echt brisant

"Was guckst du so blöd …"
Der Mainzer Anti-Gewalt-Trainer Stefan Werner arbeitet auch mit Jugendlichen, die aus der Opferrolle ausbrechen möchten.

Was guckst du ... Foto: ZefaSteh mal so da, wie immer, Sven*", fordert Stefan Werner und Christian bringt auf den Punkt, was alle denken: "Sieht Scheiße aus, total Warmduscher-mäßig." Weil das auch Svens Schulkameraden finden, muss der 14-Jährige oft genug Prügel einstecken. "Zeig, dass du auch Muskeln im Körper hast." Der Junge stellt sich grader, schiebt die Schultern mehr nach hinten. "Das ist schon ganz anders", lobt Dominik, der als Nächster in den Kreis muss, um sich dem Urteil von 5 anderen Jungs zu stellen.

Angreifer aus dem Konzept bringen
"Opfer sind nicht schuld an Gewalt, aber sie geben meist einen Anlass, den Täter ausnutzen", weiß Stefan Werner, "es gibt eine Körpersprache, die wenig Selbstvertrauen und Gegenwehr signalisiert." Oftmals sind es scheinbar Kleinigkeiten, die der 36-Jährige durch gezieltes Training erkennen und verändern hilft: Die Arme liegen zu eng am Körper, die Schultern stehen zu weit nach vorne, der Gang ist gebückt. "Die meisten übernehmen solche Haltungen von anderen, meistens von Mutter oder Vater", hat Werner festgestellt. Viele erlebten auch
Familienmitglieder als Opfer von körperlicher und seelischer Gewalt. Konfliktsituationen trainiert der Diplom-Sozialpädagoge hautnah. Er stellt sich dicht vor Christian und brüllt wie ein Stier: "Was guckst du so blöd?" "Ääh, ääh, ääh", entfährt es dem Jungen. "Ein Zeichen für genau die Sprach- und Handlungslosigkeit, die wir überwinden wollen", erklärt Werner. Sein Tipp: "Tief einatmen, einen Schritt zurück und mit der ausgestreckten Hand deutlich "Stopp" signalisieren." Das üben die Jugendlichen, bis es überzeugend rüberkommt. Ziel ist, den Angreifer aus dem Konzept zu bringen, der meistens ein klares Bild hat, wie sein Opfer reagieren wird: Das tun, was er verlangt, flüchten oder eine Schlägerei anfangen. "Wir trainieren, keines der Klischees zu bedienen: weder die Tankstelle für das Selbstbewusstsein des Angreifers noch die Müllhalde für seinen Frust sein."

Dr. Verena Kast, Professorin für Psychologie an der Universität Zürich und Buchautorin, beschreibt ein ähnliches Schema für Erwachsene: "Die Rolle des Opfers nehmen wir rasch an, aber die des Angreifers projizieren wir gern auf andere." Nach der Überwindung der Opfer-Angreifer-Dynamik eröffne sich die Perspektive, Gestalter des eigenen Lebens zu werden. Eine gänzlich neue Erfahrung macht heute auch Ilona. "Wer schreit, hat Unrecht", bekam die 13-Jährige über Jahre von der Mutter eingebläut. In der Schule spricht sie daher so leise, dass man sie kaum versteht. Die Folge: Die anderen Mädchen hänseln sie als "Piepsmaus", leerten mehrfach ihren Rucksack im Gebüsch aus. Bei Stefan Werner macht sie nun Schreiübungen: "Geh mir aus dem Weg", muss das Mädchen immer lauter rufen. Als die ersten Passanten verdutzt durch die Scheibe gucken, hat Ilona so laut geschrien, wie noch nie in ihrem Leben. "Noch ein wenig ungewohnt", findet sie das, aber sie ist auch "ganz schön stolz", dass sie es geschafft hat.

echt info
Linktipp: www.gewaltlos.info

Buchtipp:
Verena Kast:
Abschied von der Opferrolle
Herder, Freiburg, 2003
ISBN: 3-451-05374-8

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Ein schmaler Grat zwischen Opfer- und Täterrolle
Die Opferrolle macht Angst. Und so entwickeln bereits Kinder Schutzmechanismen, die dann wieder neuen Anlass geben, sie auszugrenzen. Markus zum Beispiel gibt gerne den "Klassenclown" und Jörg den altklugen "Professor", der mit seinen 12 Jahren alle belehrt. Normal sprechen üben steht für beide auf dem Programm. Jugendliche bei ihrem Abschied von der Opferrolle zu unterstützen, ist für Stefan Werner ein entscheidender Teil von Gewaltprävention, denn: "Es ist ein schmaler Grat zwischen Opfer- und Täterrolle. Aus Angst, wieder zum Opfer zu werden, wechseln viele Jugendliche die Seite und beginnen selbst zu provozieren."

Jörn Dietze


erschienen in echt, 3. Quartal 2004
Copyright by EKHN, Darmstadt
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