echt Schule

Man fühlt sich wie Luft

Anita Berger und Mario Schmidt besuchen dieselbe Schule. In einem Stadtteil, in dem jeder Zehnte arbeitslos ist. Mario ist Aussteiger, sie Einsteigerin. Der 13-Jährige gilt als notorischer Schulschwänzer. Frau Berger ist nach vielen Jahren in der Wirtschaft in den Lehrberuf zurückgekehrt. Eindrücke aus dem herben Alltag einer Gesamtschule, wobei die Frage auftaucht, ob es eine gute Idee unserer Politiker ist, an Schule und Bildung sparen zu wollen.


Mario ist sparsam. Sparsam mit Gesten, mit Worten, mit Erklärungen. Keine Muskeln, keine dicken Sprüche. Einer, der sich gern unsichtbar machen würde, sagt sein Lehrer. Das wäre ihm fast gelungen. Mario ist wochenlang nicht in der Schule aufgetaucht.

Ich bin einfach nicht hingegangen. Das habe ich mir erst morgens im Bett überlegt. Ich habe gewartet, bis alle aus dem Haus waren, dann bin ich rumgelaufen. Mal auf der Messe, mal am Main. Oder ich bin gleich zu Hause geblieben und habe Fernsehen geguckt oder geschlafen. Manchmal habe ich gedacht: Morgen gehste wieder hin. Aber dann hatte ich Angst, dass die Lehrer Stress machen. Also habe ich wieder geschwänzt. Aber schwänzen ist nicht wirklich gut, weil man ein schlechtes Gewissen hat. Das ist nicht wie Ferien.

Ich will was werden
Zuerst habe ich mit meinem Vater im Wohnwagen gelebt. Den hat es nicht interessiert, ob ich in die Schule gehe. Jetzt wohne ich mit meiner Mutter, meinem Stiefvater und meinen drei Geschwistern im Industriegebiet. Meine Mutter sagt, ich soll öfter in die Schule gehen. Deshalb fährt sie mich manchmal mit dem Auto hin und geht mit mir hoch, bis ins Klassenzimmer. Das ist peinlich, weil ich mir vorkomme wie ein Kindergartenkind. Wenn die Schule nicht bei meiner Mutter angerufen hätte, wäre ich noch länger weggeblieben. Man muss in die Schule gehen, wenn man was werden will. Ich will was werden, Dachdecker oder Elektriker wie mein Stiefvater. Dafür braucht man einen Hauptschulabschluss. Den könnte ich schaffen, sagt mein Lehrer, aber nur, wenn ich immer komme.

Was ich gut kann? Arbeiten. Ich kann mit Holz umgehen und mit Metall. Mit meinem Stiefvater habe ich einen Esszimmertisch gebaut. Mein Stiefvater sagt, ich bin gut.

Zu lang, zu langweilig
Schule ist langweilig, deswegen gehe ich nicht oft hin. Außerdem stören die Mitschüler, labern im Unterricht, weil sie nichts verstehen, und schreiben Briefchen. Schule müsste spannend sein. Wir müssten mehr Mathe machen, Geometrie und Winkelberechnung oder Stationstraining. Da werden Aufgaben auf den Tisch geklebt, man geht von Tisch zu Tisch und muss sie lösen. Da gibt's keinen Gewinner, es geht darum, selbst zu lernen. Wir bräuchten mindestens vier Pausen am Tag und die Unterrichtsstunden sind auch zu lang: 45 Minuten kann ich nicht zuhören. Die Lehrer müssten lockerer sein und die Schule dürfte nicht länger dauern als bis 12 Uhr.

Seit kurzem bin ich in einer Klasse für Schulschwänzer. Wir haben einen eigenen Lehrer und zwei Sozialpädagoginnen. Hier ist es besser. Seit ich hier bin, habe ich auch einen Freund. Wir frühstücken jeden Morgen, haben einen Spielplatz gebaut und Werkstätten besucht. Bald muss ich zurück in die alte Klasse, jetzt erst mal nur in Mathe. Zurückkommen ist, wie neu in die Klasse kommen. Ich gehe jetzt schon öfter in die Schule. Das letzte Mal habe ich vor zwei Wochen gefehlt. Ich hatte keine Lust. Es hat mich keiner gefragt, warum ich nicht gekommen bin. Es wäre besser gewesen, wenn einer gefragt hätte. Man fühlt sich sonst wie Luft.

Eine zweite Perspektive

Frau Berger ist Lehrerin. Nach Jahren in der Wirtschaft hat sie nun eine Stelle
in ihrem alten Wunschberuf - und das erste Schuljahr hinter sich. Wenn sie vom Lehrerzimmer in den Klassenraum geht, macht sie die Schultern breit und drückt die Ellenbogen raus. "Sonst rennen dich die Schüler um. Als ob man Luft wäre."

Frau Bergers Unterwäsche
Respektlos sind nur die Schüler, die man nicht kennt. Nicht die eigenen. Frau Berger mag ihre Schüler und die mögen sie. Seit Olaf von der Schule verwiesen wurde, ist in ihre Klasse Ruhe eingekehrt. Olaf hat Schülerinnen belästigt, an die Wand gepresst und befingert. Zwei Mitschüler haben willig Schmiere gestanden. Seitdem er weg ist, rätselt keiner mehr laut, ob Frau Berger einen Tanga trägt. Der Umgangston ist Frau Berger wichtig, dafür macht sie sich stark. Beleidigungen und derbe Flüche sind weniger geworden in ihrer Klasse, im Großen und Ganzen jedenfalls.

Lose ziehn für Fette-Sau
Deutschstunde, 8. Klasse. Ein Alter, in dem Lippenstift und Zahnspange zusammengehen. Bei den Jungs gilt die Mütze auf dem Kopf als cool. Mütze auf der Kapuze ist noch cooler.

"Yussuf, spuck mal den Kaugummi aus." Das Thema heißt heute "Ein Tag ohne Strom". In der zweiten Stunde werden 24 Schüler vor ihren Heften sitzen und sich eine Geschichte ausdenken. Ohne dass sie vorher darüber gesprochen haben, würde kaum einem Schüler etwas einfallen. Also sammeln alle zusammen erst mal Stichworte: Was würde passieren, wenn der Strom ausfällt?

Sie ziehen einen Zettel mit Zahlen und losen kleine Gruppen aus. Das muss sein, weil sich niemand freiwillig zu Hannah setzen würde. In der Klasse heißt sie nur Fette Sau. Hannah hat fünf Geschwister, der Vater ist arbeitslos. Von den anderen unterscheidet sie nichts, höchstens der Von den anderen unterscheidet sie nichts, höchstens der ältliche Spitzenkragen. Egal, raus bist du. "Yussuf, spuck den Kaugummi aus! Und seid doch mal leise. Solange ich erkläre, ist Ruhe." Frau Berger hat selten das Wort für sich allein.

Yussuf bummelt zum Papierkorb, die Mädchen kichern und beugen sich über braune Packpapierbögen, auf denen sie auflisten sollen, was ohne Strom nicht funktioniert: "Kasetenrekorder, Haarföner, Clearanlage, Michser, Glateisen." Sofie soll das Ergebnis präsentieren.

Sofies Geheimnis
Sofie ist immer verhüllt, eingepackt in einen wattierten Mantel, bis oben zugeknöpft. Ihre leise Stimme versteckt sich zwischen hochgezogenen Schultern. Irgendwas stimmt nicht, glaubt Frau Berger. Sofie hat auch am Strand ihre Jacke nicht ausgezogen, als die Klasse beim Ausflug einen Zwischenstopp zum Baden eingelegt hatte. Sofie sitzt oft teilnahmslos in der Bank und guckt vor sich hin.

Frau Berger überlegt, wie sie an das zugeknöpfte Mädchen rankommen soll. Vielleicht steckt sexueller Missbrauch dahinter. Für Sozialarbeit bin ich eigentlich nicht ausgebildet, denkt Frau Berger. Ob sie noch einmal bei der Mutter anrufen soll? Die ist noch nie zu einer Sprechstunde erschienen.

Im nächsten Jahr werden die meisten die Schule verlassen - mit oder ohne Hauptschulabschluss. Eine Lehrstelle werden nur wenige bekommen. Was dann kommt, kennen die meisten schon von zu Hause.

Michaela Böhm


erschienen in echt, 1. Quartal 2004
Copyright by EKHN, Darmstadt
« Zurück