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Wenn Kinder trauern

Erwachsene übersehen oft die Trauer von Kindern und Jugendlichen, weil sie mit ihrem eigenen Schmerz beschäftigt sind. Doch Kinder brauchen ihren Raum zum Trauern und Menschen, die sie begleiten.

Wir haben ein Unglück ..." Mitten in der Nacht hat die Mutter Katharina geweckt, vor bald drei Jahren. Die Nacht, in der ihr 20-jähriger Bruder Igor starb. "An zu viel Drogen." Fünfzehn war Katharina da. "Es war zu schrecklich. Er lag tot vor dem laufenden Fernseher. Ich sah ihn und konnte es doch nicht glauben." Als vor der Beerdigung der Sarg geschlossen wird, wirft Katharina sich darauf, aus Angst, "wenn ich Igor nicht mehr sehe, bin ich auch weg. Wir waren uns so nah gewesen." Die Mutter greift ein, schüttelt sie: "Hör auf. Wir kommen damit klar. Glaube mir." Das hilft. "Erst dann habe ich gemerkt, dass meine Mutter da ist."

Doch bald erlebt das Mädchen, wie hilflos auch ihre Eltern sind. "Mein Vater wollte nicht mehr arbeiten, wollte nicht mehr schlafen, nicht mehr essen. Und meine Mutter hat immer geweint ..." "Eltern und erwachsene Angehörige sind oft so mit ihrem eigenen Schmerz beschäftigt, dass sie ihre Kinder nicht durch die Trauer begleiten können", sagt Christel Gattinger-Kurth von DOMINO, dem Zentrum für trauernde Kinder in Odenthal bei Köln.

Mama und Papa schonen
Die Kinder fühlen sich allein mit ihren Gefühlen, Ängsten und Fantasien. Nach außen zeigen sie sich oft angepasst und lieb, übernehmen Verantwortung und Aufgaben. "Sie gehen auf Papa- und Mamaschonung", meint Christel Gattinger-Kurth. Auch Katharina hat das gemacht. Hat versucht, den Vater zum Essen zu ermuntern. Hat gelacht und so getan, als ob sie alles vergessen hat. Die Rolle des starken, vernünftigen kleinen Erwachsenen überfordert Kinder, sagen Trauerbegleiter. Was sie brauchen, ist Entlastung. Und Raum für ihre Trauer.

Verbindung spüren
Kinder trauern anders. Springen zwischen hemmungslosem Weinen, Spielen und Lachen. Das Wechselbad von Angst, Wut, Verzweiflung und Schuldgefühlen irritiert und ängstigt sie. DOMINO gibt ihnen - in den 14-tägigen Trauergruppen - Raum und das Gefühl, dass alle Gefühle zur Trauer gehören und gezeigt werden dürfen. Etwa im "Vulkanraum", wo sie mit Boxhandschuhen, Punchingbällen, Sandsäcken und "Wutbrocken" aus Schaumstoff Verzweiflung und Zorn heraustoben können.

Auf die Gefühlsarbeit folgt das Erinnern. Verbundenheit spüren können - und sich langsam ablösen. Die Kinder zeichnen etwa das schönste Erlebnis mit dem Verstorbenen oder basteln liebevoll Erinnerungskartons. In die packen sie Schätze vom Toten: das gebrauchte Deo des Vaters, den Führerschein, Fotos...

Den eigenen Weg gehen dürfen
Jeder Mensch erfährt Trauer anders, reagiert auf seine Weise. Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen Sicherheit geben und sich auf sie einlassen. Und dabei manches beherzigen, was ihnen selbst vielleicht schwer fällt. Offen über den Tod sprechen zum Beispiel. Direkt antworten und nicht ausweichend. Den Kindern ermöglichen, sich persönlich vom Toten zu verabschieden, und sie dabei begleiten. Gemeinsam Rituale zu finden: Blumen auf das Grab bringen etwa oder ein "Oma-Erinnerungs-Essen."

Trauer braucht ihre Zeit. Bei DOMINO bleiben viele Kinder eineinhalb Jahre: "Bis sie sich satt erinnert und satt gesehnt haben", sagt Christel Gattinger-Kurth. Katharina redet bis heute oft mit ihrem Freund Tom über den toten Bruder, weint dabei. "Es ist mir sehr wichtig, zu zeigen, dass ich Igor nicht vergessen habe. Und mich nicht schäme, dass er wegen Drogen gestorben ist. Es ist sein Weg gewesen."

Rainer Lange

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erschienen in echt, 3. Quartal 2004
Copyright by EKHN, Darmstadt
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