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echt
interessant
Was
bleibt
Wenn Wandel an der Tagesordnung ist und Abschied ganz normal
- was ist dann von Dauer? Drei Menschen zeigen und erzählen, was
in ihrem Leben wichtig war und bleibt.
Neunzehntausend
Püppchen
Beate Ziehte, 74 Jahre
Ohne Püppchen kann ich meinen Tag gar nicht rumkriegen. Ich bastle
so etwa 1.000 Püppchen im Jahr, früher waren es 1.500. Aber
jetzt besuche ich jeden Nachmittag meine Schwester Sabine im Pflegeheim,
da schaff ich nicht mehr so viele. Ich mach die Püppchen für
Waisenkinder in der Dritten Welt. Die brauchen doch auch mal 'ne Freude.
Ich habe guten Kontakt zu einigen Missionen und die bringen dann die Püppchen
in ihre Projekte und Heime. Ich wäre selbst gern in die Mission gegangen,
aber ich bin nicht ganz gesund, ich habe diese Anlage, dass ich manchmal
durchdrehe, und deswegen ging das nicht. Ich kriege aber Spritzen, die
helfen sehr gut.
Nach
dem Abitur wollte ich erst studieren, wir waren acht Kinder, und meine
große Schwester hat mir das ausgeredet, sie war nämlich arbeiten
in einer Reifenfabrik. Ich wurde dann Fremdsprachensekretärin für
Französisch, Englisch, Spanisch. Nach einem Nervenzusammenbruch kam
ich in eine Klinik und bekam dort ziemlich viele Elektroschocks. Später,
mit 43, habe ich noch mal was Neues gelernt, Werklehrerin, und habe da
angefangen, aus Ton kleine Figuren zu machen. Da wurde dann mal eine richtig
große Krippe für die Kirche daraus. Und ich habe Handpuppen
gebastelt und alle möglichen Arten von Puppen. Zuerst wollten mir
die Gesichter nicht so gut glücken, deswegen habe ich Schlummerle
gemacht, die hatten die Augen zu. Aber meine Schwester Sabine sagte, können
die denn nicht mal die Augen aufschlagen? Als ich es wieder probierte,
gelang mir das ganz gut. Seit ich nicht mehr berufstätig bin, seit
1993, zähle ich meine Puppenproduktion, wir sind heute bei 18.911.
Im November und Dezember ist Puppenpause, da mach ich nur Weihnachtsarbeiten
und Weihnachtspost. Aber nach Weihnachten, das neue Jahr ist noch nicht
da, da mach ich schon wieder Puppen.
Protokoll:
Marie Lampert
Foto: Thomas Langreder
Großvater war ein richtig Guter
Thorsten
Schmull, 41 Jahre
Eine meiner schönsten Erinnerungen ist die an meinen Großvater.
Der war ein richtig Guter. Ich red nicht so gern drüber, es tut mich
immer berühren. Mein Großvater hat sich mit mir beschäftigt
und mir viel beigebracht, Treckerfahren zum Beispiel. Er war so ein Stiller.
Ein Spruch von ihm war: Musst immer klauen von den Anderen, aber
nur mit den Augen. Der ist gut, oder? Bei mir ist schon viel in die Brüche
gegangen, aber dann geht es doch immer weiter. Im Moment ist die Firma
das Wichtigste. Ich bin 'ne Ich-AG, Heimwerkerservice. Ich hab mal Installateur
gelernt und Dachdecker, und als Maler, Maurer und Eisenbieger gearbeitet.
Ich lern gern Neues. Man kann ja nicht an seinem Ortsschild immer stehen
bleiben. Jetzt lern ich grade Buchführung.
Ich hab mit 17 schon
während der Lehre geheiratet, weil mein Sohn unterwegs war. Fand
ich toll. Uschi war meine erste Frau. Ich stellte mir das so vor mit Familie
und Haus bauen, so ganz normal. So lief es aber nicht. Nach neun Jahren
war die Ehe kaputt, mit zwei Jungs, meine Vorstellungen sind alle den
Bach runtergegangen. Das Problem war die Umgebung, Kneipenmilieu, das
kaputte Klientel, das hat man aber damals nicht so wahrgenommen. Ich kannte
es nicht anders, mein Vater war schwerer Alkoholiker und arbeitete als
Schließer im Knast. Zu Hause war Gewalt das Argument. Ich hab dann
Jahre alleine gelebt und gesoffen wie ein Tier, echt schlimm. Als Uschi
starb, hab ich den Kleinen zu mir geholt, da war er neun. Da saß
ich dann mit meinen Altschulden, Hilfe gab's keine, bis ich irgendwann
mit dem Strick am Tisch gesessen habe. Ich hab ja immer gesagt, ich hab
kein Problem mit Alkohol. Ist doch normal, zehn Bier am Tag. Da sagt mein
Bruder, geh doch mal zur Suchtberatung. Der war nämlich schon da.
Der Weg dahin hat ein Jahr gedauert. Aber die Therapie war dann echt gut.
Man ist schlauer geworden, dass man gewisse Dinge anders regeln soll.
Protokoll:
Marie Lampert
Foto: Thomas Langreder
Ich war kein anderer, als ich jetzt bin
Manfred Kock, 68 Jahre
Das Bild habe ich von einem befreundeten Jesuiten-Pater geschenkt bekommen
- es ist ein Porträt des katholischen Sozialethikers Oswald von Nell-Breuning,
von dem österreichischen Bildhauer Hrdlicka. Ich verdanke Nell-Breunings
Soziallehre viele Impulse. Das Bild hing in meinem Arbeitszimmer; es hat
mich, als ich Präses der Rheinischen Landeskirche und Ratsvorsitzender
der EKD war, daran erinnert, dass wir die Gesellschaft zur Solidarität
ermahnen müssen. Sie braucht Mut zu Reformen. Die Frage ist nur,
wie dabei Solidarität gewahrt wird. Geld-Verdienen-Wollen um jeden
Preis kann die soziale Verantwortung überrollen. An solchen Diskussionen
beteilige ich mich weiter, auch ohne Amt.
Ich
bin sehr glücklich darüber, dass ich auf eine Zeit zurückblicke,
in der ich mit mir identisch war. Ich bin kein anderer gewesen, als ich
jetzt bin. Jetzt aber kann ich wieder ohne Termindruck frei atmen. Ich
kann sogar noch deutlicher für jedes meiner Worte einstehen. Das
lässt mich gut ertragen, dass ich keine Sekretärin mehr habe
und lernen musste, mit dem Computer umzugehen.
Dass es manchen so
schwer fällt, ein Amt hinter sich zu lassen, verstehe ich - aber
nur intellektuell. Mir ist das fremd. Ich denke, auf was ich verzichtet
habe! Ich musste sehr asketisch mit meiner Zeit umgehen, für Freunde,
für Kinder und Enkel und auch für meine Frau hatte ich zu wenig
Zeit. Jetzt kann ich wieder neu mit den Menschen kommunizieren, die mir
viel bedeuten! Der Abschied läutet auch den letzten Lebensabschnitt
ein. Du kannst nicht noch einmal von vorne anfangen! Es gibt eben eine
unerbittliche Endlichkeit. Gelassen macht mich dabei, dass das, was ich
in der Kirche bewirkt habe, eine Episode ist. Neue Menschen machen nun
weiter und was von meinem Werk geblieben ist, muss ich selbst nicht bewerten.
Protokoll:
Irene Dänzer-Vanotti
Foto: Jörn Neumann
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