Schleichend
ging es, über Jahre. "Ich habe mich vernachlässigt",
sagt der 40-jährige Stefan Maurer (Name von der Redaktion geändert.),
"einfache Dinge wie waschen, einkaufen oder putzen fielen mir immer
schwerer." Er ließ Freundschaften einschlafen, weil er sich
schämte und die Fragen und Ratschläge nicht mehr hören
konnte. Über die Abende rettete er sich mit Zigaretten und Bier.
"Ich habe viel geschlafen, wollte nicht mehr aufstehen. Wieso auch?"
Es
war einiges zusammengekommen im Leben des gelernten Schreiners. Das
eigene Geschäft pleite, Schulden, Gerichtsvollzieher. Und eine
Vaterschaft, ungewollt, "mit einer Frau, von der ich mich trennen
wollte".
Seele
in Not
Nach Misserfolgen und Enttäuschungen, nach Verlusten und Trennungen
kann Bedrücktsein hilfreich sein. Wir ziehen uns zurück, können
Schweres verarbeiten, haben Zeit zum Nachdenken, können uns neu-
und umorientieren, bevor wir uns wieder voll dem Leben zuwenden.
Wenn
aus dem Nachdenken Grübeln wird, wenn Menschen sich durch Zweifel
an sich und der Welt ermüden, anstatt sich zu erholen, wenn sie
statt Kraft zu schöpfen in Resignation versinken, sind das Symptome
einer ernsten Krankheit: der Depression.
"Die
Hürden schienen unüberwindbar", sagt Stefan Maurer. "Also
habe ich nichts getan. Und das hat mich bestätigt, ein Versager
zu sein, der es schwer hat." Das Gefühl, in einem Kreislauf
gefangen zu sein, ist ein typisches Merkmal der depressiven Erkrankung.
Ich
falle nur zur Last
"Einschlafen", wollte Elisabeth Gärtner, "und morgens
nicht mehr aufwachen." Die 80-Jährige hatte ihren Lebensmut
verloren. Mit Krankheiten hatte sie die letzten Jahre gekämpft:
chronische Rückenschmerzen, ein Blutgerinnsel im Gehirn, das sie
knapp überlebt hat, eine Brustkrebsoperation. Bis vor kurzem war
sie mit einer Gehhilfe gelaufen, jetzt saß sie meist im Rollstuhl.
Forderte ihr Mann sie auf: "Du musst trainieren!", sagte sie:
"Ich kann nicht." Wollten die Kinder sie zu einem Ausflug
abholen, sagte sie: "Ich kann nicht." Und: "Ich falle
nur noch zur Last."
|
Volkskrankheit
Depression
Schätzungsweise
vier Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Depressionen,
doppelt so viele Frauen wie Männer. Frauen, so eine Erklärung,
sind durch Haus- und Erwerbsarbeit doppelt belastet. Und sie gehen
eher zum Arzt als Männer und sprechen dort offener über
ihre Ängste und Stimmungen.
Die Depression ist eine ernste, auch lebensbedrohliche Erkrankung.
Ihre Warnzeichen sind anhaltende Interesse- und Hoffnungslosigkeit,
ein herabgesetztes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle,
Antriebslosigkeit sowie Selbstmordgedanken. Hinzu kommen körperliche
Symptome wie beispielsweise Schmerzen, Schlaf- und Appetitlosigkeit.
Depressionen
verlaufen meist in so genannten Episoden, die Wochen, Monate,
manchmal Jahre anhalten und ohne Behandlung wiederkehren können.
Zwei Drittel der Betroffenen hatten vor ihrer Erkrankung ein belastendes
oder einschneidendes Lebensereignis.
Depressionen
lassen sich wirksam behandeln - auch bei alten Menschen. Den größten
Erfolg verspricht - das zeigen wissenschaftliche Studien - eine
Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie.
|
Reiß
dich doch zusammen!
Runterspielen, Aufmuntern, Ratschläge, Vorwürfe oder Appelle
- all das hilft depressiven Menschen nicht. Im Gegenteil. Die gut gemeinte
Hilfe verstärkt schnell ihre Schuldgefühle oder das Gefühl,
nicht verstanden zu werden. "Depressive reagieren äußerst
sensibel auf Kritik, auf Hinweise, dass sie nicht gut genug sind",
sagt Dr. Michel Oppl, Chefarzt der Klinik für psychosomatische
Medizin Bad Herrenalb im Nordschwarzwald.
Angehörige
verausgaben, erschöpfen sich, wenn sie - meist erfolglos - alles
versuchen, um das depressive Familienmitglied wieder ins "normale
Leben" zurückzuholen. Fachleute raten Angehörigen, auf
die eigenen Grenzen zu achten, das Gefühl "Ich kann nicht
mehr" ernst zu nehmen. Und sich an Ärzte oder Therapeuten
zu wenden. Je früher, desto besser.
Ich
brauche Hilfe
Der Herzinfarkt, mit 38, war eigentlich die logische Konsequenz der
ganzen Jahre, meint Stefan Maurer heute. "Das war nah an der Grenze."
Doch erst Monate später - er rauchte und trank wieder, litt unter
Panikattacken und brach eine Umschulung ab, wurde ihm klar, dass es
"um mein Leben geht. Und ich schaffe es nicht ohne fremde Hilfe."
Depression
ist unterdrückte Wut
Selbstabwertung und gelernte Hilflosigkeit beobachtet Chefarzt Oppl
häufiger bei Patienten mit Depressionen. Zum Krankheitsbild gehöre
die Überzeugung "ich muss alles schlucken" - und unterdrückte
Wut. Die Klinik arbeitet mit verschiedenen Formen der "Beziehungstherapie",
große Bedeutung hat die so genannte "therapeutische Gemeinschaft"
der Selbsthilfe der Patienten. Zur Beziehungstherapie gehört, dass
die Patienten "die eigene Wut ausdrücken und die Erfahrung
machen. Ich muss nicht immer nett sein", sagt Oppl. Dazu gehört
auch "psychosoziale Kompetenz": Mut und Vertrauen, auf andere
zuzugehen, Bedürfnisse nach körperlicher Nähe, nach emotionaler
Offenheit.
"Du
lernst wieder fühlen", sagt Stefan Maurer, "mit allem
Schmerz und Leid, mit aller Wut und Freude. Und du lernst, dich mit
all diesen Gefühlen zu akzeptieren." Und er hat auch gelernt,
dass er mehr Kräfte hat, als er sich vorher zugetraut hat.
Menschen
brauchen Menschen
Stefan Maurer bereitet sich auf die Rückkehr nach Hause vor. Auf
einer Liste hat er notiert, was er tun will. Beziehung klären,
steht da, Wohnung streichen, Tanzkurs. Und Termine machen, mit dem Therapeuten,
mit Freunden. "Du allein schaffst es, aber du schaffst es nicht
allein." Das habe er hier gelernt.
Auf
sich gestellt war Maria Gärtner, als ihr Mann vor einem Jahr mit
Herzbeschwerden ins Krankenhaus kam. Für zwei Wochen musste die
80-Jährige ins Pflegeheim. Sie besann sich auf die eigenen Kräfte
und sie ließ Hilfe zu. Von der resoluten Krankengymnastin etwa.
Die sagte: "Sie laufen wieder mit der Gehhilfe, wenn Ihr Mann aus
dem Krankenhaus kommt."
So kam es. Und der Rollstuhl steht seitdem in einer Ecke der Wohnung.
Rainer
Lange