Blick vom Friedhof Menton auf den darunter liegenden Jachthafen - Foto: Jörn Dietze

echt Glaube

Vergangen sein lassen, was vergangen ist

Jesus sprach zu einem: Folge mir nach! Der antwortete: Herr, erlaube mir, erst noch meinen Vater zu beerdigen. Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein andrer sagte: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir, dass ich mich vorher von denen verabschiede, die in meinem Haus sind. Jesus antwortete ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Aus dem Lukasevangelium (Kapitel 9)

Blick vom Friedhof Menton auf den darunter liegenden Jachthafen  

Lass die Toten ihre Toten begraben - hält man für möglich, dass Jesus einem das Begräbnis des eigenen Vaters verwehrt? Der Abschied von den Toten, die Bestattungskultur, gehört doch zu den wichtigsten Feldern der Religion! Und spricht man auf diese Weise mit einem Mann, dessen Vater gerade gestorben ist?

Das war offensichtlich kein einmaliger Ausrutscher, ein weiteres Beispiel folgt gleich darauf. Nein, sagt Jesus, so soll das nicht sein: erst Abschied nehmen, dann nachfolgen; erst begraben, dann mitkommen. Jesus verwehrt diesen Menschen offensichtlich, was wir schon kleinen Kindern als unverzichtbare Tugend beizubringen versuchen: Man muss erst eine Sache zu Ende bringen, bevor man mit der nächsten beginnt, erst den Baukasten aufräumen, bevor man mit dem Fußball raus darf.

Halt oder Fessel?
Nicht wenige Menschen haben diese Lektion gelernt. Sie müssen - bildlich gesprochen - ihr Leben lang das Kinderzimmer aufräumen. Sie verlieren sich im Ordnen dessen, was war. Und sie verpassen den jetzigen Augenblick und erst recht ihre eigene Zukunft. Der Verlust des Vaters, das Weggehen von zu Hause, der Abschied von Familie und Freundeskreis, also die Brüche und Übergänge des Lebens sind die exemplarischen Augenblicke, in denen Gegenwart und Zukunft gewonnen oder verfehlt werden. Der neuen Situation scheint man nur mit den Halteseilen der Vergangenheit gewachsen zu sein. Aber was mir Halt gibt, fesselt mich zugleich ans Gestern. Und immer wieder sind es die Toten, mit denen sich die Lebenden so lange und intensiv beschäftigen und von denen sie sich noch lange Zeit bestimmen lassen. Deren zu Lebzeiten aufgestellte und eingeübte Regeln werden mitunter noch über Jahrzehnte eingehalten, sind Zeichen einer machtvollen Gegenwart längst verstorbener Angehöriger. In Nacht- und Tagträumen können sie sich so präsent melden, als gäbe es die Grenze zwischen unsrer und ihrer Welt nicht.

Verliert euch nicht im Abschied-Nehmen!
Die Toten müssen manchmal vielleicht erst lernen, dass sie tot sind und ihre Grenzen zu akzeptieren haben. Damit die, die sie zurückgelassen haben, fähig bleiben, ihr Leben zu leben. Die Toten sollen die Toten begraben - das heißt genau: Verwischt nicht die Grenze zwischen Leben und Tod. Jesus sagt: Verliert euch nicht im Abschied-Nehmen. Verliebt euch nicht so sehr in eure Erinnerungen, als sei es eure Gegenwart. Ich rufe euch zu mir ins Leben und will, dass ihr mir nachfolgt und frei seid für das Jetzt.

Helwig Wegner-Nord, Pfarrer, leitet das MEDIENHAUS der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Frankfurt. Er ist Autor von Radiosendungen und spricht das "Wort zum Sonntag" (ARD).
Pfarrer Helwig Wegner-Nord; Foto: privat

Der Blick zurück, in Sehnsucht oder im Zorn, Erlebnisse, Erfahrungen, Erinnerungen - das alles hat die Macht, dich so sehr an die Vergangenheit zu binden, dass dir der Weg zum Reich Gottes verstellt ist. Zum Reich Gottes findet, wer vergangen sein lassen kann, was vergangen ist. Der große Mystiker Meister Eckhart sagt: "Gott ist ein Gott der Gegenwart: Wie er dich findet, so nimmt er dich, und so darfst du hinzutreten. Er fragt nicht, was du gewesen, sondern was du jetzt bist."

Helwig Wegner-Nord     


erschienen in echt, 3. Quartal 2004
Copyright by EKHN, Darmstadt
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