiten dunkel, die Tage kurz und die Nächte lang. Das Wetter lässt zu wünschen übrig. Nie im Lauf des Jahres sehnen sich die Menschen mehr nach Sonne, nach Licht. Und einem uralten christlichen Brauch folgend, sammeln sich Millionen an einem bestimmten Abend des Dezembers in übervollen Kirchen. In aller Regel werden die Sitzplätze knapp. Alle Jahre wieder lauschen sie der Geschichte von der Geburt eines Kindes in dunkler Nacht. Und singen gegen das kalte Dunkel an - Lieder von Sonne und Licht.


Das Lichterfest
Der Gegensatz ist schon erstaunlich: einerseits die Geschichte von der Geburt des Jesus von Nazareth im Dunkel des Stalls von Bethlehem. Andererseits alle Jahre wieder das Strahlen der zahllosen Kerzen und des Weihnachtsbaums neben dem Altar, Lieder und Texte von Sonne und Licht: "Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell." (Jesaja 9,1.) Wie passt das zusammen?

Spott für den Kaiser
Jesus Ben (Sohn des) Josef aus Nazareth wurde wohl bei Bethlehem geboren. Einzelheiten dieser Geburt haben die Christen lange nicht interessiert, auch nicht das Datum. Zwar hatte der Evangelist Lukas seine Recherchen gewissenhaft aufgeschrieben: als Weihnachtsgeschichte, die heute noch an jedem Heiligen Abend verlesen wird. Aber die römischen Kaiser, die die Christen brutal verfolgten, pflegten ihre Geburtstage aufwändig als "Gottessöhne" zu begehen. Die Christen, die Jesus längst als den eigentlichen Sohn Gottes verehrten, verspotteten diesen absurden Brauch. Ihr wichtigstes Fest war nicht der Geburtstag, sondern die Auferstehung Jesu: Ostern, bis heute nach einem Beschluss des Konzils von Nicäa an demjenigen Sonntag gefeiert, der dem Tag des ersten Frühlingsvollmondes folgt.

Sieg über die Nacht
Aber auch die Christen empfanden die menschliche Ursehnsucht nach der Sonne und ihrem lebenschaffenden Licht. Schon in grauer Vorzeit hatte die Sonne im Mittelpunkt zahlloser Kulte in aller Welt gestanden: im englischen Stonehenge, Ägypten, Mesopotamien, Griechenland und zunehmend auch im Römischen Reich. Mithras oder "Sol invictus" - unbesiegbarer Sonnengott nannte man seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. jene strahlende Himmelsmacht, die für jeden sichtbar und täglich neu den Sieg über die Finsternis der Nacht davontrug.

Sonne der Gerechtigkeit
Natürlich sind unsere Advents- und Weihnachtslieder mindestens tausend Jahre nach römischer Zeit entstanden. Aber sie bewahren die Erinnerung, dass die frühen Christen die Faszination der Sonne sehr wohl kannten. Von der "Sonne der Gerechtigkeit" hatte schon Jahrhunderte zuvor der jüdische Prophet Maleachi gesprochen (Kapitel 3 Vers 20) und der Bischof und Theologe Clemens von Alexandria bezog das um 200 zum ersten Mal direkt auf Jesus.

Extrem: Gottesgeburt beim Vieh
Die ältesten bildlichen Darstellungen der Geburt Jesu waren schlicht. Das Kind in der Krippe oder auf einer Liege, die Eltern eher abseits, immer dabei Ochs und Esel, die freilich beim Evangelisten Lukas gar nicht vorkommen.

Doch fromme Geister hatten längst die heiligen Schriften der Juden zum Thema Krippe durchforstet und waren beim Propheten Jesaja 1,3 fündig geworden: "Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt's nicht und mein Volk versteht's nicht." Das passte - und gleich nach zwei Seiten: gezielt auf die Juden, die die Geburt des Messias Jesus vermeintlich nicht begriffen hatten. Und wohl noch mehr auf die Römer, denen man fröhlich weniger Verstand zuschrieb als dem dummen Vieh.

echt BUCHTIPP:

Eine ausgezeichnete und gut lesbare Zusammenfassung zum Thema bietet: Franz Rickert, Vom Sonnengott zum Krippenfest, 130 Seiten, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2001, 9,80 Euro.

Ein kluger politischer Schachzug
Wann Weihnachten zum ersten Mal gefeiert wurde, wissen wir nicht. Das Fest lag jedenfalls ursprünglich auf Epiphanias, dem 6. Januar. In den orthodoxen Kirchen des Ostens ist das noch heute so. Anfang des vierten Jahrhunderts wurde das Christentum Staatsreligion im Römischen Reich des Westens und man legte die Feier der Geburt Jesu auf den 25. Dezember - damals Tag der Wintersonnenwende.

Ein kluger politischer Schachzug. Denn die Bevölkerung feierte an diesem Tag wohl trotz allmählicher Christianisierung immer noch die alten Sonnengötter Mithras und "Sol invictus". Was lag näher, als diesen Tag christlich zu besetzen? Das passte gut zu dem Glauben, dass mit Jesus Christus das Leben noch einmal neu beginnen konnte. Jedes Jahr zur dunkelsten Zeit.

Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau
Dr. Joachim Schmidt; Foto:  Daniel Kilian

Antwort auf tiefe Sehnsüchte
Die Spannung zwischen der Geschichte von der Geburt Gottes in einem armseligen Stall in Palästina und den alten triumphalen Wurzeln des Sonnenkultes zieht bis heute Millionen immer wieder in den Bann. Zwei tiefe menschliche Sehnsüchte können an Weihnachten erfüllt werden: dass Gott Mensch wurde, weil er den Menschen nahe kommen will - und dass es für alle Dunkelheiten in unserem Leben ein Ende geben kann. Die ungebrochene Popularität von Weihnachten ist kein Zufall. Weihnachten richtet sich eben nach der Sonne. Ostern leider nur nach dem Mond.

Joachim Schmidt


erschienen in echt, 4. Quartal 2004
Copyright by EKHN, Darmstadt
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