echt
erinnert
Reicht,
wenn du winkst
Momente eines endgültigen Abschieds
Einmal im Jahr hat mich Martin besucht. Meistens Anfang Oktober. Er
kam aus Stuttgart, blieb ein paar Tage in Frankfurt und reiste wieder
zurück in die Stadt, in der er lebte und arbeitete. "Musst
nicht mit zum Bahnhof gehen", sagte er, in der einen Hand den Koffer,
in der anderen die Hutschachtel. "Reicht, wenn du winkst."
Und ich sagte: "Kommt gar nicht infrage." Ich wartete, bis
der Zug anfuhr, lief neben ihm her, bis er den Bahnhof verlassen hatte.
Es war ein Ritual, das wir jedes Jahr wiederholten.
Dann hatte er die
Krankheit zum Tode. Aids. Das ging schnell damals. Die nacheinander
ausbrechenden Krankheiten, zum Schluss dann die Aidsstation. Wir waren
fünf Freunde, ein Team, das dafür sorgte, dass Martin nie
ohne Besuch war. Die in der Nähe wohnten, gingen öfter, und
ich übernahm die Wochenenden.
Oft schlief er,
wenn ich Wache hatte. Einer der Freunde würde in seiner letzten
Stunde - warum sagt man Stunde, warum nicht Minute, Sekunde? - bei ihm
sein. Er hat sich das nicht gewünscht. Wenn wir ihn gefragt hätten
- aber so etwas fragt man nicht -, hätte er gesagt: Vergesst mich
nicht, von der Welt kann ich alleine gehen.
Martin schlief in
dieser Nacht. Ich schob den Sessel an sein Bett und schaute ihn an.
Wie schön er aussah. Die Haut war weich, die Haare auf seinen Armen
schimmerten im Lampenlicht wie feines Gold. Ich dachte: Es ist absurd,
dass so ein schöner Körper sterben kann. Ich habe in dieser
Nacht kein Buch gelesen, ich habe meinen Freund angeschaut und denke
heute: Das war wie das Lesen einer Geschichte, unserer Geschichte.
Er war mein Nachbar
in Tübingen. Wenn ich auf dem Balkon saß, konnte ich ihn
unter mir auf dem Garagendach tanzen sehen. Er studierte Kunstgeschichte
und Musik und ging vier Mal in der Woche zum Balletttraining. Sein Tanz
sah so elegant aus, dass ich spontan Beifall klatschte - so lernten
wir uns kennen. Wir gingen Hand in Hand durch Tübingen, mit einer
Freundin machte er damals einen besseren Eindruck als mit einem Mann.
Ich ging gern an seiner Hand. Sie war groß und fest.
Ich schob in der
Nacht, in der ich an seinem Bett saß, noch einmal meine Hand in
seine, als könne ich ihn dadurch festhalten. Oder aufhalten. Ich
bin froh, dass ich nicht eingeschlafen bin. Ich habe in dieser Nacht
gehört, wie ein Mensch stirbt. Das war ungeheuerlich. Ein Atemzug
- und dann keiner mehr. Er hat sein Leben ausgehaucht. Ich kenne keinen
Satz, der den Tod besser beschreibt als dieser. In dem Jahr, in dem
mein Freund starb, habe ich mich im Traum oft winkend neben einem Zug
herlaufen sehen.
Dass Martin mit
vierzig Jahren sterben musste, ist traurig. Dass ich ihn bis an diese
Schwelle bringen durfte, war wie ein Geschenk an mich.
Liza
Prust