echt Geburtstag     


Landgraf Philipp von Hessen feiert in diesem Jahr seinen 500. Geburtstag

 

 

Feuerkopf mit Visionen

Der Ruf nach mehr Demokratie ist in aller Munde. Aber wussten Sie, dass bereits vor 500 Jahren ein Regent mit dem Ernst machte, was man heute Bürgerbeteiligung nennt? Landgraf Philipp von Hessen, 1504-1567, genannt der Großmütige.

Als einer der ersten Fürsten seiner Zeit wagte er eine grundlegende Erneuerung von Kirche und Staat. Philipp, 1504 in Marburg geboren, führte den evangelischen Glauben in Hessen ein, löste ihn aus der Aufsicht Roms und stellte ihn unter seinen Schutz als Landesherr. Die neue Kirchenordnung trug bereits demokratische Züge: Sie beteiligte Laien und sah vor, dass Entscheidungen gemeinsam diskutiert und getroffen werden.

 

Sein großes Ideal? Gewissensfreiheit. Doch das Gewissen, erkannte der absolute Fürst, kann nur entscheiden, wenn es gebildet ist. Damit möglichst viele Untertanen lesen und schreiben lernen, errichtete er Schulen und "erfand" 1538 Konfirmandenunterricht wie Konfirmation. Junge Menschen wollte er so zu einem "mündigen Glauben" führen. Der Segen "Schutz und Schirm vor allem Argen ...", den Konfirmanden bis heute empfangen, stammt von ihm. Philipp prägte eine neue Idee: "Kompetenz ist wichtiger als adlige Abstammung." Schlüsselpositionen im Staat sollten gut ausgebildete Beamte und Pfarrer innehaben. Um das zu gewährleisten, gründete er in Marburg 1527 die erste protestantische Universität. Auch ein funktionierendes Sozialwesen betrachtete Philipp als zentrale Aufgabe des Staates. Das mittelalterliche Almosenwesen der Klöster gestaltete er um zu einem Sozialsystem mit Hospitälern und einer Armenfürsorge.

Landgraf Philipp von Hessen war ein Staatsmann mit Visionen, die vieles vorwegnahmen, was heute als modern gilt. Und nicht zuletzt der energischste politische Wegbereiter der Reformation.

dsz/jd

Das Jahr 2004 wurde von den beiden hessischen Landeskirchen zum Philipps-Jahr erklärt.

Geschäftsführer bis August war Dr. Dirk Richhardt (42), heute Leiter des Zentralbereichs Öffentlichkeitsarbeit im Hessischen Diakoniezentrum Hephata.

Pfarrer Helwig Wegner-Nord

echt zog mit dem Historiker Bilanz:

Was haben Sie bisher erreicht?
Über 5 Millionen Menschen wurden mit der Person Philipps des Großmütigen bekannt gemacht. Allein weit über 50.000 Interessierte besuchten Ausstellungen von Bensheim bis Kassel - beide sind bis in ferne Zukunft weiter ausgebucht.

Was können wir von Philipp heute lernen?
Dinge anzupacken. Nicht umsonst wurde er von Martin Luther als Feuerkopf bezeichnet. Luther ist für mich der Fundi im Elfenbeinturm der Theologie, Philipp mehr der Realo, der das Machbare, das Erreichbare umsetzt.

Und welchen Nutzen haben die Gemeinden vom Philipps-Jahr?
Wir können unsere Gegenwart besser verstehen, wenn wir einen Blick auf unsere evangelischen Wurzeln richten: Warum wir konfirmieren, warum wir Landeskirchen haben, demokratisch gewählte Gemeindegremien. Und wir können von Philipp lernen, dass es Dinge gibt, für die es sich einzusetzen lohnt.

Ausstellungstermine, Unterrichtsmaterialien und ein Online-Spiel finden Sie unter
www.philipp-von-hessen.de

Was meinen Sie, würde Philipp heute von seiner Kirche halten?
Er würde sich freuen, dass es sie noch gibt - auch wenn er in seinem Testament nur eine hessische Landeskirche festgeschrieben hatte. Wahrscheinlich würde er bedauern, dass im Laufe der Reformation viel Sinnliches verloren ging: Dinge, die das Auge erfreuen. Vielleicht würde er zornig beanstanden, man trage in Kirche und Politik keine Verantwortung mehr für sein Handeln. Immerhin ging er für seine Überzeugung fünf Jahre in den Kerker.*

* 1546 eröffnet Kaiser Karl V. den Krieg gegen die Protestanten. Landgraf Philipp kapituliert 1547, unterwirft sich und geht in Gefangenschaft.


erschienen in echt, 4. Quartal 2004
Copyright by EKHN, Darmstadt
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