echt Interview

Nia Künzer - Foto: Cathia HeckerEin Kopfball brachte Nia Künzer weltweit ins Rampenlicht. Ihr Tor machte Deutschland 2003 in den USA zum Fußballweltmeister der Frauen. echt sprach mit der Nationalspielerin über Sport und andere Dinge, die sich lohnen.

"Eine Meinung gehört zum Leben..."

Macht Ihnen Fußball auch als Spitzensportlerin noch richtig Spaß?

Ja, bei uns Frauen steht das Spielerische noch mehr im Vordergrund, weil wir sowieso nicht das große Geld verdienen. Wenn man eine Mannschaft hat, in der man sich wohl fühlt, dann lohnt
sich schon dafür das Training. Nachdem man zehn Minuten zusammen gelacht hat, kann man sich auch ’ne halbe Stunde richtig quälen. Das muss aber nicht in der Bundesliga sein. Man kann auch mit Freunden sonntags auf ’nem Sportplatz kicken.

Was empfinden Sie heute, wenn Sie Ihr entscheidendes WM-Tor ansehen ?

Meistens muss ich grinsen. Macht Spaß, macht wirklich Spaß. Wir hatten eine richtig gute Zeit, waren eine richtig gute Mannschaft. Auch wenn ich als Ersatzspielerin manchmal nicht happy war.

Ist es ein Problem, plötzlich im Rampenlicht zu stehen ?

Bislang nicht. Ich habe hoffentlich die richtigen Termine zu- oder abgesagt. Auch meine langen blonden Haare haben sich bislang
nicht negativ ausgewirkt. Ich will aber nicht als blonde „Sexy Nia“ abgestempelt werden. Da sag ich mir dann: Steh drüber, nichts ist
älter als die Zeitung von gestern.

Und der Erfolgsdruck ... ?

Den hatte ich auch früher nicht – anders als andere Sportler, deren Eltern Trainer oder Manager sind. Meine Eltern haben mir als
Kind nur geholfen und mich zu Spielen hingefahren. Oder mir in schwierigen Phasen mal ins Gewissen geredet, wenn ich keinen Bock hatte: „Du kannst jetzt deine Mannschaft nicht im Stich lassen, das gehört sich nicht.“

Mussten Sie für den Erfolg Verzicht üben ?

Doch. Schon, weil ich viel unterwegs war. Aber ich habe noch Zeit – anders als beispielsweise Tennisspielerinnen, die mit jungen Jahren schon durch die ganze Welt fliegen. Das ist auch eine Sache der eigenen Organisation. Wenn ich freitags abends vom Training komme und eigentlich müde bin, mach ich trotzdem noch was mit meinen Freunden. Wenn man in Freundschaften nichts investiert, braucht man auch nicht zu erwarten, dass sich andere melden.

An welchem Punkt würden Sie sich ernsthaft überlegen, ob Verzicht für den Sport wirklich lohnt ?

Ganz schwierig wird es, wenn der Kontakt zur Familie verloren geht. Daher bin ich auch zu Hause in Wetzlar geblieben und nicht nach Frankfurt gezogen. So versuche ich, die richtige Balance zu wahren.

Nia Künzer, 1980 in Botswana geboren, wo ihre Eltern als Entwicklungshelfer
arbeiteten, wuchs mit einem leiblichen Bruder und 8 angenommenen Geschwistern im Albert-Schweizer-Kinderdorf Wetzlar auf. Die Pädagogik-Studentin spielt als Stürmerin beim 1. FFC Frankfurt und wurde durch ihr „Golden Goal“ mit ihrem Team 2003 Weltmeisterin.

Was bedeutet Ihnen Ihre Familie ?

Ich bin zu Hause, wo meine Familie ist. Ich habe 3 kleine Cousinen, die wollen mich sehen und ich will die sehen. Das entspannt, auch wenn es mal nicht ruhig zugeht. Ich bin in einer riesengroßen Familie aufgewachsen als zweitjüngste und wir haben ein enges Verhältnis. Viele meiner Geschwister wohnen hier in der Nähe. Und je erwachsener wir werden, desto besser wird unser Verhältnis. Freunde und Familie sind schließlich das, was bleibt.

Sie kurieren gerade Ihren vierten Kreuzbandriss aus. Haben Sie nicht daran gedacht, alles hinzuschmeißen ?

Zuerst war es ein Albtraum. Man verliert kurzfristig den Glauben, dass es weitergehen soll. Wieso bitte viermal ich und andere gar nicht? Irgendwie liegt es aber in der Natur des Menschen, dass er wieder vergisst. Wäre das Gefühl, das ich nach der OP hatte, noch präsent, würde ich auf alle Fälle sagen: Geh mir bloß weg mit Fußball.

Spielt auch der eiserne Wille eine Rolle, der Ihnen oft bescheinigt wird ?

Ich hab mir nicht vorgenommen, in 6 oder 8 Monaten kicke ich wieder, sondern denke von Schritt zu Schritt: Erst ist das Ziel, mit
Krücken zu laufen, dann ohne, dann joggen zu gehen. Wenn man problem- und schmerzfrei ist, kommt wieder die Lust zu spielen, sich zu bewegen. Aber man muss auch einen Willen haben, denn Reha ist kein Spaß. Das ist mental und physisch sehr anstrengend und anspruchsvoll.

Lernt man durch den Sport etwas fürs Leben ?

Ich studiere ja Erziehungswissenschaften. Rein von Untersuchungen her lässt sich nicht belegen, dass Sport soziale Kompetenzen
fördert. Meine Erfahrung ist jedoch: Man lernt, wo man sich unterordnen und wo man sich durchsetzen muss. Man kann auch üben, seine Meinung zu sagen. Insgesamt tut das schon ganz gut, glaube ich.

Es heißt ja, Sport hat etwas Völkerverbindendes. Aber selbst bei Olympia zählt heute doch mehr der Medaillen-Spiegel ...

Das machen die Medien daraus. Innerhalb des olympischen Dorfes und vor allem bei der Eröffnungsfeier muss es ein sehr erhebendes gemeinsames Gefühl sein. Das ist ja schon bei der Weltmeisterschaft so, wenn nur die eigene Sportart auf dem Programm steht.

Sie gelten als sozial engagiert, haben zum Beispiel nach dem Abitur ein soziales Jahr in einem integrativen Kindergarten absolviert ...
... das war auch im Hinblick auf mein Studium eine richtige Entscheidung und der letzte Anstoß, Pädagogik zu studieren. Trotzdem würde ich nie sagen, ich bin super sozial engagiert. Es hat sich mehr so ergeben, vielleicht, weil es mir einfach liegt.

Interessieren Sie sich für Politik ?

Niemand kann sagen, das geht mich nichts an. Politik ist doch allgegenwärtig. Nicht zur Wahl zu gehen, ist nicht drin. Man muss schon seine Meinung haben – auch wenn es zu vielem nicht die super Alternativen gibt.

Welche Vorbilder haben Sie ?

Zinedine Zidane von Real Madrid spielt in seiner eigenen Liga. Da ist Ästhetik im Spiel, alles aus einem Guss – fließende Bewegungen, Ball und Zidane. Ich bewundere ihn für seine Fähigkeiten, habe mich aber nicht an ihm orientiert.

An wem orientieren Sie sich dann ?

Bei vielem an meinen Eltern, auch wenn man das anfangs nicht wahrhaben will (lacht). Und es gibt Menschen, die mich beeindrucken, die ich manchmal gar nicht persönlich kenne.

Können Sie ein Beispiel nennen ?

Nelson Mandela. Wenn ich den morgen treffen könnte, würde ich hingehen, egal was passiert. Das sind Leute, die faszinieren durch ihrer Lebensgeschichte und ihre Taten. Ich war auch auf einer Veranstaltung, bei der Kofi Annan sprach. Der hat auch eine unheimliche Ausstrahlung und steht irgendwie noch für Moral in der Welt, als gutes Gewissen. Und damit ist ja auch eine Last verbunden.

Sie selbst sind für viele Jugendliche zu einem Vorbild geworden ...

Gestern schrieb mir ein Mädchen: „Ich möchte gerne mal werden wie du.“ Da denke ich mir einfach nur: süß. Sie kennt mich
zwar nicht, aber was sie von mir mitkriegt, scheint so positiv auf sie zu wirken, dass sie so etwas sagt. Das ist ein schönes Gefühl.

Was würden Sie diesen jungen Fans gerne vermitteln ?

Dass es nicht nur die Erfolgserlebnisse sind, die Sport lohnend machen. Ich hab Freunde kennen gelernt, die ich noch über den Fußball hinaus habe. Durch Sport, egal auf welchem Niveau, kommt man herum und sei es nur in der Bezirksliga oder auf Turnieren.
Gerade für Kinder aus schwierigen Verhältnissen kann Sport eine Struktur ins Leben bringen. Mitspielerinnen sagen, sie hätten ohne Sport und den dazugehörigen Freundeskreis nie ihr Fachabitur gepackt.

Und außerhalb des Fußballfeldes ?

Ich finde es wichtig, dass junge Leute sich informieren und wissen, was in der Welt passiert. Wer nichts weiß, kann sich auch keine Meinung bilden. Und eine Meinung zu haben gehört zum Leben. Da muss man nicht gleich für eine bestimmte politische Partei stehen. Ich gehe wählen, weil das mein Mitbestimmungsrecht ist – und das möchte ich nutzen.


INTERVIEW: J. RAINER DIDSZUWEIT UND JÖRN DIETZE
FOTOS: CATHIA HECKER


erschienen in echt, 2. Quartal 2004
Copyright by EKHN, Darmstadt
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