echt Bibel

Die echt-Serie zum "Jahr der Bibel 2003" hat ein großes und positives Leser-Echo ausgelöst. Deshalb haben wir uns entschlossen, diese Serie fortzusetzen: In jedem Heft werden wir uns mit einem der großen "Brocken" des christlichen und evangelischen Glaubens beschäftigen.


Abendmahl
Was man zum Leben braucht


Das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern, so wie es sich der Filmemacher Mel Gibson in seinem neuesten Werk "Die Passion Jesu Christi" vorstellt.
Aber der friedliche Eindruck täuscht: Größtenteils besteht der Film aus blutigen Szenen von Verhör, Folterung und Hinrichtung Jesu.

Foto: Constantin Film


Manchen trifft es unvorbereitet. Die Orgel erklingt eher in Moll, Pfarrerin oder Pfarrer heben am Altar vorsichtig kleine Tücher hoch. Ein Kelch und eine Kanne kommen zum Vorschein. Auch ein Teller ist dabei. Wenig später sammelt sich die Gemeinde um den Altar. Spätestens jetzt beschleicht den ungeübten Kirchgänger ein beklommenes Gefühl: Soll ich auch - oder lieber doch nicht? Jeder erhält eine Oblate und trinkt einen Schluck Wein. Pfarrer oder Pfarrerin sprechen ein Segenswort.

 

In der Nacht des Verrats
Das Abendmahl ist eine Erinnerung an den letzten Abend, den Jesus vor bald 2.000 Jahren mit seinen Jüngern verbrachte, bevor er verhaftet und hingerichtet wurde. Im Orient nimmt man die Hauptmahlzeit nach dem Sonnenuntergang zu sich. Es war kein Festessen damals - keine Rede von Fleisch, Gemüse oder Süßigkeiten. Eher ein Essen der Armen. Brotfladen als Grundnahrungsmittel, ebenso Wein für die Lebensgeister. Der älteste Bericht über diesen Abend wird Jahrzehnte später formuliert. Der Apostel Paulus schreibt in einem seiner ersten Briefe Worte auf, die offenbar schon lange in den Gemeinden der Christen in Umlauf waren: "In der Nacht, als Jesus verraten wurde, nahm er das Brot, dankte, brach es, gab es seinen Jüngern und sprach: Nehmt hin und esst, das ist mein Leib … Das tut zu meinem Gedächtnis." (1. Korinther 11, 23 ff.) Diese "Einsetzungsworte" werden auch heute noch gesprochen.Leider hat damals niemand Protokoll geführt. Was wir über jenen Abend wissen, kommt aus späteren Erinnerungen. So kann niemand sagen, ob Jesus das Brot wirklich als seinen Leib und den roten Wein wirklich als sein Blut bezeichnet hat. Oder ob er nur meinte: Erinnert euch an dieses Mahl, wenn ich nicht mehr bei euch bin.

Mehr als nur eine Erinnerung
So haben es die Christen dann in den ersten Jahrzehnten wohl auch gehalten: Anfangs täglich, später am ersten Tag der Woche versammelten sie sich um einen Tisch, beteten, teilten Brot und Wein, lasen in den heiligen Schriften der Juden und erzählten sich von
Jesus. Sie erlebten ihre Gemeinschaft und sie waren sicher, dass er in diesen Momenten unter ihnen war, so sicher wie Brot und Wein vor ihnen auf dem Tisch. Beides waren Symbole für seinen Leib und sein Blut, aber sie waren mehr als ein reiner Erinnerungswert. Sie zeigten seine lebendige Gegenwart. So sehen das die meisten Christen auch heute noch, nach 2.000 Jahren.

Glaubenssache
Symbole haben zwar auch heute eine Bedeutung, aber die Sache selbst sind sie nicht. In der Antike sah man das anders: Das Symbol und die Wirklichkeit waren fast das Gleiche. Die ersten Christen haben es ganz konkret verstanden: Beim gemeinsamen Mahl ist Christus unter ihnen, in der Gestalt von Brot und Wein. Christus, nicht Jesus. Der von den Toten Auferstandene, nicht der Gestorbene. Das Abendmahl ist vom Glauben an die Auferstehung nicht zu trennen und das gilt bis heute. Wer Jesus Christus für tot hält, der wird auch mit dem Abendmahl nicht viel anfangen können. Der Evangelist Matthäus berichtet, dass Jesus einmal zu zwei Blinden, die ihn um Heilung baten, gesagt habe: "Wie ihr geglaubt habt, so soll es geschehen." (Matthäus 9,29) Und sie wurden sehend. Es gibt wohl Momente, da fallen Glaube und Wirklichkeit zusammen. Das ist der Punkt, auch beim Abendmahl.

Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt (c) Daniel Kilian
Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Kein spiritueller "Schnellimbiss"
Wer zum Essen einlädt, bestimmt die Gästeliste. Nach uraltem christlichem Verständnis ist es Jesus Christus selbst, der zu Tisch bittet, wie damals, am Vorabend seines Todes. So haben es die Christen von Anfang an gesehen - und zunächst einmal sich selbst eingeladen gefühlt. Nicht jeder war geladen. Nur wer getauft war und deshalb dazugehörte, durfte teilnehmen. Später wurde die Taufe der Kinder ergänzt durch eine feierliche Zulassung der Halbwüchsigen zum Abendmahl - die Erstkommunion der Katholiken und die Konfirmation der Protestanten. Wer also
"verdient" eine Einladung? Muss man auch heute noch getauft sein und konfirmiert? Braucht man vielleicht sogar den "Check" durch die Mitgliedschaft in der Gemeinde? Und: Was ist mit Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind oder vielleicht nie dazu gehört haben? Reicht schlichtes persönliches Interesse? Die Antwort ist buchstäblich eine Glaubensfrage. Natürlich wird in der Praxis kein Pfarrer und kein Priester einen Fremden beim Abendmahl oder der Kommunion zurückweisen. Aber das geschieht "auf Treu und Glauben". Das Abendmahl ist nun einmal kein spiritueller "Schnellimbiss" für jedermann. Andererseits: Wie sollen Menschen denn erfahren, dass hier eine Kraftquelle für ihr Leben liegen kann? Und schließlich: "Verdienen" kann man sich Gottes Nähe ohnehin nicht. Sie ist ein Geschenk. Und darin sind sich nun wieder alle einig.

Joachim Schmidt

Den ersten Teil dieser Serie finden Sie » hier im echt-Archiv

Den zweiten Teil dieser Serie finden Sie » hier im echt-Archiv

Den dritten Teil dieser Serie
finden Sie » hier im echt-Archiv

Den vierten Teil dieser Serie finden Sie » hier im echt-Archiv


erschienen in echt, 1. Quartal 2004
Copyright by EKHN, Darmstadt
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