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echt Interview
"Eine
Meinung gehört zum Leben..." Macht Ihnen Fußball auch als Spitzensportlerin noch richtig Spaß? Ja, bei
uns Frauen steht das Spielerische noch mehr im Vordergrund, weil wir sowieso
nicht das große Geld verdienen. Wenn man eine Mannschaft hat, in
der man sich wohl fühlt, dann lohnt Was empfinden Sie heute, wenn Sie Ihr entscheidendes WM-Tor ansehen ? Meistens muss ich grinsen. Macht Spaß, macht wirklich Spaß. Wir hatten eine richtig gute Zeit, waren eine richtig gute Mannschaft. Auch wenn ich als Ersatzspielerin manchmal nicht happy war. Ist
es ein Problem, plötzlich im Rampenlicht zu stehen ? Bislang
nicht. Ich habe hoffentlich die richtigen Termine zu- oder abgesagt. Auch
meine langen blonden Haare haben sich bislang Und
der Erfolgsdruck ... ? Den hatte
ich auch früher nicht anders als andere Sportler, deren Eltern
Trainer oder Manager sind. Meine Eltern haben mir als Mussten Sie für den Erfolg Verzicht üben ? Doch. Schon, weil ich viel unterwegs war. Aber ich habe noch Zeit anders als beispielsweise Tennisspielerinnen, die mit jungen Jahren schon durch die ganze Welt fliegen. Das ist auch eine Sache der eigenen Organisation. Wenn ich freitags abends vom Training komme und eigentlich müde bin, mach ich trotzdem noch was mit meinen Freunden. Wenn man in Freundschaften nichts investiert, braucht man auch nicht zu erwarten, dass sich andere melden. An welchem Punkt würden Sie sich ernsthaft überlegen, ob Verzicht für den Sport wirklich lohnt ? Ganz schwierig wird es, wenn der Kontakt zur Familie verloren geht. Daher bin ich auch zu Hause in Wetzlar geblieben und nicht nach Frankfurt gezogen. So versuche ich, die richtige Balance zu wahren.
Was bedeutet Ihnen Ihre Familie ? Ich bin zu Hause, wo meine Familie ist. Ich habe 3 kleine Cousinen, die wollen mich sehen und ich will die sehen. Das entspannt, auch wenn es mal nicht ruhig zugeht. Ich bin in einer riesengroßen Familie aufgewachsen als zweitjüngste und wir haben ein enges Verhältnis. Viele meiner Geschwister wohnen hier in der Nähe. Und je erwachsener wir werden, desto besser wird unser Verhältnis. Freunde und Familie sind schließlich das, was bleibt. Sie kurieren gerade Ihren vierten Kreuzbandriss aus. Haben Sie nicht daran gedacht, alles hinzuschmeißen ? Zuerst war es ein Albtraum. Man verliert kurzfristig den Glauben, dass es weitergehen soll. Wieso bitte viermal ich und andere gar nicht? Irgendwie liegt es aber in der Natur des Menschen, dass er wieder vergisst. Wäre das Gefühl, das ich nach der OP hatte, noch präsent, würde ich auf alle Fälle sagen: Geh mir bloß weg mit Fußball. Spielt auch der eiserne Wille eine Rolle, der Ihnen oft bescheinigt wird ? Ich hab
mir nicht vorgenommen, in 6 oder 8 Monaten kicke ich wieder, sondern denke
von Schritt zu Schritt: Erst ist das Ziel, mit Lernt man durch den Sport etwas fürs Leben ? Ich studiere
ja Erziehungswissenschaften. Rein von Untersuchungen her lässt sich
nicht belegen, dass Sport soziale Kompetenzen Es heißt ja, Sport hat etwas Völkerverbindendes. Aber selbst bei Olympia zählt heute doch mehr der Medaillen-Spiegel ... Das machen die Medien daraus. Innerhalb des olympischen Dorfes und vor allem bei der Eröffnungsfeier muss es ein sehr erhebendes gemeinsames Gefühl sein. Das ist ja schon bei der Weltmeisterschaft so, wenn nur die eigene Sportart auf dem Programm steht. Sie
gelten als sozial engagiert, haben zum Beispiel nach dem Abitur ein soziales
Jahr in einem integrativen Kindergarten absolviert ... Interessieren Sie sich für Politik ? Niemand kann sagen, das geht mich nichts an. Politik ist doch allgegenwärtig. Nicht zur Wahl zu gehen, ist nicht drin. Man muss schon seine Meinung haben auch wenn es zu vielem nicht die super Alternativen gibt. Welche Vorbilder haben Sie ? Zinedine Zidane von Real Madrid spielt in seiner eigenen Liga. Da ist Ästhetik im Spiel, alles aus einem Guss fließende Bewegungen, Ball und Zidane. Ich bewundere ihn für seine Fähigkeiten, habe mich aber nicht an ihm orientiert. An wem orientieren Sie sich dann ? Bei vielem an meinen Eltern, auch wenn man das anfangs nicht wahrhaben will (lacht). Und es gibt Menschen, die mich beeindrucken, die ich manchmal gar nicht persönlich kenne. Können Sie ein Beispiel nennen ? Nelson Mandela. Wenn ich den morgen treffen könnte, würde ich hingehen, egal was passiert. Das sind Leute, die faszinieren durch ihrer Lebensgeschichte und ihre Taten. Ich war auch auf einer Veranstaltung, bei der Kofi Annan sprach. Der hat auch eine unheimliche Ausstrahlung und steht irgendwie noch für Moral in der Welt, als gutes Gewissen. Und damit ist ja auch eine Last verbunden. Sie selbst sind für viele Jugendliche zu einem Vorbild geworden ... Gestern
schrieb mir ein Mädchen: Ich möchte gerne mal werden wie
du. Da denke ich mir einfach nur: süß. Sie kennt mich
Was würden Sie diesen jungen Fans gerne vermitteln ? Dass
es nicht nur die Erfolgserlebnisse sind, die Sport lohnend machen. Ich
hab Freunde kennen gelernt, die ich noch über den Fußball hinaus
habe. Durch Sport, egal auf welchem Niveau, kommt man herum und sei es
nur in der Bezirksliga oder auf Turnieren. Und außerhalb des Fußballfeldes ? Ich finde es wichtig, dass junge Leute sich informieren und wissen, was in der Welt passiert. Wer nichts weiß, kann sich auch keine Meinung bilden. Und eine Meinung zu haben gehört zum Leben. Da muss man nicht gleich für eine bestimmte politische Partei stehen. Ich gehe wählen, weil das mein Mitbestimmungsrecht ist und das möchte ich nutzen.
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erschienen
in echt, 2. Quartal 2004
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