echt Titel

"... dann kommt das Glück von ganz allein"


Was ist Glück? - Und vor allem:
Wo steckt es? Kommt es zu uns? Müssen wir es suchen, irgendwo im Verborgenen? Ist es zu fassen? Was machen wir damit, wenn wir es haben?

"Der Pfad des Glückes gleicht der Milchstraße am Himmel, die eine Anhäufung oder ein Knäuel von einer Anzahl kleiner, nicht einzeln wahrnehmbarer, doch im Verein lichtstrahlender Sterne ist."

Francis Bacon  

"Dieses Angebot bringt Glück frei Haus", "Willkommen im Club. Geben Sie Ihrem Glück eine Chance!", ,,Glücksstern der Woche - steuern Sie unbeirrt auf Ihren Erfolg zu"* - "nehme wahr", "erfasse", "erkenne", reden uns die Offerten ein und verheißen tiefe, sorglose, erfüllte Zufriedenheit ohne wirkliche Begrenzung. Glück eben, das allenfalls an meiner eigenen Unzulänglichkeit scheitern kann. Und weil es so eine Sache ist damit, bekommen wir Trost aus der Schnulzenecke: "Ein bisschen Spaß muss sein, dann kommt das Glück von ganz allein ..." (Roberto Blanco).
* stern GESUND LEBEN, SKL, BUNTE

Hans im Glück:
"So glücklich wie ich ..."

Illustration: Armin Majer

Hans im Glück

"So glücklich wie ich gibt es keinen Menschen unter der Sonne", rief Hans im Glück. Und das, nachdem er sein Hab und Gut innerhalb weniger Stunden verloren hatte. Hans im Glück, der Dummkopf. Besaß einen Klumpen Gold, der ward ihm zu schwer. Begegnete einem Bauern und tauschte das Gold gegen ein Pferd. Das machte ihn "seelenfroh", so erzählen es die Brüder Grimm. Hans war immerfort neidisch auf den Besitz anderer und fand Wege, ihn zu bekommen. War glücklich damit, bis er nichts mehr hatte. Glück ist flüchtig. Es hängt nicht am Besitz. Und man muss was dafür tun. Wünschen und von Altem lassen.

Marie Lampert:
"... dazugehören,
nichts müssen."

Marie Lampert [ Foto: Heike Rost ]

Durch den Wald traben mit dem Hund. Boden spüren, Herbstluft atmen, keiner will was. Der Himmel ist grau, das Knie in Ordnung. Gedanken schweifen. Traben im Rhythmus. Wahnsinnsgrau am Himmel, so ein mächtiges Grau, vielleicht kommt bald Schnee. Windgeräusch. Gedanken kommen, gehen, sortieren sich von Schritt zu Schritt. Frei von allem, was bindet, lenkt, nichts fragt mal mehr nach Weg und Ziel ... Ist das Glück? Ein Zipfel davon?

 

Fabrum esse suae quemquem fortunae. Jeder sei seines Glückes Schmied. Ein guter Spruch für eine Leistungsgesellschaft. Er geht zurück auf den römischen Konsul Appius Claudius Caecus. Man kann sich vorstellen: Wir haben alle einen Schmiedehammer in die Wiege gelegt bekommen. Manche haben sofort losgeschmiedet. Gekräht, geweint, gelächelt. Manche zögern und zweifeln noch als Erwachsene. Steht uns das denn zu, glücklich zu sein? Ist es überhaupt vorgesehen im Plan der Schöpfung?

J. Rainer Didszuweit [ Foto: Heike Rost ]

J. Rainer Didszuweit:


"... die Freiheit, auch
mal nichts zu tun."

Sie lacht. Wissen Sie, sagt sie, irgendwann gehn einem die ganzen Vorschriften, Regeln und Bestimmungen in Fleisch und Blut über und man muss nicht mehr nachschlagen. Und kann plötzlich einen Blick auf die Menschen bekommen, die mit Ärger oder Wut zur Beratung ins Finanzamt kommen. Wenn die nicht mehr so hilflos sind, ihr Problem lösen können und ein bisschen froh und erleichtert rausgehn, bin ich oft so richtig glücklich. Siehste, sag ich mir, ham wer auch wieder hingekriegt.

Roberto Blanco  [ Foto:  picture-alliance/dpa ]

Roberto Blanco:


"Ein bisschen Spaß
muss sein!""

 

Eine Sache ist's mit dem Glück. Es quält mich. So gerne würde ich seiner habhaft werden, sagen, was es ist. Aber je mehr ich's versuche, desto weiter scheint es mir in nicht erreichbarer Ferne entrückt. Wann, unter welchen Umständen kann man es denn erreichen? Was dafür tun oder von wem geschenkt bekommen? Kann ich es vielleicht beeinflussen oder locken?

Rund fühle ich mich und dankbar. Für den Tag, den ich planen kann. Für die Freiheit, auch mal nichts zu tun, notwendige Arbeiten schieben oder ganz ignorieren zu können. Bewusst für die Kinder da zu sein, ihren Alltag zu teilen, was Verrücktes mit ihnen anstellen oder die Tür zu schließen, lesen oder nur zu träumen ... Ohne Zwang, tagtäglich die wachsten Stunden im Büro zu verbringen.

Platon:
"Glücklich, wer
sich selbst erzieht."

Platon [ Foto: picture-alliance/dpa ]

"Glück ist wie ein Schmetterling, es kommt zu dir und fliegt davon." Das ist Nana Mouskouri. Glück fliegt hin und weg. Schmieden zwecklos. Nana ist aus Griechenland, wo die Wiege der westlichen Weisheit stand. Doch Nanas Landsmann, Platon, sah die Sache völlig anders. Glücklich wird, wer sich selbst erzieht. Jemand wie Lisa, die so was wie einen Glücksordner führt? Da kommt alles aufgeschrieben rein, was ihr in manchen trüben Stunden oder an schwarzen Tagen Glück geschenkt hat. Das gefällt mir. Wenn ich's denn bräuchte, würde ich ihn aufschlagen und wäre damit womöglich einen winzigen leichten Schritt dem nächsten Glück näher ...

Am Tisch mit Lothar, Eva und Volker, Irene und Annette, mit Salat und Pasta. Sprechen über die Wünsche der Kinder und den alltäglichen Wahnsinn: Kaum ist die Garantie des Telefons abgelaufen, wird es schon nicht mehr repariert. Erzählen von den alten Eltern, die ganz schön anstrengend sein können. Oder von Entdeckungen: "Ihr müsst unbedingt mal im Steinbruch das Echo rufen. Ein irrer Effekt." Am Tisch mit Freunden. Vertraut sein, dazu gehören, nichts müssen. Einfach so da sein.

Was lässt sich festhalten beim Glück? Die besonderen Momente des Alltags. Die, in denen wir im Einklang sind. Mit uns selbst und unserer Umgebung. Die gibt es und es gibt sie immer wieder. Man muss sie nicht "Glück" nennen oder gar "das große Glück". Man könnte das bescheidene und altmodische Wort der Brüder Grimm gebrauchen: "seelenfroh". Seelenfroh werden. Und dafür etwas tun.

J. Rainer Didszuweit/Marie Lampert


erschienen in echt, 4. Quartal 2004
Copyright by EKHN, Darmstadt
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