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echt
Interview
und denkt,
ich wär Don Camillo
Herr
Niedecken, welche Abschiede waren die schwersten für Sie ?
Mein Vater ist mit 76 mit einer großen Unruhe gestorben, ob aus
seinem Kronprinz mal was wird. Damals war ich 29 und hatte in der bildenden
Kunst einen Fuß in der Tür, hätte aber keine Familie ernähren
können. Dass ich nie ernsthaft mit ihm über seine Sorgen gesprochen
hab, das war eine verpasste Chance
die Sie ja dann in einem Song verarbeitet haben.
Tragikomischerweise war der erste Hit der über das verpasste Gespräch
- "Verdamp lang her". Das Thema ist mir in den nächsten
Jahren nie abhanden gekommen. Vor allen Dingen, je älter meine Söhne
wurden. Die sind jetzt 18 und 20 und ich seh mich in der Abteilung, in
der ich früher meinen Vater gesehen hab.
Ertappen
Sie sich dabei, dass Sie genauso reagieren wie er ?
Ich betrachte es natürlich unangestrengter. Wenn ich die Jungs mal
ein paar Tage nicht gesehn hab, dann denk ich nicht, dass da was aus dem
Ruder läuft. Wenn sie dann wieder da sind, denke ich, die Typen sind
klasse, die machen das schon. Bewahr mal die Ruhe, die du dir damals von
deinem Vater gewünscht hättest.
Und
Ihre Mutter ?
Sie ist an Alzheimer und Parkinson elend zugrunde gegangen. Zu sehen,
wie 'ne starke Persönlichkeit, die immer die Chefin war, so abbaut,
dass man sie nicht mehr wiedererkennt - das ist ein unglaublich harter
Abschied auf Raten.
Wie
haben denn Ihre Kinder den Tod der Oma erlebt ?
Meine kleinen Töchter haben das Abschied-Nehmen schon sehr früh
gelernt. In diesem ganzen Krankheitselend war trotzdem dieses Positive
drin, dass sie mitempfunden haben und erleichtert waren, als die Oma es
hinter sich hatte. Man hatte sie noch mal nett in ihren Rollstuhl gesetzt.
Die Kinder haben ihr noch mal die Hände gestreichelt und sich auf
ihre Art von ihr verabschiedet.
Sie
haben einmal von Glaube, Hoffnung und Nächstenliebe als wichtige
Tugenden gesprochen. Hat das auch mit Gott zu tun?
Wer kann sich schon anmaßen zu wissen, wie der Gott aussieht, wo
es den gibt, ob der ein Mann oder ein Weib oder eine Zuckerdose ist. Das
weiß ich doch nicht. Ich kann mir nicht anmaßen, das zu wissen.
Und wenn es einer meint, dann bin ich tolerant genug zu sagen, o.k.
Und
wie halten Sie es mit dem eigenen Glauben ?
Ich glaube wie Peppone
(schmunzelt). Manchmal spricht der sogar mit mir und denkt, ich wär
Don Camillo. Manchmal erwisch ich mich dabei, dass ich irgendwelche Deals
mit ihm mache.
In
Songtexten verarbeiten Sie sehr negative Erlebnisse mit der Kirche
Ich bin in einem katholischen Internat aufgewachsen, ungeheuer repressiv.
Glaube hatte immer mit Drohungen zu tun. Da muss ich nur über diese
Beichterei reden, dann werd ich schon wieder sauer. Das war auch letztendlich
der Punkt, warum ich aus der Kirche ausgetreten bin. Nun war das damals
keine große religiöse Zeit, sonst wäre ich direkt in die
evangelische eingetreten.
Sprechen
Sie in Ihrer Familie darüber ?
Bei uns zu Hause ist Religion kein Unthema. Ich hab immer dafür gesorgt,
dass meine Kinder auch in den Religionsunterricht gehen. Sie sind nicht
getauft. Das kann aber alles passieren. Alle anderen kriegen ein weißes
Kommunionskleid und Gott weiß was für welche Geschenke mit
Riesen-Zinnober. Und meine sitzen dann auch schon mal zu Hause und sagen:
Wir wollen auch zur Kommunion. Das kann aber nicht der Grund sein.
Wie
sieht es mit den Idealen aus, die Sie in den 80er-Jahren besungen haben
? Sind die auf der Strecke geblieben ?
Ich war 87 in Nicaragua und da ist mir mein Friedenstäubchen abhanden
gekommen. Ich bin kein Pazifist mehr. Ich weiß, was Pinochets oder
Somosas mit Menschen veranstalten, die nicht bereit sind, sich zu wehren.
Tut mir Leid, bin ich mit durch. Schlimm, dass mir dieses Ideal abhanden
gekommen ist, aber es ist besser, man kapiert irgendwas und sperrt sich
nicht gegen Erkenntnisse.
Aber
BAP war doch eigentlich immer eine Band für die Friedensbewegten...
?
Das war nicht geplant. Wir haben da vorher noch Witze gemacht - "guck
ma da, wie die aussehn"; "Teppichtaschen, Henna-honey, wäh".
Waren eigentlich ganz schön zynisch unterwegs. Und dann haben wir
gedacht - "aber ja, recht ham se schon". Von Hausbesetzung über
Anti-Atomkraft und Friedensbewegung und Nachrüstungsgeschichten und
weiß der Teufel wat: "äwwer Recht ham se schon."
Und
das hat Sie dann politisiert ?
Ich bin durch den Vietnamkrieg politisiert worden. Wir wehrten uns dagegen,
dass die Amerikaner in Vietnam das machten, und haben dann bei unseren
Vätern nachgefragt: "Wat habt ihr eigentlich in der Nazizeit
gemacht?" Wir waren da unbarmherzig, muss man sagen. Absolut unbarmherzig.
Heute
beklagen wir ja eher, dass junge Menschen sich nicht mehr solche Gedanken
machen.
Die Kinder einer Generation, die sich ungeheuer in die Kurve gelegt hat
für Ideale, werden ihre Eltern dabei erwischen, wie sie die Ideale
selber nicht hochgehalten kriegen. Die werden zynischer geraten und mehr
auf Egoismus, auf Karriere oder weiß der Teufel was abfahren. Das
wird sich immer abwechseln, das ist ein logisches Ding. Man selber ist
ja auch in 'nem Wandel, muss versuchen, Fehler nicht mehr zu machen, Vorsätze
beizubehalten
Und
welche Vorsätze haben Sie ?
Ich will nicht als Zyniker enden. Auch wenn mir hier und da zynische Sätze
rausflutschen, über die ich dann lache und denke, o.k., jetzt aber
noch ma' richtig.
Wie
beurteilen Sie die aktuelle Situation in Deutschland?
Ich glaube, dass diese Reformen jetzt zu machen sind. Je länger da
noch rumgeschoben wird und je länger irgendwelche Provinzfürsten
anfangen, ihr eigenes Süppchen zu kochen oder sich ins richtige Licht
zu stellen - und dann wieder beim Populismus enden, desto tiefer gerät
man in diesen Sumpf.
Welche
Werte setzen Sie dagegen?
Wahrhaftigkeit ist das allerwichtigste. Rückgrat zu haben in einer
Situation, die ohnehin privilegiert ist, ist einfacher, als wenn man als
arme Sau auf der Straße steht und gucken muss, wie man seinen Bauch
voll kriegt.
Können
Eltern ihren Kindern etwas für ein selbst bestimmtes Leben mitgeben
?
Du kannst den Kindern alles erzählen, solange du denen nichts vorlebst,
wird nichts davon landen. Da meine Söhne bei der Mutter aufgewachsen
sind, hatten wir die meiste Zeit eher eine Art Kumpel-Verhältnis.
Erst in den letzten Jahren habe ich gemerkt: Die sehn mich auch als Vater.
Meinen Töchtern kann ich schon eher etwas vorleben.
Und
was ist Ihnen da besonders wichtig ?
Man muss Zusammenhänge erklären. Wie sollen Kinder, die in die
Schule kommen, Dinge unterscheiden? Wie viel Oberflächlichkeit da
als Köder ausliegt: die dicke Freundin, mit der Bravo unterm Arm,
die die ganze Zeit Süßigkeiten frisst. Da musst du was gegensetzen
können.
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Wolfgang
Niedecken wurde 1951 in Köln geboren und besuchte ein katholisches
Internat. Er studierte freie Malerei und gründete 1976 die
Gruppe BAP, die sich zu einer der erfolgreichsten Bands der Rockgeschichte
entwickelte. Der Songschreiber und Gitarrist tourte unter anderem
durch China, Masambik Nicaragua und die UdSSR. 1998 wurde ihm das
Bundesverdienstkreuz verliehen, seit 2004 ist er Botschafter der
CARE-Aktion "Gemeinsam für Afrika".
www.gemeinsam-fuer-afrika.de
www.bap.de
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Wie
nehmen Sie Einfluss?
Du musst sie teilhaben lassen an dem, was du selber tust. Wenn man versucht,
immer nur der aufgeschlossene Vater zu sein, der unreflektiert jede schicke
Sache mitmacht, halte ich das für falsch. Die Kinder müssen
ja auch ihre Kriterien für Qualität entwickeln können.
Wenn sie mir ihre Musik vorspielen, stelle ich zum Beispiel Bezüge
zu älteren Sachen her. Dann können sie das besser einordnen.
Jede Generation soll denken, sie hat den Rock'n'Roll neu erfunden. Aber
besser is', man weiß, wo's herkommt.
Sie
hoffen also, dass Ihre Songs auch einmal als Teil der Rockgeschichte gewürdigt
werden?
Es ist der Wunsch, nicht in Vergessenheit zu geraten. Wenn ein alter,
weiser Mensch, der viel erlebt hat, stirbt - was da an Kapazität
unter die Erde gerät, das ist ja unfassbar. Man muss doch seine Erfahrungen
auch für seine Kinder in irgendeiner Form nutzbar machen. Wenn einem
das wirklich attestiert wird, dann kann man glücklich sein.
Interview:
J. Rainer Didszuweit und Jörn Dietze
Fotos: Cathia Hecker
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