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echt
Glaube
Vergangen
sein lassen, was vergangen ist
Jesus sprach
zu einem: Folge mir nach! Der antwortete: Herr, erlaube mir, erst
noch meinen Vater zu beerdigen. Aber Jesus sprach zu ihm: Lass
die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige
das Reich Gottes! Und ein andrer sagte: Herr, ich will dir nachfolgen;
aber erlaube mir, dass ich mich vorher von denen verabschiede,
die in meinem Haus sind. Jesus antwortete ihm: Wer seine Hand
an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt
für das Reich Gottes.
Aus
dem Lukasevangelium (Kapitel 9)
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| Blick
vom Friedhof Menton auf den darunter liegenden Jachthafen |
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Lass die Toten ihre
Toten begraben - hält man für möglich, dass Jesus einem
das Begräbnis des eigenen Vaters verwehrt? Der Abschied von den Toten,
die Bestattungskultur, gehört doch zu den wichtigsten Feldern der
Religion! Und spricht man auf diese Weise mit einem Mann, dessen Vater
gerade gestorben ist?
Das war offensichtlich
kein einmaliger Ausrutscher, ein weiteres Beispiel folgt gleich darauf.
Nein, sagt Jesus, so soll das nicht sein: erst Abschied nehmen, dann nachfolgen;
erst begraben, dann mitkommen. Jesus verwehrt diesen Menschen offensichtlich,
was wir schon kleinen Kindern als unverzichtbare Tugend beizubringen versuchen:
Man muss erst eine Sache zu Ende bringen, bevor man mit der nächsten
beginnt, erst den Baukasten aufräumen, bevor man mit dem Fußball
raus darf.
Halt
oder Fessel?
Nicht wenige Menschen haben diese Lektion gelernt. Sie müssen - bildlich
gesprochen - ihr Leben lang das Kinderzimmer aufräumen. Sie verlieren
sich im Ordnen dessen, was war. Und sie verpassen den jetzigen Augenblick
und erst recht ihre eigene Zukunft. Der Verlust des Vaters, das Weggehen
von zu Hause, der Abschied von Familie und Freundeskreis, also die Brüche
und Übergänge des Lebens sind die exemplarischen Augenblicke,
in denen Gegenwart und Zukunft gewonnen oder verfehlt werden. Der neuen
Situation scheint man nur mit den Halteseilen der Vergangenheit gewachsen
zu sein. Aber was mir Halt gibt, fesselt mich zugleich ans Gestern. Und
immer wieder sind es die Toten, mit denen sich die Lebenden so lange und
intensiv beschäftigen und von denen sie sich noch lange Zeit bestimmen
lassen. Deren zu Lebzeiten aufgestellte und eingeübte Regeln werden
mitunter noch über Jahrzehnte eingehalten, sind Zeichen einer machtvollen
Gegenwart längst verstorbener Angehöriger. In Nacht- und Tagträumen
können sie sich so präsent melden, als gäbe es die Grenze
zwischen unsrer und ihrer Welt nicht.
Verliert
euch nicht im Abschied-Nehmen!
Die Toten müssen manchmal vielleicht erst lernen, dass sie tot sind
und ihre Grenzen zu akzeptieren haben. Damit die, die sie zurückgelassen
haben, fähig bleiben, ihr Leben zu leben. Die Toten sollen die Toten
begraben - das heißt genau: Verwischt nicht die Grenze zwischen
Leben und Tod. Jesus sagt: Verliert euch nicht im Abschied-Nehmen. Verliebt
euch nicht so sehr in eure Erinnerungen, als sei es eure Gegenwart. Ich
rufe euch zu mir ins Leben und will, dass ihr mir nachfolgt und frei seid
für das Jetzt.
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Helwig
Wegner-Nord, Pfarrer, leitet das MEDIENHAUS der Evangelischen
Kirche in Hessen und Nassau in Frankfurt. Er ist Autor von
Radiosendungen und spricht das "Wort zum Sonntag"
(ARD).
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Der Blick zurück,
in Sehnsucht oder im Zorn, Erlebnisse, Erfahrungen, Erinnerungen - das
alles hat die Macht, dich so sehr an die Vergangenheit zu binden, dass
dir der Weg zum Reich Gottes verstellt ist. Zum Reich Gottes findet, wer
vergangen sein lassen kann, was vergangen ist. Der große Mystiker
Meister Eckhart sagt: "Gott ist ein Gott der Gegenwart: Wie er dich
findet, so nimmt er dich, und so darfst du hinzutreten. Er fragt nicht,
was du gewesen, sondern was du jetzt bist."
Helwig
Wegner-Nord
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