echt Interview

Veronika FerresIch bin nicht hier, um mich auszuruhen …

Veronica Ferres wurde 1965 in Solingen geboren. Sie studierte Germanistik, Theaterwissenschaft und Psychologie und hatte ihren Durchbruch als Schauspielerin 1992 mit Helmut Dietls "Schtonk", dem Film über die gefälschten Hitler-Tagebücher. 1997 folgten "Das Superweib" und "Rossini". Zuletzt übernahm sie auch zahlreiche Charakterrollen in Fernsehproduktionen und spielte bei den Salzburger Festspielen die "Buhlschaft" in Hofmannsthals "Jedermann". Seit 2002 ist Ferres Schirmherrin von "Power-Child e.V.".


Was bedeutet Glück für Sie?
Ich begreife Glück in verschiedener Hinsicht: als Momentaufnahme, als Anspruch auf das Leben und als Schicksalsmoment, wenn man Glück gehabt hat. Zum Beispiel als der Anschlag auf die Synagoge auf Djerba vor zwei Jahren war - da waren wir genau zwei Tage vorher an diesem Ort und haben da Urlaub gemacht.

Und wo kommt Glück im Alltag vor?
Das kann eine Hundertstelsekunde sein, die einen weiterträgt, wenn der Tunnel lang und dunkel ist. Ein kurzes Glücksgefühl gibt mir Kraft, auch andere Anforderungen durchzustehen. Zum Beispiel, wenn ich mit jemandem, den ich liebe, Hand in Hand Freude empfinde.

Und das Gegenteil ...?
Für mich ist das Schlimmste, wenn Menschen sich von dem Ort, wo sie sind, wegsehnen. Ob das beruflich ist oder in Beziehungen. Es gibt ja diesen Spruch: Ich bin im falschen Film. Das ist grausam, wenn man das ständig erlebt.

Veronika FerresKann man für sein Glück etwas tun?
Man darf nicht den Anspruch haben, ständig glücklich sein zu müssen. Daran scheitern heute viele Beziehungen, weil ein Partner sich überfordert fühlt. Ein großes Glück, für das man viel tun kann, ist auch die Gesundheit. Der Körper ist ein hohes Gut. Das weiß man oft erst, wenn es zu spät ist.

Haben Sie da eigene Erfahrungen gemacht?
Ich wurde vor einiger Zeit durch eine Krankheit so aus der Bahn geworfen, dass ich ganz demütig, ganz reduziert mit allen meinen körperlichen Funktionen wieder bei Null anfangen musste. Seitdem nehme ich vieles nicht mehr als selbstverständlich hin.

Kann man bei all den gesellschaftlichen Problemen heute noch an eine glückliche Zukunft glauben?
Wir sind ein Volk der Jammerer. Sicher haben wir viele soziale Probleme, aber es gibt auch genug lebenswerte Momente. Eine Freundin hat mich da zutiefst beeindruckt. Sie ist an Krebs erkrankt, sieht schlecht aus. Wir saßen im Konzert und sie lachte neben mir. Ich habe sie gefragt, wie das möglich ist. Und sie hat mir diesen wunderbaren Satz gesagt: "Ich habe nicht nur Krebs".

Das hat viel von dem Kämpferischen, das auch in Ihren jüngsten Rollen rüberkommt ...
Es gibt den schönen Spruch: Du hast keine Chance, also nutze sie. Das liebe ich: Menschen davon zu überzeugen, dass das Unmögliche möglich ist. Leben ist für mich Herausforderung. Ich bin nicht hier, um mich auszuruhen, ich bin hier, um neue Ufer zu entdecken, Grenzen zu überschreiten, Abenteuer zu bestehen.

Sie haben eine dreijährige Tochter.
Was möchten Sie ihr weitergeben?

Dass Liebe eine Form von Glück ist. Wer sich selbst nicht liebt, kann auch niemand anderen lieben. Die christlichen Werte sind schon wunderbar: Respekt vor anderen Menschen haben, teilen zu können.

Aber im Alltag macht sie ja sicher oft ganz andere Erfahrungen ...
Natürlich sind die im Kindergarten in einem Alter, wo der eine mal einen Kinnhaken kriegt und der andere hier einen Kratzer hat. Das finde ich hoch spannend, wie die das austesten. Wir haben das alles in uns und das spürt man so pur bei einem Kind. Da ist es wichtig, in der Erziehung Grenzen aufzuzeigen.

Sie engagieren sich für sexuell missbrauchte Kinder. Was war der Anstoß?
Kinder sind voller Unschuld, Neugierde und Lebenslust - sexueller Missbrauch zerstört Unbefangenheit, Kindheit und auch Zukunft. Wir kämpfen für die Unversehrtheit unserer Kinder. Wir versuchen sie zu stärken und ihnen zu sagen, dass sie nicht alleine sind und dass es Menschen gibt, die ihnen helfen.

"Power-Child e.V." geht präventiv gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen vor und entwickelt dazu Projekte, die kindgerecht Orientierung geben. Das "Power-Child Mobil" ist eine fahrende Beratungsstelle und kommt auf vielen Veranstaltungen zum Einsatz. Das Theaterprojekt "Mein Körper ist mein Freund" geht in Grundschulen, zu Kindereinrichtungen und Festivals, um Prävention spielerisch zu üben. Eine Online-Beratung auf der Power-Child-Homepage nutzt die Vorteile des Internets, wenn schnelle Hilfe, Austausch oder Anonymität notwendig sind. Kinder und Jugendliche können kostenlos, unkompliziert und unter strengen Sicherheitsvorkehrungen mit anderen Usern und Fachberatern in Kontakt treten. Ein eigenes Online-Beraterteam vermittelt bei Bedarf an örtliche Beratungsstellen und Kliniken.
www.power-child.de/www.echt-online.de
Spendenkonto:
Power-Child e.V., Konto-Nr. 700 100
bei der Crédit Suisse Deutschland,
BLZ 501 205 00

Seit 2002 sind Sie Schirmherrin von
"Power-Child"...

Inzwischen bringe ich die Hälfte meiner Freizeit dafür ein. Wir müssen einer Gesellschaft beibringen, das Thema "sexueller Missbrauch" zu enttabuisieren. Man stößt auf so viele Mauern in allen Gesellschaftsschichten, weil das überall stattfindet. 80 Prozent der Opfer werden zu Tätern, weil sie nur so das eigene Trauma dieser Demütigung ertragen können.

Was möchten Sie bewirken?
Wir wollen diesen Teufelskreis durchbrechen. Je früher man anfängt zu therapieren, je früher die Kinder lernen, darüber zu sprechen, desto größer ist die Heilungschance. Es gibt viele Frauen, die im Alter zwischen 40 und 50 erzählen, dass sie Opfer sexuellen Missbrauchs waren. Die feststellen, dass sie dadurch nie eine normale Beziehung führen konnten. Dann ist natürlich ein Leben schon halb gelebt.

Sie haben kürzlich eine Kinderbibel von Jörg Zink als Hörbuch gesprochen. Wie kam es dazu?
Ich kenne Jörg Zinks Literatur durch meinen Bruder, der Philosophie und katholische Theologie studiert hat und dann die Kartoffelfirma meines Vaters übernommen hat. Er wollte nicht zölibatär leben. Nun ist er wohl der einzige Kartoffelhändler mit großem Latinum und Graecum (lacht).

Und was gefällt Ihnen an den Bibeltexten?
Jörg Zink spricht die Sprache der Kinder und erklärt Jesu Wunder so, dass Kinder sie annehmen und verstehen können. Es ist schauspielerisch natürlich auch sehr schön gewesen, die verschiedenen Rollen zu spielen wie den Jungen, den Esel sowie die Suleika.

Dabei geht es ja auch um Werte. Was kann die Kirche Kindern heute vermitteln?
Dass es sich lohnt, zusammenzubleiben, auch wenn man nicht mit allem einverstanden ist. Man lässt sich doch noch nicht gleich scheiden oder gibt die Freundschaft auf. Ich muss konfliktbereit sein und das Gespräch suchen, anstatt einen Menschen wegzuwerfen wie ein Konsumgut. Das gilt auch für mein Verhältnis zur Kirche: Ich habe vieles zu kritisieren, bleibe aber trotzdem drin.

Was bedeutet für Sie Glaube?
Ein Freund sagt oft zu mir: "Du hast es gut, du bist gläubig. Du hast so viel Halt in dir. Ich dagegen kann nicht an Gott glauben in einer Welt, die so und so ist." Für mich ist der Mann noch viel gläubiger als ich. Weil er so kämpft mit Gott. Der setzt sich so damit auseinander - und das ist viel mehr, als wenn man aus Gewohnheit immer in die Kirche rennt.

Und was möchten Sie in puncto Glauben weitergeben?
Für mich sind Menschen ohne Glauben ärmer. Es ist nicht so, dass ich gläubig bin, weil es mir hilft, aus Eigennutz oder Egoismus, sondern aus tiefster Erfahrung. Durch den Tod meiner Mutter habe ich eine Form des Glaubens wiedergefunden, die ich nicht für möglich gehalten hätte.

Was hat sich da geändert?
Als meine Mutter in meinen Armen gestorben ist, habe ich gemerkt, da geht etwas Unbeschreibliches, ganz Großes weiter. Ich habe eine Kraft gespürt, die mich seitdem begleitet. Da war ganz viel Klarheit. Die Seele trennt sich vom Körper und bleibt da - für immer.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Ich habe immer noch Angst vor dem Sterben, denn Sterben kann grausam sein, schmerzhaft und demütigend. Aber vor dem Tod nicht mehr.

Und wenn Sie eine Vision für ein glückliches Leben im Alter entwickeln ...?
Mit meinem Mann Hand in Hand im Rollstuhl irgendwo in einem schönen Altersheim im Süden rumzufahren. Noch den Augenblick leben zu können. Wie es Tucholsky gesagt hat: "Erwarte nichts. Heute, das ist dein Leben."


Interview: Jörn Dietze und Rainer Lange
Fotos: Benno Grieshaber


echt TIPP:

Veronica Ferres ist am 6. Dezember in der ZDF-Produktion "Sterne leuchten auch am Tag" zu sehen.

www.veronicaferres.de

 


erschienen in echt, 4. Quartal 2004
Copyright by EKHN, Darmstadt
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