echt Glaube kompakt

Mensch, Gott !

Die Widerhaken der Peitsche rissen ganze Fleischfetzen aus dem gemarterten Rücken. Das Gesicht unter der Dornenkrone war blutüberströmt. Action-Regisseur Mel Gibson wusste, wie man auf Sensation bedacht die Passion Christi regelgerecht in Szene setzt.
Aber die entscheidende Frage sparte der Film, der in wenigen Wochen mehr als 300 Millionen Dollar einspielte, sorgfältig aus: Was eigentlich soll das Leiden des Jesus von Nazareth mit den Menschen von heute zu tun haben – wenn sie nicht einfach nur auf Spektakuläres aus sind?

Die Frage ist nicht neu. Sie zielt seit 2.000 Jahren auf den Kern des christlichen Glaubens: Hat der elende Tod Jesu am Kreuz auf dem Hügel Golgatha für andere Menschen eine Bedeutung, außer vielleicht für seine nächsten Angehörigen und Freunde? Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten, darauf zu antworten:

Das älteste erhaltene Lied der ersten Christen versucht, das Rätsel von der Menschwerdung Gottes in Worte zu fassen:
»Lied vom Sklaven Gottes
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Hunger und Nägelkauen
Möglichkeit eins: Jesus, wahrer Mensch. Sohn eines Zimmermanns, aufgewachsen in einer jüdischen Kleinstadt, früh mit eigenem Kopf und deutlichem Hang zum Religiösen. Er erlebte, was Menschen erleben: Hunger, Durst, Müdigkeit, Muskelkater, Sehnsucht nach einer Frau, Magenschmerzen, Nasebohren und heimliches Nägelkauen. Er hat gelacht und geweint, Witze erzählt, gehofft und gezweifelt. Ein wunderbarer Mensch, der die Botschaft von der Liebe Gottes zu den Menschen, von der Vergebung wie der Liebe zum Nächsten verkündete. Und leider in die Mühlen der Religionsbürokratie
geriet, die kurzen Prozess mit ihm machte. Sein Ende als Verbrecher am Kreuz beruhte auf einem tragischen Justiz-
Irrtum. Er ist dann elend gestorben. Weg. Aus der Welt. Seitdem nicht mehr als eine Erinnerung.

Klein auf Zeit
Möglichkeit zwei: Jesus, wahrer Gott. In seinem Leben wäre dann etwas Einzigartiges geschehen. Etwas, das unser menschliches Denken und unsere Grenzen von Raum und Zeit weit überschritt. In diesem Menschen Jesus von Nazareth wäre Gott leibhaftig in die Geschichte der Menschen eingetreten, hätte sich gewissermaßen auf Zeit ganz klein gemacht und wäre ein Mensch geworden wie alle Menschen. Aber: Wenn Jesus wahrer Gott war, stand er ja wohl über den Dingen. Dann war er entrückt und allmächtig. Nur dann konnte er die Wunder tun, von denen alle erzählten. Aber andererseits konnte ihn das menschliche Leben auch nicht wirklich berühren, denn er war darüber erhaben. Er musste auch nicht leiden, sondern es sah nur so aus. Dann ist er auch nicht gestorben, sondern dorthin gegangen, woher er kam: zurück in die Sphäre Gottes, außerhalb von Raum und Zeit.

Superengel oder was ?
Sechs von zehn Bundesbürgern glauben, dass es Gott gibt. Irgendwie, irgendwo, irgendwann. Allenfalls für Stoßgebete in Krisensituationen zuständig. Eine Art Superengel mit der Lizenz zum Eingreifen, gewissermaßen, im wahren Leben eher unsichtbar. Aber an Jesus von Nazareth zeigt sich das Problem: Hat Gott denn etwas mit unserem Leben zu tun, und wenn ja, woher wollen wir das wissen?
Sehr früh haben die Christen begriffen, dass die Berichte von Tod und Auferstehung Jesu nur einen Sinn machen, wenn man versucht, das Undenkbare zu denken: Dass beides wahr sein könnte. Jesus – wahrer Mensch und wahrer Gott. Kein Entweder-Oder, kein fauler Kompromiss, von jedem ein bisschen, sondern das Unvereinbare zusammen, beides ganz und gar. Nur so macht Sinn, was die Christen einander von Anfang an bezeugten: dass mit dem Menschen Jesus Gott selbst ans Kreuz gegangen sei und die Schuld aller Menschen ein für allemal auf sich genommen habe. Nur deshalb konnten sie Jesus ihren „Erlöser“ nennen.

Warum mit weniger zufrieden sein ?
Gott und Mensch? Ja und nein? Feuer und Wasser? Schwarz und weiß? Zu verstehen ist das nicht. Hier ist Glaube gefragt. Jahrhundertelang wurde über diese theologische Frage unter Christen leidenschaftlich gestritten, bis hin zur offenen Feindschaft. Das ist Vergangenheit, und das ist gut so.

Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Andererseits: Die Frage nach der Göttlichkeit Jesu scheint heutzutage kaum mehr ein Thema zu sein. Für die meisten ist er nur noch ein freundliches Vorbild. Und wenn jemand anderes behauptet, regt das niemanden auf. Dabei wäre eine solche Diskussion für den Glauben lebenswichtig. Damit wieder klarer würde, was die Christen seit Urzeiten wussten: dass jeder Mensch Versagen, Lebenslügen und Schuld vor Gott bringen und ihn um Vergebung bitten kann, weil Jesus am Kreuz alles auf sich genommen hat.
Warum eigentlich mit weniger zufrieden sein?

JOACHIM SCHMIDT      

 


erschienen in echt, 2. Quartal 2004
Copyright by EKHN, Darmstadt
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