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echt
Glaube
Tanz
im Gotteshaus
In der Gemeinde, in
der ich vor Jahren Pfarrer war, gab es in der Mitte des neuen Gemeindezentrums
einen schönen, großen Raum. Am Sonntag wurde hier Gottesdienst
gefeiert, an der Stirnseite hing ein drei Meter hohes, schlichtes Holzkreuz.
Aus der Gemeinde war
dem Kirchenvorstand vorgeschlagen worden, in diesem Raum einen Tanz
in den Mai zu veranstalten. Altar, Pult und Taufbecken könnten
in die Ecke geschoben, die Stühle und Tische an der Seite aufgestellt
werden, so dass in der Mitte Raum und Platz zum Tanzen wäre. Eine
dreiköpfige Band war auch schon angefragt worden und mit großem
Interesse an solch einer Veranstaltung konnte man nicht nur in der Gemeinde,
sondern im ganzen Stadtteil rechnen.
Im Alltag hin und
her gerissen
In einer Kirche ausgelassen feiern mit Tanz und Wein? Muss der Kirchenraum,
selbst in einem modernen Gemeindezentrum, nicht
ein besonderer Ort bleiben? Ein Platz, an dem Menschen sich nicht ihren
Gefühlen hingeben, sondern an dem sie ihre Gefühle
ordnen können? Der Mensch ist im Alltag hin und her gerissen von
Freude und Trauer, Angst und Wut, Hoffnung und Enttäuschung,
Hass und Lust. Und in der Kirche, an diesem besonderen Ort, da will man
nun doch gerade dieses gnädige Stück Abstand zu den bisweilen
auch verwirrenden und widersprüchlichen Sinneseindrücken! Galt
es nun also, diesen gottesdienstlichen Raum und seine Atmosphäre
vor der Ausgelassenheit des Maitanzes zu schützen? Manche waren dieser
Meinung.
Es ist ein Missverständnis, dass in der Religion alles verboten sei,
was Spaß macht. Gott hat nichts gegen die Sinnenfreude oder gar
die Lust. Doch immer wiedertaucht das wie ein unausrottbares Vorurteil
auf. Die Geschichte der Leibfeindlichkeit begleitet die Geschichte
des Glaubens wie eine strenge Schwester, die sich als selbst ernannte
Gouvernante von Zeit zu Zeit zu Wort meldet und die Nase rümpft.
Alles andere als
leibfeindlich
Dabei
ist der christliche Glaube alles andere als lust- und leibfeindlich: Gott
ist Mensch geworden, mit Haut und Haar und einem Herzen voller Gefühle,
fähig zur Liebe und zum Zorn, mit Spaß am Feiern und vom Tod
des Freundes zu Tränen erschüttert. Jesu Einladung zum Essen
und Trinken ist folgerichtig das größte christliche Heiligtum,
das Sakrament, das alle Kirchen und Konfessionen miteinander und mit Christus
verbindet. Daran erkannte man schon die ersten christlichen Gruppen; sie
haben sich mit Freude zum gemeinsamen Essen getroffen.
| Der
Frankfurter Pfarrer Helwig Wegner leitet das MEDIENHAUS der
Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Er ist Autor von
Radiosendungen und spricht das "Wort zum Sonntag"
(ARD). |
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Der Kirchenvorstand
in der Frankfurter Stadtrandgemeinde traf eine mutige Entscheidung. Der
Tanz in den Mai fand statt. Besonders schön: Es sind
viele gekommen, die sich sonst nicht auf einen Ball getraut hätten
und deren letzter Walzer Jahrzehnte zurücklag. Zu Füßen
des Kreuzes wurde getanzt und gelacht, geflirtet und rheinhessischer Wein
getrunken. Wahrscheinlich gelingt es gerade dann, ein ausgelassenes Fest
zu feiern, wenn im Zusammensein der Menschen die Nähe Gottes zu spüren
ist. Jedenfalls wollte in den folgenden Jahren niemand mehr drauf verzichten,
unter dem Dach der Kirche in den Mai zu tanzen.
Helwig Wegner
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