echt Leben

Quietscheentchen und Rennschweine?

Seit ich das Puppenstubenaquarium habe, geht es mir gut. Es ist kaum größer als eine Streichholzschachtel. Auf vier silbernen Beinen ruht ein Becken, in dem ein Zebrafisch und ein Guppy schwimmen. Alles Plastik natürlich. Ich habe 50 Cent in das Teil investiert.


Meine Freundin Margitta meint, dass es mir Glück bringt. Sie macht eine Ausbildung zur Feng-Shui-Beraterin. Mir ist diese fernöstliche Lehre fremd. Sie aber ist völlig überzeugt. "Feng und Shui, also Wind und Wasser, gehören zusammen wie Yin und Yang, das Positive und das Negative", erklärt sie. Man könne den Energiefluss zwischen diesen Polen fördern - durch den Einsatz von Formen, Farben, Elementen und Symbolen. "Großer Quatsch", protestiere ich, unser westliches, aufgeklärtes Weltbild verteidigend. Da führt Margitta das Aquarium ins Feld: "In jedem China-Restaurant schwimmen Fische", sagt sie. "Das gehört zu Feng-Shui. Und dass es funktioniert, siehst du daran, dass die China-Restaurants immer voll sind." Spontan sage ich: "Ich habe auch ein Aquarium." So bin ich zu meinem Glücksbringer gekommen. Ich habe Margitta nie verraten, wie klein es ist; dass kein Wasser im Becken ist; dass die Fische sich nicht bewegen. Auch meine Zweifel behielt ich für mich. Aber seither fällt mir auf, wie viele Menschen Glücksbringer haben.

Das Schicksal beeinflussen
Das Phänomen ist nicht neu und auch nicht auf Fernost-Fans beschränkt. Die älteste europäische Abhandlung darüber wird dem lateinischen Schriftsteller Plinius zugeschrieben. Ob Schmuckstücke, Steine, Bildchen oder kleine Objekte - viele Menschen glauben, durch bestimmte Gegenstände ihr Schicksal positiv beeinflussen zu können.

Alles unter Kontrolle
Warum? Eine der grundlegenden Arbeiten zu dem Thema stammt von dem Völkerkundler Bronislaw Malinowski. "Wir finden Magie, wo immer Elemente von Glück und Unglück und das emotionale Spiel zwischen Hoffnung und Angst weiten Spielraum haben. Wir finden Magie nirgends, wo die Tätigkeit als sicher, zuverlässig und unter Kontrolle von rationalen Methoden und technischen Prozessen steht. Weiterhin finden wir Magie überall, wo das Element der Gefahr ersichtlich ist", schreibt er. Wieso? Weil Menschen es schwer aushalten können, keine Kontrolle über ihr Leben zu haben, meint der Wissenschaftsjournalist Stefan Klein, der gerade mit seinem Buch "Alles Zufall - Die Kraft, die unser Leben bestimmt" einen neuen Bestseller veröffentlicht hat. "Hoffen wir dagegen, dass alles nach unserem Willen verläuft, geht es uns gut", schreibt Klein. Dabei hänge das Wohlgefühl kaum davon ab, ob man die Dinge wirklich unter Kontrolle hat oder es nur glaubt.

Jan Ullrich zum Beispiel, der Radrennfahrer, trägt eine Kette mit einem goldenen Kreuz um den Hals. Er ist nicht katholisch, und fromm ist er schon gar nicht. Er ist überzeugt davon, dass ihm das Kreuz Glück bringt. Sein Konkurrent Lance Armstrong hat übrigens auch eins. Es gibt viele wie sie: Kugelstoßerin Astrid Kumbernuss nimmt die Quietschepuppe ihres Sohnes mit zum Wettkampf, Topruderer Marcel Hacker startet nicht ohne Rennschwein Borsty. Untersuchungen zeigen: Sportler, Spieler, Seemänner, Bergleute, Soldaten und Studenten gehören zu den Gruppen, die als besonders abergläubisch gelten.

Das Puppenstubenaquarium steht immer noch in meinem Zimmer. Ich beobachte es seither. Und tatsächlich: Seit es bei mir ist, habe ich oft Glück gehabt. Alles Zufall? Vermutlich. Aber dem ein bisschen auf die Sprünge zu helfen, kann ja nicht schaden.

echt BUCHTIPP:

Stefan Klein, "Alles Zufall -
Die Kraft, die unser Leben bestimmt",
Rowohlt, Reinbek 2004

Cornelia Gerlach
Fotos: Peter Junghänel,
Kerstin Zillmer, PhotoDisc




erschienen in echt, 4. Quartal 2004
Copyright by EKHN, Darmstadt
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