Auf
der nördlichen Halbkugel der Erde sind diese Zeiten dunkel, die
Tage kurz und die Nächte lang. Das Wetter lässt zu wünschen
übrig. Nie im Lauf des Jahres sehnen sich die Menschen mehr nach
Sonne, nach Licht. Und einem uralten christlichen Brauch folgend, sammeln
sich Millionen an einem bestimmten Abend des Dezembers in übervollen
Kirchen. In aller Regel werden die Sitzplätze knapp. Alle Jahre
wieder lauschen sie der Geschichte von der Geburt eines Kindes in dunkler
Nacht. Und singen gegen das kalte Dunkel an - Lieder von Sonne und Licht.
Das Lichterfest
Der Gegensatz ist schon erstaunlich: einerseits die Geschichte von der
Geburt des Jesus von Nazareth im Dunkel des Stalls von Bethlehem. Andererseits
alle Jahre wieder das Strahlen der zahllosen Kerzen und des Weihnachtsbaums
neben dem Altar, Lieder und Texte von Sonne und Licht: "Das Volk,
das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über
denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell." (Jesaja
9,1.) Wie passt das zusammen?
Spott
für den Kaiser
Jesus Ben (Sohn des) Josef aus Nazareth wurde wohl bei Bethlehem geboren.
Einzelheiten dieser Geburt haben die Christen lange nicht interessiert,
auch nicht das Datum. Zwar hatte der Evangelist Lukas seine Recherchen
gewissenhaft aufgeschrieben: als Weihnachtsgeschichte, die heute noch
an jedem Heiligen Abend verlesen wird. Aber die römischen Kaiser,
die die Christen brutal verfolgten, pflegten ihre Geburtstage aufwändig
als "Gottessöhne" zu begehen. Die Christen, die Jesus
längst als den eigentlichen Sohn Gottes verehrten, verspotteten
diesen absurden Brauch. Ihr wichtigstes Fest war nicht der Geburtstag,
sondern die Auferstehung Jesu:
Ostern, bis heute nach einem Beschluss des Konzils von Nicäa an demjenigen Sonntag gefeiert, der dem Tag des ersten Frühlingsvollmondes folgt.
Sieg
über die Nacht
Aber auch die Christen empfanden die menschliche Ursehnsucht nach der
Sonne und ihrem lebenschaffenden Licht. Schon in grauer Vorzeit hatte
die Sonne im Mittelpunkt zahlloser Kulte in aller Welt gestanden: im
englischen Stonehenge, Ägypten, Mesopotamien, Griechenland und
zunehmend auch im Römischen Reich. Mithras oder "Sol invictus"
- unbesiegbarer Sonnengott nannte man seit dem 1. Jahrhundert v. Chr.
jene strahlende Himmelsmacht, die für jeden sichtbar und täglich
neu den Sieg über die Finsternis der Nacht davontrug.
Sonne
der Gerechtigkeit
Natürlich sind unsere Advents- und Weihnachtslieder mindestens
tausend Jahre nach römischer Zeit entstanden. Aber sie bewahren
die Erinnerung, dass die frühen Christen die Faszination der Sonne
sehr wohl kannten. Von der "Sonne der Gerechtigkeit" hatte
schon Jahrhunderte zuvor der jüdische Prophet Maleachi gesprochen
(Kapitel 3 Vers 20) und der Bischof und Theologe Clemens von Alexandria
bezog das um 200 zum ersten Mal direkt auf Jesus.
Extrem:
Gottesgeburt beim Vieh
Die ältesten bildlichen Darstellungen der Geburt Jesu waren schlicht.
Das Kind in der Krippe oder auf einer Liege, die Eltern eher abseits,
immer dabei Ochs und Esel, die freilich beim Evangelisten Lukas gar
nicht vorkommen.
Doch fromme Geister
hatten längst die heiligen Schriften der Juden zum Thema Krippe
durchforstet und waren beim Propheten Jesaja 1,3 fündig geworden:
"Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn;
aber Israel kennt's nicht und mein Volk versteht's nicht." Das
passte - und gleich nach zwei Seiten: gezielt auf die Juden, die die
Geburt des Messias Jesus vermeintlich nicht begriffen hatten. Und wohl
noch mehr auf die Römer, denen man fröhlich weniger Verstand
zuschrieb als dem dummen Vieh.
|
echt
BUCHTIPP:
Eine ausgezeichnete
und gut lesbare Zusammenfassung zum Thema bietet: Franz Rickert,
Vom Sonnengott zum Krippenfest, 130 Seiten, Evangelische Verlagsanstalt
Leipzig 2001, 9,80 Euro.
|
Ein
kluger politischer Schachzug
Wann Weihnachten zum ersten Mal gefeiert wurde, wissen wir nicht. Das
Fest lag jedenfalls ursprünglich auf Epiphanias, dem 6. Januar.
In den orthodoxen Kirchen des Ostens ist das noch heute so. Anfang des
vierten Jahrhunderts wurde das Christentum Staatsreligion im Römischen
Reich des Westens und man legte die Feier der Geburt Jesu auf den 25.
Dezember - damals Tag der Wintersonnenwende.
Ein kluger politischer
Schachzug. Denn die Bevölkerung feierte an diesem Tag wohl trotz
allmählicher Christianisierung immer noch die alten Sonnengötter
Mithras und "Sol invictus". Was lag näher, als diesen
Tag christlich zu besetzen? Das passte gut zu dem Glauben, dass mit
Jesus Christus das Leben noch einmal neu beginnen konnte. Jedes Jahr
zur dunkelsten Zeit.
|
Oberkirchenrat
Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet
die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche
in Hessen und Nassau
|
 |
|
Antwort
auf tiefe Sehnsüchte
Die Spannung zwischen der Geschichte von der Geburt Gottes in einem
armseligen Stall in Palästina und den alten triumphalen Wurzeln
des Sonnenkultes zieht bis heute Millionen immer wieder in den Bann.
Zwei tiefe menschliche Sehnsüchte können an Weihnachten erfüllt
werden: dass Gott Mensch wurde, weil er den Menschen nahe kommen will
- und dass es für alle Dunkelheiten in unserem Leben ein Ende geben
kann. Die ungebrochene Popularität von Weihnachten ist kein Zufall.
Weihnachten richtet sich eben nach der Sonne. Ostern leider nur nach
dem Mond.
Joachim
Schmidt